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Schatten, Schüsse und verdammt harte Entscheidungen: Intravenous 2: Mercenarism im Test
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Schatten, Schüsse und verdammt harte Entscheidungen: Intravenous 2: Mercenarism im Test

Intravenous 2: Mercenarism liefert knallharte Stealth-Action, die sich anfühlt wie eine düstere Hommage an die frühen Splinter Cell-Tage, aber mit einem eigenen, gnadenlosen Twist. Ein Spiel für Taktiker, die keine Fehler verzeihen.

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Dennis Adam
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Wer die Ära der taktischen Stealth-Spiele der frühen 2000er Jahre vermisst, in denen man nicht durch eine „Action-Taste“ vor dem Scheitern bewahrt wurde, der hat mit Intravenous 2: Mercenarism sein neues Zuhause gefunden. Entwickler Explosive Squat Games hat den Vorgänger genommen, die Mechaniken verfeinert und ein Erlebnis geschaffen, das sich anfühlt wie ein digitaler Adrenalinstoß. Aber ist es auch ein Spiel für jeden? Definitiv nicht.

Das Spielprinzip: Geduld ist eine Tugend

In Intravenous 2 schlüpfen wir in die Rolle eines Söldners, der sich durch komplexe, von Feinden wimmelnde Areale arbeitet. Das Spielprinzip ist simpel, aber fordernd: Wer laut ist, stirbt. Wer unvorsichtig ist, stirbt. Wer nicht plant, stirbt ebenfalls. Das Spiel zwingt einen dazu, die Umgebung zu lesen. Lichtquellen sind hier nicht nur Dekoration, sondern essenzielle Werkzeuge. Ein gezielter Schuss auf eine Glühbirne verändert das gesamte taktische Gefüge eines Raumes.

Was mich besonders beeindruckt hat, ist die Freiheit. In einer Mission in einem schwer bewachten Lagerhaus hatte ich die Wahl: Den Stromkasten im Keller sabotieren, um das Gebäude in Dunkelheit zu hüllen, oder mich durch die Lüftungsschächte an die Wachen heranzupirschen. Dass das Spiel diese Entscheidungen nicht durch Skripte vorgibt, sondern durch logische Spielmechaniken ermöglicht, ist die größte Stärke von Mercenarism.

Die KI: Wenn der Gegner wirklich zuhört

Ein großes Problem vieler moderner Stealth-Titel ist die vorhersehbare KI. Intravenous 2 bricht mit dieser Tradition. Die Gegner reagieren auf Geräusche, untersuchen ungewöhnliche Lichtverhältnisse und kommunizieren miteinander. Wenn man eine Leiche nicht ordentlich versteckt, wird der nächste Patrouillengänger Alarm schlagen – und dann ist es meistens schon zu spät. Die Schusswechsel sind kurz, brutal und tödlich. Ein paar Treffer reichen aus, um den “Game Over”-Bildschirm zu sehen. Das sorgt für eine ständige Anspannung, die man in heutigen AAA-Produktionen oft schmerzlich vermisst.

Wo es knirscht: Die erzählerische Leere

Doch wo Licht ist, ist auch Schatten. Und hier muss ich als Journalist ehrlich sein: Die Story ist der schwächste Punkt des Spiels. Wir spielen einen namenlosen Söldner in einer Welt, die sich zwar düster anfühlt, aber kaum Charaktertiefe bietet. Die Dialoge sind zweckmäßig, die Motivationen der Charaktere wirken oft wie aus einem B-Movie der 90er Jahre zusammengeklaubt. Man spielt Intravenous 2 nicht für die Geschichte, sondern für das Gameplay. Wer eine tiefgreifende Erzählung sucht, wird hier enttäuscht.

Auch technisch gibt es kleinere Baustellen. Die Grafik ist zweckmäßig und erfüllt ihren Zweck, aber gelegentlich trüben Clipping-Fehler das Bild. Wenn eine Leiche beim Ablegen halb in einer Wand verschwindet oder die Kollisionsabfrage bei Objekten in hektischen Momenten kurz aussetzt, reißt das einen kurz aus der ansonsten dichten Atmosphäre. Es sind keine Game-Breaking-Bugs, aber sie fallen auf.

Das Urteil: Ein Nischen-Juwel

Intravenous 2: Mercenarism ist kein Spiel für Gelegenheitsspieler, die nach einem langen Arbeitstag kurz abschalten wollen. Es ist ein Spiel, das volle Konzentration fordert. Man muss bereit sein, eine Mission fünfmal neu zu starten, nur weil man einen Schritt zu früh aus dem Schatten getreten ist.

Die Steuerung ist präzise, das Feedback der Waffen fühlt sich wuchtig an und das Leveldesign ist durchdacht. Es ist ein ehrliches Spiel, das genau weiß, was es sein will: Eine knallharte Stealth-Simulation. Trotz der schwachen Story und der kleinen technischen Macken bietet es eine spielerische Tiefe, die man heute selten findet.

Wer Splinter Cell oder Hitman in ihren puristischen Anfängen geliebt hat, wird hier voll auf seine Kosten kommen. Es ist eine raue, ungeschliffene Erfahrung, aber genau diese Ecken und Kanten machen den Reiz aus. Intravenous 2 ist kein Meisterwerk, aber es ist ein verdammt gutes Stück Handwerk für eine Zielgruppe, die sich nicht mit “Cinematic Experiences” abspeisen lassen will, sondern echte spielerische Herausforderungen sucht.

Für 2024 ist Mercenarism eine erfrischende Erinnerung daran, dass Stealth-Spiele dann am besten sind, wenn sie den Spieler nicht an die Hand nehmen, sondern ihn einfach in die Dunkelheit werfen und sagen: „Viel Glück – du wirst es brauchen.“

8.2
/10
GROSSARTIG

+ PRO

  • +Herausragendes Sound-Design, das Stealth zur echten Kunstform erhebt.
  • +Hohe spielerische Freiheit: Ob Ghost-Run oder bleihaltiges Chaos, alles ist möglich.
  • +Die KI ist unberechenbar und reagiert glaubwürdig auf kleinste Geräusche.

- CONTRA

  • -Die Story bleibt leider blass und dient eher als bloßer Vorwand für die Missionen.
  • -Gelegentliche Clipping-Fehler bei Leichen, die durch Wände ragen, stören die Immersion.

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