Selaco: Wenn die F.E.A.R.-Engine endlich erwachsen wird
Selaco ist nicht nur eine Hommage an die goldene Ära der Shooter, sondern eine technische Meisterleistung auf Basis der GZDoom-Engine, die taktische Kämpfe mit einer packenden Sci-Fi-Atmosphäre verbindet.
Es ist ein seltsames Phänomen: Während die großen AAA-Publisher versuchen, Shooter mit immer mehr „Live-Service“-Elementen und Mikrotransaktionen zu verwässern, kommen die wahren Innovationen des Genres aus der Indie-Ecke. Selaco ist hierfür das Paradebeispiel. Entwickelt auf der GZDoom-Engine, wirkt es auf den ersten Blick wie ein weiterer „Boomer-Shooter“, doch wer sich darauf einlässt, merkt schnell: Das hier ist kein bloßes Retro-Projekt. Es ist eine Liebeserklärung an F.E.A.R., die das Original in vielen Aspekten sogar übertrifft.
Die KI als Herzstück
Das Erste, was in Selaco auffällt, ist die Intelligenz der Gegner. In einem Genre, in dem man es meist mit „Bullet Sponges“ zu tun hat, die stur auf den Spieler zulaufen, fühlt sich Selaco wie ein taktischer Tanz an. Die Feinde kommunizieren miteinander, sie flankieren, sie nutzen Deckung und – was am beeindruckendsten ist – sie reagieren auf die Zerstörung ihrer Umgebung. Wenn ich eine Wand mit Schrotflinten-Salven zerlege, suchen sie sich neue Deckung. Wenn ich sie unterdrücke, ziehen sie sich zurück. Das sorgt für ein dynamisches Kampfgefühl, das ich seit Jahren in keinem modernen Shooter mehr so intensiv erlebt habe.
Zerstörung als taktisches Element
Die Zerstörbarkeit der Umgebung ist in Selaco kein bloßes Gimmick. Sie ist ein Werkzeug. In vielen Leveln ist es klüger, den Boden unter einem Geschützturm wegzusprengen oder eine Wand zu durchbrechen, um eine Abkürzung zu nehmen, als frontal durch die Tür zu stürmen. Das Leveldesign ist dabei erfreulich vertikal und komplex. Man merkt den Entwicklern an, dass sie ihre Karten nicht nur als „Arenen“, sondern als zusammenhängende, logische Räume konzipiert haben.
Das Gunplay: Wuchtig und präzise
Ein Shooter steht und fällt mit seinem Feedback. Die Waffen in Selaco fühlen sich „schwer“ an. Jedes Schussgeräusch, jeder Rückstoß und – ganz wichtig – jedes Trefferfeedback ist perfekt abgestimmt. Wenn man einen Gegner trifft, sieht man das an den Einschusslöchern, am Zurückweichen des Feindes und an den Partikeleffekten. Es ist ein befriedigendes, fast schon archaisches Gefühl, das hier durch moderne Beleuchtung und Sound-Design in die heutige Zeit gehoben wird.
Wo es knirscht
Doch wo Licht ist, ist auch Schatten. Selaco ist kein perfektes Spiel. Das größte Problem ist das Leveldesign in den späteren Phasen. Die Karten werden so komplex und verschachtelt, dass ich mich mehr als einmal verlaufen habe. Trotz der hilfreichen In-Game-Karte führt das Backtracking manchmal zu unnötigen Leerläufen, die den sonst so hohen Adrenalinspiegel des Spiels abrupt abfallen lassen.
Zudem ist die Story-Präsentation ein zweischneidiges Schwert. Die Welt von Selaco ist faszinierend – ein unterirdischer Bunker, der von einer KI verwaltet wird, während draußen die Welt untergeht. Aber die Art und Weise, wie die Handlung durch lange Textlogs und Dialoge vermittelt wird, unterbricht den Spielfluss. Wer hier nur „Ballern“ will, wird sich von den erzählerischen Pausen gelegentlich ausgebremst fühlen. Ich persönlich schätze den World-Building-Ansatz, aber die Dichte der Informationen könnte für manche Spieler zu hoch sein.
Fazit: Ein Pflichtkauf für Genre-Fans
Selaco ist eine technische Meisterleistung. Dass ein Spiel auf einer Engine, die fast 30 Jahre alt ist, moderner und „intelligenter“ wirkt als die meisten heutigen Blockbuster, ist ein Armutszeugnis für die Industrie, aber ein Ritterschlag für das Entwicklerteam.
Wer Shooter liebt, die nicht nur die Reflexe fordern, sondern auch das Gehirn, der kommt an Selaco nicht vorbei. Es ist kein Spiel für zwischendurch, um das Gehirn auszuschalten. Es ist ein Spiel, das Aufmerksamkeit verlangt, das belohnt und das trotz kleinerer Schwächen beim Pacing und der Orientierung zu den besten Shootern der letzten Jahre gehört. Wenn ihr F.E.A.R. vermisst habt, dann ist Selaco nicht nur ein Ersatz – es ist die Evolution, auf die wir alle gewartet haben.
Klare Empfehlung: Kaufen, spielen, die KI verfluchen und sich über die Zerstörungsphysik freuen. Selaco zeigt eindrucksvoll, dass das Genre der Ego-Shooter noch lange nicht tot ist – es musste nur mal wieder jemand zeigen, wie man es richtig macht.
+ PRO
- +Herausragende Gegner-KI, die taktisches Vorgehen erzwingt
- +Zerstörbare Umgebungen, die das Spielgefühl massiv beeinflussen
- +Exzellentes Gunplay mit wuchtigem Feedback
- CONTRA
- -Gelegentliche Orientierungslosigkeit in den komplexen Level-Layouts
- -Die Story-Präsentation ist stellenweise etwas zu textlastig
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