Zwischen Meisterwerk und Wahnsinn: Warum Dragon’s Dogma 2 uns alle in den Wahnsinn treibt
Dragon’s Dogma 2 ist ein bockschweres, kompromissloses Abenteuer, das die Grenzen zwischen genialem Spieldesign und frustrierender Sperrigkeit fast täglich neu auslotet. Ein Epos, das man lieben muss, um es ertragen zu können.
Es gibt Spiele, die dich an die Hand nehmen, dir den Weg leuchten und sicherstellen, dass du dich zu jeder Sekunde wie ein Held fühlst. Und dann gibt es Dragon’s Dogma 2. Capcoms lang erwartete Fortsetzung ist das genaue Gegenteil von „User-Friendly“. Es ist ein Spiel, das dich in den Dreck wirft, dir ein rostiges Schwert in die Hand drückt und dich fragt: „Na, willst du wirklich Abenteurer sein?“
Die Antwort lautet meistens: Ja, verdammt. Aber der Weg dorthin ist gepflastert mit Entscheidungen, die man als „mutig“ oder „absichtlich nervig“ bezeichnen kann.
Die Magie des Unvorhersehbaren
Das Herzstück von Dragon’s Dogma 2 ist seine Welt. Während andere Open-World-Spiele ihre Karten mit Checklisten-Symbolen zukleistern, lässt dich Capcom hier einfach los. Das führt zu Momenten, die man so in kaum einem anderen Titel erlebt. Ich erinnere mich an eine nächtliche Reise durch einen Wald, als mich ein Greif angriff, während ich gerade versuchte, eine Gruppe Goblins zu erledigen. Das Chaos, das daraus entstand – mein Vasall, der mich in Sicherheit schleuderte, während der Greif einen Baum umknickte, der wiederum den Weg für ein Rudel Wölfe freimachte –, war pures, ungeskriptetes Gold. Das ist die Stärke dieses Spiels: Es simuliert kein Abenteuer, es lässt dich eines erleben.
Das Kampfsystem ist dabei über jeden Zweifel erhaben. Als Kämpfer fühlt man das Gewicht der Rüstung, als Magier die Macht der Elemente. Die Möglichkeit, an riesigen Monstern hochzuklettern, um ihre Schwachstellen zu attackieren, bleibt auch nach 40 Stunden noch ein absolutes Highlight.
Wenn Design auf Sturheit trifft
Doch wo Licht ist, ist auch Schatten – und der ist in Dragon’s Dogma 2 verdammt lang. Das Spiel weigert sich beharrlich, moderne Standards zu übernehmen. Das Schnellreisesystem ist ein Witz, der auf Kosten der Spielerzeit geht. Wer keine Lust hat, den zehnten Weg durch denselben Wald zu laufen, um von A nach B zu kommen, muss seltene „Reisesteine“ nutzen. Das soll wohl die Immersion fördern, sorgt aber oft nur dafür, dass man nach einem langen Arbeitstag genervt den Controller beiseitelegt.
Auch das Quest-Design ist eine zweischneidige Klinge. Es gibt keine Questmarker, die dir den Weg weisen. Das klingt auf dem Papier nach „Old School“-Charme, führt in der Praxis aber oft dazu, dass man ziellos durch die Gegend irrt, weil ein NPC einen vagen Hinweis gegeben hat, den man vor drei Stunden in einem Dialog-Fenster überlesen hat. Wer hier nicht bereit ist, regelmäßig das Internet nach Lösungen zu durchforsten, wird an manchen Stellen schlichtweg verzweifeln.
Ein technisches Sorgenkind
Kommen wir zum Elefanten im Raum: der Technik. Auf dem PC und den Konsolen kämpft das Spiel mit massiven Performance-Problemen, besonders in den großen Städten wie Vernworth. Wenn die Bildrate in die Knie geht, während man versucht, sich durch eine Menschenmenge zu drängeln, bricht die Immersion sofort zusammen. Dass Capcom hier zum Release nicht besser optimiert hat, ist bei einem Vollpreistitel dieser Größenordnung schlichtweg enttäuschend.
Auch die Gegner-Vielfalt ist ein Kritikpunkt, den man nicht ignorieren darf. Nach den ersten 20 Stunden kennt man die meisten Feindtypen in- und auswendig. Wenn man dann zum fünften Mal gegen denselben Zyklopen kämpft, nutzt sich der anfängliche „Wow-Effekt“ ab. Hier hätte sich das Spiel mehr Mut zur Variation gewünscht.
Fazit: Ein ungeschliffener Diamant
Dragon’s Dogma 2 ist kein Spiel für jeden. Es ist ein Spiel für Leute, die sich in einer Welt verlieren wollen, die sie nicht respektiert. Es ist ein Spiel für Entdecker, die den Frust als Teil der Erfahrung akzeptieren. Trotz der technischen Mängel und der manchmal sturen Design-Entscheidungen ist es eines der faszinierendsten Abenteuer der letzten Jahre.
Es ist nicht perfekt. Es ist oft anstrengend. Aber es ist eines der wenigen Spiele, die mir das Gefühl geben, wirklich in einer fremden Welt zu existieren – mit all ihren Gefahren, ihrem Dreck und ihrer unbändigen Schönheit. Wer über die Ecken und Kanten hinwegsehen kann, findet hier ein Epos, das man so schnell nicht vergisst. Capcom hat ein Risiko gewagt – und auch wenn es nicht perfekt aufgegangen ist, ist das Ergebnis allemal spielenswerter als der nächste glattgebügelte AAA-Einheitsbrei.
+ PRO
- +Einzigartiges, emergentes Gameplay, das Geschichten schreibt, die kein Skript erzwingen kann.
- +Das Kampfsystem ist wuchtig, taktisch und bietet eine unvergleichliche physische Wucht.
- +Die Welt fühlt sich lebendig, gefährlich und absolut unvorhersehbar an.
- CONTRA
- -Technisch durchwachsen mit massiven Framerate-Einbrüchen in Städten.
- -Das Quest-Design ist oft kryptisch bis hin zur Unspielbarkeit ohne Guide.
- -Die Gegner-Vielfalt lässt im späteren Spielverlauf deutlich nach.
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