Zwischen Schlammschlacht und Logistik-Wahnsinn: Wenn der Weg das Ziel ist
Expeditions: A MudRunner Game verlässt die ausgetretenen Pfade des reinen Transports und setzt auf wissenschaftliche Erkundung. Doch ist der neue Fokus auf Gadgets und Planung wirklich ein Fortschritt für die Serie?
Wer die MudRunner- oder SnowRunner-Reihe kennt, weiß, worauf er sich einlässt: Es geht nicht um Geschwindigkeit, sondern um den Kampf gegen die Natur. Mit Expeditions: A MudRunner Game schlägt Entwickler Saber Interactive einen leicht anderen Weg ein. Statt tonnenschwere Baumstämme durch den Matsch zu ziehen, schlüpfen wir in die Rolle eines Expeditionsleiters. Wir erkunden, wir messen, wir graben nach Artefakten. Doch fühlt sich das Spiel nach einer echten Evolution an, oder ist es eher ein festgefahrener Versuch, das Genre neu zu erfinden?
Die Physik als Hauptdarsteller
Das Herzstück des Spiels bleibt die ungeschlagene Physik-Engine. Wenn man mit seinem Geländewagen durch einen tiefen Sumpf pflügt, spürt man förmlich, wie sich die Reifen in den Untergrund graben. Das Gewicht der Fahrzeuge, die Traktion auf verschiedenen Oberflächen und die Art und Weise, wie sich die Umgebung unter den Rädern verformt, sind auch 2024 noch das Maß aller Dinge. Hier macht Expeditions niemand etwas vor. Wer den Nervenkitzel sucht, ein Fahrzeug zentimeterweise über eine Klippe zu manövrieren, während das Fahrwerk ächzt, wird hier voll auf seine Kosten kommen.
Mehr Wissenschaft, weniger Last
Der größte inhaltliche Wechsel liegt in der Missionsstruktur. In SnowRunner war der Frustfaktor oft hoch, weil man nach einer Stunde Fahrt kurz vor dem Ziel umkippte. Expeditions versucht, dies durch eine stärkere Fokussierung auf die Vorbereitung zu entschärfen. Vor jeder Mission wähle ich mein Fahrzeug, meine Reifen, meine Winden und spezielle Gadgets wie Echolote oder Metalldetektoren aus.
Das ist taktisch durchaus spannend. Es fühlt sich belohnend an, wenn man ein schwieriges Gelände dank der richtigen Ausrüstung – etwa dem Einsatz von Ankern, um sich an steilen Hängen hochzuziehen – meistert. Dennoch: Die “Wissenschaft” bleibt spielerisch oft recht oberflächlich. Ein Knopfdruck hier, eine Sonde dort – das ist kein komplexes Gameplay, sondern eher eine Fleißaufgabe, die den Spielfluss manchmal unnötig unterbricht.
Die Schattenseiten der Expedition
Wo Licht ist, ist leider auch Schatten. Ein massiver Kritikpunkt ist die Benutzeroberfläche. Die Menüs wirken überladen und wenig intuitiv. Besonders wenn man mitten in der Wildnis steht und schnell zwischen verschiedenen Gadgets wechseln muss, fühlt sich die Steuerung hakelig an. Es ist ein Spiel, das viel Vorbereitung verlangt, aber die Werkzeuge dafür nicht immer benutzerfreundlich präsentiert.
Zudem fehlt zum Start der Multiplayer-Modus. Gerade das gemeinsame Bergen von Fahrzeugen oder die Absprache bei schwierigen Routen war das Salz in der Suppe der Vorgänger. Dass Saber Interactive diesen Modus erst nachreichen will, hinterlässt einen faden Beigeschmack. Auch die KI-Begleiter, die man für bestimmte Aufgaben anheuern kann, agieren oft ungeschickt. Anstatt eine echte Hilfe zu sein, blockieren sie manchmal den Weg oder bleiben in Situationen hängen, in denen man sie eigentlich selbst steuern möchte.
Grafik und Atmosphäre
Optisch macht Expeditions einen soliden Sprung nach vorne. Die Umgebungen – von den staubigen Canyons von Arizona bis zu den dichten Wäldern der Karpaten – sind atmosphärisch dicht und laden zum Innehalten ein. Das Lichtspiel bei Sonnenuntergang, wenn sich die Schatten über die zerfurchten Pisten legen, ist schlichtweg wunderschön. Zusammen mit dem minimalistischen, aber passenden Sounddesign entsteht eine meditative Stimmung, die man so in kaum einem anderen Rennspiel findet.
Fazit: Ein Nischenprodukt für Geduldige
Expeditions: A MudRunner Game ist kein Spiel für zwischendurch. Es ist eine Simulation, die Geduld, Frustrationstoleranz und eine gewisse Liebe zum Detail erfordert. Die neuen Gadgets und der Fokus auf Erkundung sind eine willkommene Abwechslung zur reinen Logistik-Arbeit der Vorgänger, wirken aber stellenweise noch nicht ganz ausgereift.
Für Fans der Serie ist der Titel ein Pflichtkauf, da er die Kernmechaniken perfektioniert und neue taktische Ebenen hinzufügt. Wer jedoch auf ein zugängliches Offroad-Erlebnis hofft, wird an der sperrigen Menüführung und dem langsamen Pacing schnell verzweifeln. Expeditions ist wie eine echte Geländefahrt: Man bleibt ab und zu stecken, man flucht über den Untergrund, aber wenn man den Gipfel erreicht hat, ist das Gefühl der Erleichterung unbezahlbar. Es ist noch kein Meisterwerk, aber ein verdammt starkes Stück Simulations-Handwerk, das mit Updates hoffentlich noch die nötige Politur erhält.
+ PRO
- +Herausragende Physik-Engine, die jeden Stein und Schlammloch spürbar macht.
- +Motivierendes Fortschrittssystem durch Upgrades und neue Ausrüstung.
- +Entschleunigtes, taktisches Gameplay abseits von Arcade-Hektik.
- CONTRA
- -Teilweise frustrierende UI und umständliche Menüführung.
- -Fehlender Multiplayer zum Launch mindert den Langzeitspaß.
- -Die KI der Begleitfahrzeuge ist oft eher hinderlich als hilfreich.
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