Zwischen Anime-Ästhetik und taktischem Chaos: Warum Strinova süchtig macht, aber nervt
Strinova bringt frischen Wind in das Genre der Hero-Shooter, indem es taktisches Gameplay mit einer einzigartigen 2D-Verwandlungsmechanik kombiniert. Doch hinter der glänzenden Anime-Fassade verbergen sich einige Stolpersteine.
Wenn man heutzutage einen neuen Hero-Shooter startet, erwartet man meistens eines von zwei Dingen: Entweder einen weiteren „Overwatch“-Klon oder einen taktischen „Valorant“-Abklatsch. Als ich das erste Mal „Strinova“ installierte, war ich skeptisch. Ein Anime-Shooter aus China? Das klingt nach dem üblichen „Waifu-Bait“, bei dem das Gameplay nur Mittel zum Zweck ist. Doch nach gut 20 Stunden in den Arenen von Strinova muss ich zugeben: Ich wurde eines Besseren belehrt – zumindest teilweise.
Das Herzstück von Strinova ist das sogenannte „String-System“. Auf Knopfdruck verwandelt sich dein Charakter von einer 3D-Figur in eine 2D-Silhouette. Das klingt zunächst nach einem bloßen Gimmick, entpuppt sich aber als spielmechanisches Genie. In der 2D-Form bist du nicht nur schmaler und schwieriger zu treffen, du kannst dich auch an Wände heften, durch schmale Schlitze gleiten oder vertikale Distanzen überwinden, die für normale Charaktere unerreichbar wären. Diese Mechanik verändert das Movement-Gefühl grundlegend. Es fühlt sich an wie eine Mischung aus „Ghost in the Shell“ und einem rasanten Parkour-Spiel. Wenn man lernt, diesen Wechsel flüssig in das Gunplay zu integrieren, entstehen Momente, in denen man sich wie ein echter Cyber-Ninja fühlt.
Das Gunplay selbst ist überraschend knackig. Die Waffen fühlen sich wuchtig an, das Trefferfeedback ist präzise und die „Time-to-Kill“ ist kurz genug, um Skill zu belohnen, aber lang genug, um taktische Entscheidungen zuzulassen. Hier merkt man, dass die Entwickler ihre Hausaufgaben gemacht haben. Die Karten sind clever designt, um die 2D-Mechanik voll auszunutzen – es gibt unzählige vertikale Ebenen und Flankierungsrouten, die man erst nach einigen Runden wirklich zu schätzen weiß.
Doch wo Licht ist, ist auch Schatten – und bei Strinova ist der Schatten leider ziemlich lang. Das größte Problem ist die Monetarisierung. Wir befinden uns hier in einem Free-to-Play-Modell, das sich stark auf Gacha-Mechaniken verlässt. Während die Charaktere an sich fair erspielbar sind, ist die Jagd nach kosmetischen Items und speziellen Waffen-Skins ein Minenfeld aus Lootboxen und Premium-Währungen. Es ist frustrierend, wenn man in einem kompetitiven Spiel das Gefühl bekommt, dass der Shop mehr Aufmerksamkeit erhalten hat als das Balancing.
Apropos Balancing: Hier liegt der zweite große Kritikpunkt. Strinova ist aktuell noch in einer Phase, in der einige Charaktere deutlich übermächtiger wirken als andere. Wenn man auf ein Team trifft, das die „Meta-Picks“ perfekt beherrscht, fühlt sich das Spiel oft frustrierend einseitig an. Das Matchmaking ist zudem ein zweischneidiges Schwert. Mal hat man packende Matches, die erst in der letzten Sekunde entschieden werden, mal wird man von einem eingespielten Team komplett überrollt, weil das Skill-Level der Spieler zu weit auseinanderklafft.
Auch die technische Seite ist solide, aber nicht fehlerfrei. Die Performance ist auf den meisten Systemen exzellent, was bei einem schnellen Shooter essenziell ist. Dennoch gab es in meinen Test-Sessions immer wieder kleine Ruckler oder Verbindungsprobleme, die in einem kompetitiven Umfeld nichts zu suchen haben. Die Menüführung ist zudem ein Labyrinth aus Untermenüs, das den Spieler mit Informationen und Belohnungs-Popups förmlich erschlägt – ein typisches Symptom moderner asiatischer F2P-Titel, das auf westliche Spieler oft überfordernd wirkt.
Fazit: Ist Strinova das nächste große Ding? Wahrscheinlich nicht. Aber es ist ein verdammt unterhaltsamer Shooter, der sich traut, etwas Neues zu wagen. Die 2D-Verwandlung ist eine der innovativsten Mechaniken, die ich in den letzten Jahren in diesem Genre gesehen habe. Wenn man über die gierige Monetarisierung hinwegsehen kann und bereit ist, sich in die steile Lernkurve zu stürzen, bietet Strinova ein Spielerlebnis, das man so nirgendwo anders findet. Wer jedoch allergisch auf Gacha-Systeme reagiert oder ein perfekt ausbalanciertes E-Sport-Erlebnis sucht, sollte vielleicht noch ein paar Monate warten, bis die Entwickler an den Stellschrauben gedreht haben. Für alle anderen: Probiert es aus, aber lasst die Kreditkarte lieber im Portemonnaie.
+ PRO
- +Einzigartige „String-Transformation“ sorgt für taktische Tiefe und vertikale Mobilität.
- +Flüssiges Gunplay mit präzisem Feedback und schnellem Movement.
- +Visuell eigenständiger Artstyle, der sich wohltuend von realistischen Militär-Shootern abhebt.
- CONTRA
- -Aggressive Monetarisierung und Gacha-Elemente hinterlassen einen faden Beigeschmack.
- -Das Matchmaking und die Balance der Charaktere wirken in der aktuellen Phase noch unausgereift.
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