Zwischen Stoffbahnen und Sternenstaub: Ist Infinity Nikki mehr als nur ein hübscher Kleiderschrank?
Infinity Nikki bringt das beliebte Nikki-Franchise in eine offene 3D-Welt. Wir haben uns das ambitionierte Casual-Abenteuer angesehen und prüfen, ob hinter der glitzernden Fassade echtes Gameplay steckt.
Wenn man an „Open World“ denkt, hat man meistens das Bild von düsteren Kriegsschauplätzen, komplexen Skill-Trees oder endlosen Grind-Quests im Kopf. Infinity Nikki wirft dieses Bild über Bord und ersetzt es durch Pastelltöne, flauschige Begleiter und die wohl detaillierteste virtuelle Garderobe, die ich je in einem Videospiel gesehen habe. Doch kann ein Spiel, das sich primär um das Ankleiden einer Puppe dreht, wirklich eine ganze Welt tragen?
Eine Welt aus Seide und Magie
Schon beim ersten Betreten von Miraland wird klar: Hier wurde nicht gespart. Die Grafik ist für ein Spiel, das auch auf mobilen Geräten laufen soll, schlichtweg fantastisch. Die Lichtstimmung, die fließenden Stoffe und die Art und Weise, wie sich Nikkis Kleidung im Wind bewegt, sind ein technisches Meisterwerk. Man merkt sofort, dass die Entwickler von Infold Games hier ihre gesamte Expertise aus den Vorgängern in eine dreidimensionale Umgebung transferiert haben.
Das Gameplay ist eine interessante Mischung aus klassischem Erkundungsspiel und Modenschau. Anstatt nur nach neuen Waffen zu suchen, sammeln wir hier „Outfits“, die uns spezielle Fähigkeiten verleihen. Ein Kleid lässt uns schweben, ein anderes erlaubt uns, über Wasser zu laufen oder kleine Rätsel zu lösen. Das ist ein erfrischend anderer Ansatz für das Genre. Anstatt Gegner zu besiegen, „heilen“ wir die Welt durch Mode und Ästhetik. Das ist zwar inhaltlich etwas naiv, passt aber perfekt zum entspannten Ton des Spiels.
Wenn der Glanz verblasst
Doch wo Licht ist, ist auch Schatten. So bezaubernd die Welt von Miraland auch ist, sie fühlt sich nach einigen Stunden etwas leer an. Die NPCs sind zwar hübsch anzusehen, aber ihre Dialoge sind oft austauschbar und dienen meist nur dazu, uns zum nächsten Sammelobjekt zu schicken. Wer eine tiefgründige Geschichte erwartet, wird hier enttäuscht. Infinity Nikki ist kein The Legend of Zelda, das durch seine Lore besticht, sondern eher ein digitales Puppenhaus, in dem man sich frei bewegen darf.
Ein weiterer Kritikpunkt ist die Steuerung. Während das Erkunden der Welt meist gut von der Hand geht, stoßen die 3D-Plattform-Passagen an ihre Grenzen. Wenn man präzise über schwebende Plattformen springen muss, fühlt sich Nikki manchmal etwas „schwer“ oder ungenau an. In einem Spiel, das eigentlich Entspannung versprechen will, können diese Momente der ungenauen Steuerung schnell in unnötigen Frust umschlagen.
Die Gacha-Falle
Kommen wir zum Elefanten im Raum: Das Gacha-System. Wie bei vielen Titeln aus diesem Segment ist das Freischalten neuer, besonders schicker Outfits an ein Glücksspiel-System gekoppelt. Während man zu Beginn noch großzügig mit Ressourcen überschüttet wird, merkt man nach etwa zehn Stunden Spielzeit, wie die Kurve anzieht. Wer die wirklich spektakulären, glitzernden High-End-Outfits haben will, muss entweder extrem viel Geduld mitbringen oder tief in die Tasche greifen.
Das ist schade, denn das Spielprinzip ist so charmant, dass es diesen aggressiven Monetarisierungsdruck eigentlich gar nicht nötig hätte. Es erzeugt einen unschönen Kontrast zwischen der heilen Welt von Miraland und der knallharten Realität des In-Game-Shops.
Fazit: Ein Muss für Ästheten?
Ist Infinity Nikki ein gutes Spiel? Ja, absolut – wenn man weiß, worauf man sich einlässt. Es ist kein Spiel für Leute, die Herausforderungen oder komplexe Mechaniken suchen. Es ist ein Spiel für Momente, in denen man nach einem stressigen Arbeitstag einfach nur abschalten möchte. Es ist ein digitaler Rückzugsort, an dem man sich an wunderschönen Texturen erfreuen und seiner Kreativität beim Stylen freien Lauf lassen kann.
Die technische Brillanz und das entspannte Spielgefühl wiegen die Schwächen in der Story und die Gacha-Problematik für mich persönlich auf. Wer das Genre der „Cozy Games“ liebt, wird hier hunderte Stunden versenken können. Wer jedoch ein vollwertiges Open-World-Abenteuer mit Tiefgang sucht, sollte seine Erwartungen drosseln. Infinity Nikki ist kein Meilenstein der Spielegeschichte, aber es ist ein verdammt hübscher Zeitvertreib, der genau weiß, wen er ansprechen will – und das macht es verdammt gut.
+ PRO
- +Technisch beeindruckende Grafik mit liebevollen Textur-Details bei den Outfits.
- +Entspannendes, stressfreies Gameplay, das perfekt für kurze Sessions geeignet ist.
- +Innovatives Plattform-Gameplay durch modische Spezialfähigkeiten.
- CONTRA
- -Die Story bleibt flach und dient primär als Vorwand für den nächsten Outfit-Wechsel.
- -Gacha-Mechaniken können den Spielfluss für Free-to-Play-Spieler frustrierend bremsen.
- -Die Steuerung wirkt in den 3D-Plattform-Passagen gelegentlich etwas schwammig.
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