Zwischen Farnen und Frustration: Ein botanischer Spaziergang mit Tücken
In Botany Manor schlüpfen wir in die Rolle einer pensionierten Botanikerin und lösen Rätsel in einem prachtvollen englischen Anwesen. Ein entspannender Ausflug mit einer Prise Knobelspaß, der jedoch nicht ganz ohne Dornen auskommt.
Es gibt Spiele, die wollen dich fordern, dich schwitzen lassen oder deine Reflexe bis an die Belastungsgrenze treiben. Und dann gibt es Botany Manor. Das Debüt-Werk von Balloon Studios ist ein Paradebeispiel für das Genre der „Cozy Games“. Man schlüpft in die Rolle von Arabella Greene, einer Botanikerin im England des 19. Jahrhunderts, die sich in ihrem herrschaftlichen Anwesen zur Ruhe gesetzt hat. Doch statt Tee zu trinken, widmen wir uns der Kultivierung seltener, fast schon magischer Pflanzen.
Ein Garten voller Geheimnisse
Das Spielprinzip ist so simpel wie effektiv: Wir erkunden das Anwesen, sammeln Hinweise in Form von Briefen, Zeitungsartikeln und Notizen, und kombinieren diese Informationen, um die perfekten Wachstumsbedingungen für unsere exotischen Gewächse zu schaffen. Braucht die Pflanze eine bestimmte Temperatur? Muss sie mit einem speziellen Duft bestäubt werden? Oder benötigt sie ein Lichtspektrum, das nur durch ein bestimmtes Glasfenster fällt?
Die Rätsel sind das Herzstück von Botany Manor und sie sind exzellent designt. Es gibt kein „Trial and Error“-Raten, bei dem man einfach alles mit jedem kombiniert. Wer aufmerksam liest und die Umgebung beobachtet, findet immer eine logische Lösung. Dieses Erfolgserlebnis, wenn man endlich den richtigen Code für ein Schloss gefunden oder die richtige Maschine für die Bewässerung aktiviert hat, ist extrem befriedigend.
Optik und Atmosphäre: Ein Fest für die Sinne
Grafisch ist Botany Manor ein absolutes Highlight. Der Aquarell-Stil fängt die britische Landhaus-Atmosphäre perfekt ein. Die Lichtstimmung, wenn die Sonne durch die hohen Fenster in den Wintergarten fällt, während draußen der Regen gegen die Scheiben peitscht, ist unglaublich immersiv. Auch der Soundtrack hält sich dezent im Hintergrund, unterstreicht aber zu jeder Zeit die melancholische, aber friedliche Stimmung des Anwesens. Man fühlt sich tatsächlich wie in einem Roman von Agatha Christie, nur eben ohne den Mord.
Wo die Wurzeln faulen
Doch wo Licht ist, ist auch Schatten. Und bei Botany Manor liegt dieser Schatten vor allem auf dem Spielfluss. Das größte Manko ist das Lauftempo von Arabella. Die Dame ist nicht mehr die Jüngste, das ist uns bewusst, aber das Schneckentempo, mit dem man durch die weitläufigen Flure schlurft, grenzt manchmal an eine Geduldsprobe. Wenn man für ein Rätsel einen Gegenstand aus dem Keller holen muss, den man vor zehn Minuten im Dachgeschoss liegen gelassen hat, fühlt sich das Spiel mehr nach Arbeit als nach Entspannung an.
Ein weiterer Punkt, der mir negativ aufgestoßen ist, ist die erzählerische Tiefe. Zwar erfahren wir durch die Dokumente einiges über Arabellas Leben und ihren Kampf gegen die patriarchalen Strukturen der Wissenschaftswelt ihrer Zeit, doch das bleibt alles sehr oberflächlich. Man liest viel, aber man fühlt wenig. Die Charaktere bleiben blasse Schatten, die nur dazu dienen, uns mit Informationen zu füttern. Hier hätte ich mir mehr emotionale Bindung gewünscht, um das Anwesen wirklich mit Leben zu füllen.
Auch das Backtracking ist ein zweischneidiges Schwert. Zwar lernt man das Haus mit der Zeit in- und auswendig kennen, aber nach dem dritten Mal, das man durch den gleichen Korridor läuft, um eine Pflanze zu gießen, verliert der visuelle Charme ein wenig an Wirkung. Eine Schnellreisefunktion oder zumindest eine etwas flinkere Laufanimation hätten dem Spiel gutgetan.
Fazit: Lohnt sich der Ausflug?
Botany Manor ist ein Spiel für Menschen, die nach einem langen Arbeitstag den Kopf ausschalten und sich in einer ästhetischen, ruhigen Welt verlieren wollen. Es ist kein Spiel für Adrenalin-Junkies oder Fans von komplexen Story-Twists. Wer sich jedoch auf das langsame Tempo einlässt und Freude am logischen Kombinieren hat, wird hier für einige Stunden wunderbar unterhalten.
Es ist kein perfektes Spiel – die technischen Schwächen beim Pacing und die etwas distanzierte Erzählweise verhindern eine höhere Wertung. Dennoch ist es ein erfrischend ehrliches Adventure, das genau weiß, was es sein will: Ein botanischer Spaziergang, der zwar hier und da ein wenig mühsam ist, aber am Ende mit einer wunderschönen Blüte belohnt. Wer The Witness oder What Remains of Edith Finch mochte, aber eine Dosis weniger Schwere und mehr Natur sucht, sollte hier definitiv zugreifen.
+ PRO
- +Wunderschöner, entschleunigter Grafikstil im Aquarell-Look
- +Intelligente, logisch nachvollziehbare Rätselmechaniken
- +Sehr atmosphärisches Sounddesign und Setting
- CONTRA
- -Teilweise sehr langsames Lauftempo der Spielführerin
- -Backtracking kann in den weitläufigen Räumen ermüden
- -Die Geschichte bleibt trotz des Settings etwas blass
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