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Schiffbruch mit System: Warum Havendock trotz kleiner Wellen süchtig macht
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Schiffbruch mit System: Warum Havendock trotz kleiner Wellen süchtig macht

Havendock entführt uns auf eine einsame Insel, auf der wir aus Schrott ein florierendes Paradies bauen. Ein charmantes Aufbauspiel, das entspannt, aber manchmal an seinen eigenen Automatisierungsketten zieht.

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FatimaEzzahra Zouhoum
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SPIEL Havendock
ENTWICKLER IndieArk / YYZ
PUBLISHER IndieArk
RELEASE 29. August 2024
PLATTFORMEN: PC | Switch

Es gibt diese Spiele, die man startet, um kurz „fünf Minuten“ etwas zu erledigen, und plötzlich ist es drei Uhr morgens. Havendock gehört zweifellos in diese gefährliche Kategorie. Als Überlebender einer Katastrophe strandet man auf einem winzigen Fleckchen Land inmitten eines endlosen Ozeans. Was als einsames Überleben beginnt, entwickelt sich schnell zu einer komplexen Logistik-Simulation, die uns als Architekten, Farmer und Bürgermeister fordert.

Vom Treibgut zum Imperium

Der Einstieg in Havendock ist erfrischend unkompliziert. Man fischt Müll aus dem Wasser, baut eine erste Werkbank und erweitert nach und nach die hölzerne Plattform. Das Spielprinzip ist klassisch: Ressourcen sammeln, verarbeiten, neue Technologien freischalten, expandieren. Doch wo andere Survival-Spiele einen mit Hunger- und Durst-Anzeigen in den Wahnsinn treiben, bleibt Havendock angenehm casual. Die Bedürfnisse der Charaktere sind vorhanden, aber sie dienen eher als sanfter Ansporn, nicht als ständiger Stressfaktor.

Besonders hervorzuheben ist das Automatisierungssystem. Wer Spiele wie Factorio liebt, aber den dortigen Stress scheut, findet hier seine Erfüllung. Man baut Förderbänder, setzt Roboter ein und automatisiert die Produktion von Lebensmitteln oder Baumaterialien. Es ist ein befriedigendes Gefühl, zuzusehen, wie die eigene Siedlung plötzlich „von alleine“ funktioniert, während man selbst neue Inseln erkundet oder die eigene Basis verschönert.

Wenn die Idylle zur Arbeit wird

Doch wo Licht ist, ist auch Schatten. Mit zunehmender Größe der Siedlung offenbart Havendock seine Schwächen. Das Spiel, das anfangs so entspannt wirkt, verwandelt sich im späteren Verlauf in eine Klick-Orgie. Das Mikromanagement der NPCs – die man übrigens aus dem Wasser fischt, was eine herrlich skurrile Note hat – wird zur Herausforderung. Wenn man jedem Siedler einzeln Aufgaben zuweisen muss und die KI hier und da über ihre eigenen Füße stolpert, wünscht man sich ein übersichtlicheres Management-Interface.

Ein weiterer Kritikpunkt ist die Steuerung. Während man auf einer kleinen Plattform noch alles im Griff hat, wird das Platzieren von Gebäuden auf einer weitläufigen, verwinkelten Basis zur Geduldsprobe. Die Kameraführung ist in engen Bereichen oft zu starr, und man baut versehentlich eine Wand dort, wo eigentlich ein Durchgang geplant war. Das ist kein Weltuntergang, aber es unterbricht den „Flow“, den das Spiel ansonsten so meisterhaft aufbaut.

Charme schlägt Komplexität

Trotz dieser Ecken und Kanten bleibt Havendock ein Spiel, das man ins Herz schließt. Der Grafikstil ist zweckmäßig, aber unglaublich charmant. Die kleinen, wuseligen Bewohner und die ständige Veränderung der Umgebung geben einem das Gefühl, wirklich etwas erschaffen zu haben. Es ist diese Mischung aus „Ich habe das alles hier aufgebaut“ und „Was passiert wohl, wenn ich dieses neue Gebäude freischalte?“, die den Spieler bei der Stange hält.

Die Interaktion mit den NPCs könnte definitiv mehr Tiefe vertragen. Aktuell wirken sie eher wie austauschbare Zahnräder im Getriebe der Siedlung. Ein wenig mehr Persönlichkeit oder individuelle Geschichten hätten dem Spiel gutgetan, um die emotionale Bindung an das eigene „Havendock“ zu stärken. Man baut zwar eine Stadt, aber man baut sie eher für die Effizienz als für die Bewohner.

Fazit: Ein gelungener Trip aufs offene Meer

Havendock ist kein Spiel, das das Genre neu erfindet. Es ist aber ein Spiel, das seine Mechaniken verstanden hat und sie mit einer solchen Leichtigkeit präsentiert, dass man über die technischen Unzulänglichkeiten gerne hinwegsieht. Es ist die perfekte Wahl für Feierabende, an denen man nicht nachdenken, sondern einfach nur „machen“ will.

Wer eine knallharte Wirtschaftssimulation sucht, wird hier vielleicht enttäuscht. Wer jedoch ein entspanntes Aufbau-Spiel sucht, das einen mit einem stetigen Fortschrittsgefühl belohnt, ist bei Havendock genau richtig. Es ist ein Titel, der zeigt, dass man auch mit einfachen Mitteln – und ein wenig Treibgut – Großes erreichen kann. Für den Preis und den gebotenen Umfang ist es eine klare Empfehlung für alle, die das „Nur noch eine Runde“-Gefühl suchen.

Havendock ist wie ein guter Urlaub: Man kommt erschöpft, aber glücklich zurück – und plant schon den nächsten Ausflug aufs Meer.

7.8
/10
GUT

+ PRO

  • +Extrem motivierender „Nur noch eine Aufgabe“-Loop
  • +Liebevoller Grafikstil mit hohem Wiedererkennungswert
  • +Intelligente Automatisierung, die den Spieler entlastet

- CONTRA

  • -Zunehmendes Mikromanagement im späteren Spielverlauf
  • -Teilweise hakelige Steuerung in engen Bau-Bereichen
  • -Fehlende Tiefe bei den NPC-Interaktionen

FAZIT

Ein süchtig machender Insel-Aufbau-Loop mit gelungener Automatisierung, dessen spätes Mikromanagement den Fluss trübt.

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