Zwischen Lovecraft-Horror und Survival-Alltag: Warum Once Human süchtig macht, aber nervt
Once Human mischt Survival-Mechaniken mit einer bizarren, surrealen Welt. Doch hinter der faszinierenden Fassade kämpft das Spiel mit technischen Hürden und einem überladenen Interface.
Wenn man Once Human das erste Mal startet, fühlt man sich wie in einem Fiebertraum von H.P. Lovecraft, der durch einen Filter von modernem Survival-Gaming gejagt wurde. Die Welt von Nalcott ist kein gewöhnliches postapokalyptisches Ödland. Hier gibt es keine verrosteten Autos und Zombies im klassischen Sinne – stattdessen begegnen wir surrealen Monstern: riesigen, wandelnden Häusern mit Beinen, Objekten, die aus dem Nichts erscheinen, und einer Atmosphäre, die ständig zwischen „Was zur Hölle ist das?“ und „Ich muss hier weg“ schwankt.
Als „Meta-Human“ schlüpfen wir in die Rolle eines genetisch veränderten Wesens, das versucht, in einer Welt zu überleben, die von der mysteriösen Substanz „Stardust“ korrumpiert wurde. Das Setting ist zweifellos die größte Stärke des Spiels. Entwickler Starry Studio hat hier eine visuelle Identität geschaffen, die sich wohltuend vom Einheitsbrei der Rust- oder DayZ-Klone abhebt.
Das Spielprinzip: Mehr als nur Holz hacken
Das Gameplay ist ein klassischer Survival-Mix: Wir sammeln Ressourcen, bauen unsere Basis, verwalten Hunger und Durst und kämpfen gegen die „Deviants“. Der Clou ist hier das Basenbau-System. Es ist erstaunlich flexibel und erlaubt es, fast überall in der Welt ein Zuhause zu errichten. Wer gerne stundenlang an der perfekten Inneneinrichtung tüftelt, wird hier voll auf seine Kosten kommen.
Auch das Kampfsystem fühlt sich für ein Survival-Spiel überraschend solide an. Die Waffen fühlen sich wuchtig an, und die Bosskämpfe – oft gegen gigantische, groteske Kreaturen – sind inszenatorisch ein echtes Highlight. Es gibt eine gewisse Befriedigung, wenn man nach einer langen Vorbereitungsphase endlich den nächsten Boss legt und wertvollen Loot abgreift.
Wo der Glanz verblasst
Doch wo Licht ist, ist auch Schatten. Und bei Once Human ist dieser Schatten leider ziemlich lang. Wer das Spiel heute startet, wird unweigerlich über technische Probleme stolpern. Während meiner Testphase hatte ich mit gelegentlichen Framerate-Einbrüchen zu kämpfen, die besonders in hektischen Gefechten frustrierend sind. Noch schlimmer ist jedoch das User Interface. Das Menü ist ein Labyrinth aus Untermenüs, Icons und kryptischen Anzeigen. Als Neuling wird man von Informationen förmlich erschlagen, während das Tutorial einem zwar die Grundlagen erklärt, aber wichtige Details zum Crafting-System oft im Vagen lässt.
Ein weiterer Kritikpunkt ist der Grind. Wie bei fast allen Vertretern dieses Genres kommt man irgendwann an einen Punkt, an dem die Fortschrittskurve flacher wird als eine Flunder. Um die wirklich guten Waffen-Blueprints zu bekommen, muss man dieselben Instanzen immer und immer wieder abgrasen. Das macht anfangs Spaß, nutzt sich aber nach 20 oder 30 Stunden spürbar ab. Hier merkt man dem Spiel an, dass es darauf ausgelegt ist, den Spieler langfristig zu binden – manchmal auf Kosten des Spielspaßes.
Free-to-Play: Fair oder Falle?
Ein großes Lob muss ich jedoch für das Monetarisierungsmodell aussprechen. In einer Zeit, in der viele Titel den Spieler mit Mikrotransaktionen förmlich ausbluten lassen, bleibt Once Human erstaunlich fair. Die meisten Käufe im Shop sind rein kosmetischer Natur. Man kann zwar Zeit sparen oder sich optische Vorteile verschaffen, aber das klassische „Pay-to-Win“, das viele Survival-MMOs ruiniert, sucht man hier glücklicherweise vergebens. Das ist ein mutiger und lobenswerter Schritt der Entwickler.
Fazit: Ein Rohdiamant mit Ecken und Kanten
Once Human ist kein Spiel für Jedermann. Wer eine polierte, fehlerfreie Erfahrung sucht, wird hier enttäuscht werden. Die Bugs, das überladene Interface und die Grind-Spirale im Endgame sind echte Hürden. Aber: Wer sich auf die bizarre Welt einlassen kann und Spaß am Bauen und Erkunden hat, findet hier eines der spannendsten Survival-Abenteuer des Jahres 2024.
Es ist ein Spiel, das man liebt, während man sich gleichzeitig über die kleinen Macken aufregt. Wenn Starry Studio in den kommenden Monaten an der Performance schraubt und die Menüs entrümpelt, könnte aus diesem Rohdiamanten ein echter Genre-König werden. Aktuell ist es eine faszinierende, wenn auch etwas holprige Reise, die man als Survival-Fan definitiv einmal gewagt haben sollte.
Für mich bleibt es ein Spiel, das ich abends gerne für zwei Stunden anwerfe, um an meiner Basis zu basteln oder einen Boss zu legen – aber für die ganz großen, epischen Gaming-Sessions fehlt es aktuell noch an der nötigen Politur. Dennoch: Hut ab für den Mut zur Andersartigkeit!
+ PRO
- +Einzigartiges, verstörendes Art-Design mit echtem Wiedererkennungswert
- +Motivierendes Basenbau-System mit kreativen Freiheiten
- +Faires Free-to-Play-Modell ohne Pay-to-Win-Falle
- CONTRA
- -Technische Instabilität und nervige Bugs
- -Überladenes UI und teils verwirrendes Tutorial
- -Grind-lastiges Endgame, das sich schnell repetitiv anfühlt
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