Zwischen göttlicher Grafik und gnadenlosem Grind: Ein Ritt auf der Rasierklinge
Moon Studios wagt mit No Rest for the Wicked den Sprung vom niedlichen Ori-Platformer zum düsteren Action-RPG. Doch hinter der atemberaubenden Fassade verbirgt sich ein Spiel, das seine Spieler genauso liebt wie es sie quält.
Wenn man an Moon Studios denkt, hat man sofort die melancholische Schönheit von Ori and the Blind Forest im Kopf. Dass dieselben Entwickler nun mit No Rest for the Wicked ein düsteres, fast schon brutales Action-Rollenspiel auf die Welt loslassen, wirkt auf den ersten Blick wie ein radikaler Bruch. Doch nach etlichen Stunden auf der Insel Sacra wird klar: Die Liebe zum Detail ist geblieben, nur der Tonfall hat sich von “märchenhaft” zu “schmutzig-realistisch” verschoben.
Eine Welt zum Anfassen, aber nicht zum Wohlfühlen
Grafisch spielt No Rest for the Wicked in einer eigenen Liga. Die handgemalten Hintergründe wirken wie ein lebendiges Ölgemälde, das durch dynamische Lichteffekte und eine exzellente Soundkulisse zum Leben erweckt wird. Wenn man durch die verregneten Gassen von Sacrament läuft, spürt man förmlich den Dreck unter den Stiefeln. Es ist eine der atmosphärisch dichtesten Welten, die ich in den letzten Jahren in einem ARPG gesehen habe.
Doch die Schönheit hat ihren Preis. Das Spiel ist kein klassisches Hack-and-Slay, bei dem man sich durch Horden von Gegnern schnetzelt. Das Kampfsystem ist eher mit einem Dark Souls oder Dragon’s Dogma verwandt. Jeder Schlag muss sitzen, Ausdauer-Management ist überlebenswichtig, und ein falscher Schritt führt oft direkt zum Bildschirmtod. Das fühlt sich in den besten Momenten unglaublich befriedigend an – besonders wenn man einen Boss nach dem zehnten Versuch endlich in die Knie zwingt.
Wenn Design-Entscheidungen den Spielspaß bremsen
Hier kommen wir jedoch zum kritischen Punkt: Moon Studios hat sich für einige Design-Entscheidungen entschieden, die die Community spalten. Da wäre zum einen die Haltbarkeit der Ausrüstung. Dass meine Waffe nach wenigen Kämpfen stumpf ist und ich sie ständig an einer Werkbank reparieren muss, ist kein “taktisches Element”, sondern schlichtweg nerviges Micro-Management. Es unterbricht den Spielfluss massiv und fühlt sich an, als würde das Spiel den Spieler für das Kämpfen bestrafen.
Auch das Inventar-Management ist ein wunder Punkt. Die Plätze sind extrem begrenzt, und das ständige Sortieren von Ressourcen raubt dem Adventure-Aspekt die Dynamik. Ich möchte die Welt erkunden und Geheimnisse entdecken, nicht alle fünf Minuten entscheiden, ob ich den wertvollen Trank oder das Erz für mein nächstes Upgrade wegwerfe.
Technik: Ein Early-Access-Traum (und Albtraum)
Man darf nicht vergessen: Wir sprechen hier von einem Early-Access-Titel. Und das merkt man. Die Performance ist auf vielen Systemen noch immer ein Sorgenkind. Framerate-Einbrüche in hektischen Kämpfen sind keine Seltenheit, und die Kamera, die in engen Räumen gerne mal hinter einer Wand verschwindet, sorgt für unnötige Tode. Es ist frustrierend, wenn man an einem Boss scheitert, nicht weil man schlecht gespielt hat, sondern weil die Kamera plötzlich den Blick auf den Gegner verdeckt.
Das Fazit: Ein Rohdiamant mit Ecken und Kanten
No Rest for the Wicked ist ein mutiges Spiel. Es versucht, die Lücke zwischen einem klassischen ARPG und einem Survival-Spiel zu schließen. In vielen Momenten gelingt das auch: Das Gefühl, in dieser Welt zu überleben, sich eine Basis aufzubauen und die Geheimnisse von Sacra zu lüften, ist absolut fesselnd.
Aber das Spiel steht sich aktuell noch selbst im Weg. Die Balance zwischen “herausfordernd” und “nervtötend” ist noch nicht perfekt justiert. Wer eine polierte Erfahrung erwartet, sollte noch warten, bis Moon Studios an den Stellschrauben für Komfort und Performance gedreht hat. Wer jedoch bereit ist, sich auf ein ungeschliffenes, aber visuell beeindruckendes Abenteuer einzulassen und über die Design-Macken hinwegzusehen, findet hier eines der spannendsten Projekte des Jahres.
No Rest for the Wicked ist kein Spiel für zwischendurch. Es fordert Zeit, Geduld und eine hohe Frusttoleranz. Wenn die Entwickler in den kommenden Monaten auf das Feedback der Community hören und die gröbsten Ecken glätten, könnte daraus ein echtes Meisterwerk werden. Aktuell ist es ein exzellentes, aber anstrengendes Erlebnis – eine wunderschöne, aber verdammt harte Nuss.
+ PRO
- +Einzigartiger, handgemalter Grafikstil mit enormer atmosphärischer Dichte
- +Herausforderndes, taktisches Kampfsystem, das Präzision belohnt
- +Tiefgreifendes Crafting- und Wirtschaftssystem, das die Welt lebendig wirken lässt
- CONTRA
- -Technischer Zustand im Early Access noch sehr instabil
- -Das Inventar-Management und die Haltbarkeit der Ausrüstung fühlen sich oft wie reine Schikane an
- -Die Kameraführung in engen Innenräumen sorgt regelmäßig für Frustmomente
VERWANDTE ARTIKEL
Metroid Prime 4: Beyond Review: Unser ausfuehrlicher Test
Retro Studios' Metroid Prime 4: Beyond im Test - Lohnt sich der Kauf? Unser Review mit Wertung und Fazit.
God of War 6 Review: Unser ausfuehrlicher Test
Santa Monica Studios God of War 6 im Test - Lohnt sich der Kauf? Unser Review mit Wertung und Fazit.
Zwischen Gipfelsturm und Fingerkrampf: Warum Cairn kein Spaziergang ist
Cairn ist eine meditative, aber gnadenlose Bergsteiger-Simulation, die den einsamen Aufstieg auf einen fiktiven Achttausender in den Mittelpunkt stellt. Ein Spiel, das die physische Anstrengung des Kletterns perfekt emuliert, dabei aber spielerisch an seine eigenen Grenzen stößt.
Reanimal: Wenn Kindheitsängste in den Abgrund starren
Die Schöpfer von Little Nightmares kehren mit Reanimal zurück und liefern einen verstörenden Albtraum ab, der spielerisch zwar vertraut bleibt, aber atmosphärisch neue Maßstäbe setzt.