EndeNews Logo EndeNews
Zwischen Nebel und Neuanfang: Warum Enshrouded das Survival-Genre wachrüttelt
Reviews

Zwischen Nebel und Neuanfang: Warum Enshrouded das Survival-Genre wachrüttelt

Enshrouded verbindet geschickt Voxel-basiertes Bauen mit packenden Action-RPG-Elementen und einer Welt, die zum Erkunden einlädt. Doch trotz des Suchtfaktors offenbart der Early Access noch einige Ecken und Kanten.

T
Tommes Parzl
TEILEN: Twitter Reddit

Das Survival-Genre ist in den letzten Jahren zu einem überfüllten Spielplatz geworden. Zwischen unzähligen Early-Access-Titeln, die oft in der Versenkung verschwinden, sticht Enshrouded aus dem Hause Keen Games wie ein Leuchtturm hervor. Doch ist es wirklich das „Zelda trifft Minecraft“-Erlebnis, das uns versprochen wurde? Nach etlichen Stunden im Königreich Embervale habe ich eine klare Antwort: Es ist ein fantastisches Fundament, das aber noch an seinen eigenen Ambitionen zu knabbern hat.

Eine Welt im Griff des Nebels

Die Prämisse ist schnell erzählt: Wir sind der „Flammengeborene“, die letzte Hoffnung eines untergegangenen Reiches, das von einem tödlichen, magischen Nebel – dem Shroud – verschlungen wurde. Was Enshrouded von der Konkurrenz abhebt, ist die visuelle Identität. Die Welt wirkt nicht wie ein zufällig generierter Haufen Assets, sondern wie ein handgefertigtes, melancholisches Epos. Wenn man zum ersten Mal in den Nebel eintaucht, die Musik anschwillt und die Sichtweite drastisch sinkt, während man verzweifelt nach einem sicheren Ort sucht, entfaltet das Spiel eine Sogwirkung, die ihresgleichen sucht.

Bauen ohne Grenzen

Das absolute Highlight ist das Voxel-Bausystem. Wer hier an starre Raster-Systeme anderer Survival-Spiele denkt, wird eines Besseren belehrt. Man kann buchstäblich jedes Stück Erde abtragen oder hinzufügen. Ich habe Stunden damit verbracht, eine Festung direkt in eine Klippe zu meißeln, inklusive versteckter Gänge und einer Aussichtsplattform, die den Sonnenuntergang über dem Tal perfekt einfängt. Dass man dabei nicht auf starre Baublöcke angewiesen ist, sondern organisch bauen kann, ist ein technischer Geniestreich, der das Genre auf ein neues Level hebt.

Licht und Schatten im Gameplay

Doch wo viel Licht ist, da ist auch Schatten – und damit meine ich nicht nur den Shroud. Das Kampfsystem ist solide, fühlt sich aber noch etwas „schwebend“ an. Das Ausweichen und Parieren funktioniert zwar, wirkt aber im Vergleich zu dedizierten Action-RPGs noch nicht ganz präzise genug. Besonders bei Bosskämpfen merkt man, dass die KI der Gegner oft nur aus „auf den Spieler zulaufen und zuschlagen“ besteht. Hier muss Keen Games im weiteren Verlauf des Early Access dringend nachbessern.

Auch die Quest-Struktur ist ein zweischneidiges Schwert. Die NPCs, die man nach und nach rettet, geben uns Aufgaben, die das Spiel vorantreiben. Das ist motivierend, fühlt sich aber nach den ersten zehn Stunden oft nach „Lauf von A nach B, sammle X, töte Y“ an. Die Dungeons, in denen man diese Quests oft erledigt, sind zwar optisch abwechslungsreich, spielerisch aber oft repetitiv. Man hat das Gefühl, man kennt die Rätsel und Fallen nach einer Weile in- und auswendig.

Technik und Grind

Ein weiterer Punkt, den man kritisch betrachten muss, ist der Ressourcen-Grind. Ja, es ist ein Survival-Spiel, und ja, man muss Materialien sammeln. Aber wenn man zum zehnten Mal den gleichen Wald abholzt oder die gleiche Mine nach Kupfer durchsucht, schleichen sich Längen ein. Das Spiel zwingt einen dazu, die Welt zu erkunden, um neue Rezepte freizuschalten, was gut ist – aber der Weg dorthin könnte durch ein etwas dynamischeres Loot-System oder abwechslungsreichere Sammelmethoden aufgelockert werden.

Technisch läuft Enshrouded auf den meisten Systemen ordentlich, aber man merkt dem Titel den Early-Access-Status an. Gelegentliche Framerate-Einbrüche in dicht bewaldeten Gebieten oder Clipping-Fehler beim Bauen sind keine Seltenheit. Es ist nichts, was den Spielspaß komplett ruiniert, aber es erinnert einen daran, dass das Spiel noch „im Ofen“ ist.

Fazit: Ein Rohdiamant mit Glanz

Enshrouded ist eines der spannendsten Survival-Projekte der letzten Jahre. Es schafft den Spagat zwischen kreativem Sandbox-Bau und klassischem Abenteuer-RPG erstaunlich gut. Die Welt ist wunderschön, das Fortschrittssystem motiviert und das Bausystem ist schlichtweg bahnbrechend.

Wer über die noch vorhandenen Ecken und Kanten, die etwas simple KI und das repetitive Quest-Design hinwegsehen kann, wird hier hunderte Stunden versenken. Es ist kein perfektes Spiel, aber es ist ein Spiel mit einer Seele und einer klaren Vision. Wenn Keen Games den Support so fortsetzt, wie sie gestartet sind, könnte Enshrouded zum neuen Standard für das Genre werden. Für den Moment ist es ein „Must-Play“ für alle, die gerne bauen, erkunden und sich in einer düsteren Fantasy-Welt verlieren wollen – aber behaltet im Hinterkopf, dass die Reise gerade erst begonnen hat.

8.2
/10
GROSSARTIG

+ PRO

  • +Herausragendes Voxel-Bausystem mit fast unbegrenzten kreativen Möglichkeiten
  • +Motivierendes Fortschrittssystem durch Skill-Bäume und Crafting
  • +Atmosphärische Weltgestaltung, die das Erkunden des „Shrouds“ belohnt

- CONTRA

  • -Wiederholende Quest-Struktur und teils generische Dungeon-Designs
  • -Technischer Feinschliff bei Performance und KI noch ausbaufähig
  • -Ressourcen-Grind kann im späteren Spielverlauf etwas eintönig werden

VERWANDTE ARTIKEL