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Zwischen Untoten und Entscheidungsnot: Ein düsterer Tanz auf dem Drahtseil
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Zwischen Untoten und Entscheidungsnot: Ein düsterer Tanz auf dem Drahtseil

Knock on the Coffin Lid mischt klassisches Deckbuilding mit einer packenden, düsteren Story. Doch hinter der schicken Fassade verbirgt sich ein knallharter Schwierigkeitsgrad, der nicht jedem Spieler schmecken wird.

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Tommes Parzl
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Wenn man den Markt für Deckbuilder im Jahr 2024 betrachtet, fühlt man sich oft wie ein Reisender, der zum zehnten Mal dieselbe Kreuzung erreicht. „Slay the Spire“ hat das Genre definiert, unzählige Klone haben es kopiert. Doch dann kommt Knock on the Coffin Lid um die Ecke, klopft höflich an den Sargdeckel und zeigt uns, dass in diesem Genre noch immer genug Leben – oder besser gesagt: Untote – steckt.

Eine Welt, in der der Tod nur der Anfang ist

Die Prämisse ist simpel, aber effektiv: Wir erwachen als wiederbelebter Krieger in einer Welt, die in Dunkelheit versinkt. Was Knock on the Coffin Lid von der Konkurrenz abhebt, ist die narrative Tiefe. Wir sind nicht einfach nur ein namenloser Held, der sich durch Räume klickt. Wir treffen auf Fraktionen, müssen moralische Entscheidungen treffen und erleben eine Geschichte, die sich tatsächlich verändert, je nachdem, wie wir uns verhalten. Das verleiht dem Roguelike-Loop eine Dringlichkeit, die ich bei Genre-Vertretern oft vermisse.

Taktik, die den Kopf rauchen lässt

Das Herzstück ist natürlich das Kampfsystem. Hier glänzt das Spiel durch eine beeindruckende Synergie-Dichte. Es reicht nicht, einfach nur die stärksten Karten zu sammeln. Man muss die Ausrüstung, die passiven Fähigkeiten und die spezifischen Klassen-Mechaniken in Einklang bringen. Wenn man als „Persival“ spielt, fühlt sich jeder Kampf wie ein präzises Schachspiel an. Die Karten fühlen sich wuchtig an, und wenn eine Kombo endlich zündet – etwa wenn man den Gegner mit Schwächungen belegt und dann mit einem massiven Schlag das Blatt wendet –, ist das ein befriedigendes Gefühl, das süchtig macht.

Doch hier kommt auch der erste Kritikpunkt ins Spiel: Die Balance. Knock on the Coffin Lid ist gnadenlos. Während man sich durch die ersten Ebenen noch relativ sicher fühlt, ziehen manche Bosskämpfe den Schwierigkeitsgrad so drastisch an, dass man sich fragt, ob man einen Fehler in seinem Build gemacht hat oder ob das Spiel einfach nur „unfair“ würfelt. Es gibt Momente, in denen ein einziger schlechter Draw den gesamten Run beendet, was nach einer Stunde Spielzeit durchaus für Frust sorgt.

Ästhetik und Bedienung

Optisch ist das Spiel ein Leckerbissen für Fans von düsterer Fantasy. Der Grafikstil ist handgezeichnet, detailverliebt und fängt die morbide Stimmung perfekt ein. Die Animationen sind flüssig und verleihen den Kämpfen eine notwendige Dynamik.

Wo es jedoch hakt, ist das User Interface. Wer auf einem kleineren Monitor spielt oder sich durch die komplexeren Ausrüstungsmenüs klickt, verliert schnell den Überblick. Die Tooltips sind zwar informativ, aber manchmal so überladen, dass man die eigentliche Information – etwa den Schaden oder den Effekt einer Karte – erst suchen muss. Hier hätte ein wenig mehr „Less is more“-Philosophie dem Spielfluss gut getan.

Der Grind-Faktor

Ein weiterer Punkt, der für geteilte Meinungen sorgen wird, ist der Fortschrittsmechanismus. Um wirklich mächtige Decks zu bauen und die volle Tiefe der Klassen zu erleben, muss man Zeit investieren. Das Freischalten neuer Karten und Fähigkeiten fühlt sich manchmal wie ein künstlich in die Länge gezogener Grind an. Wer schnelle Erfolgserlebnisse sucht, wird hier an seine Grenzen stoßen. Wer jedoch gerne optimiert und bereit ist, aus Fehlern zu lernen, wird mit einer enormen Langzeitmotivation belohnt.

Fazit: Ein Pflichtkauf für Strategen?

Knock on the Coffin Lid ist kein Spiel für Gelegenheitsspieler, die nach Feierabend kurz abschalten wollen. Es ist ein Spiel, das Aufmerksamkeit, Planung und eine gewisse Leidensfähigkeit erfordert. Trotz der gelegentlichen Frustmomente und der etwas überladenen Menüs ist es eines der stärksten Strategie-Spiele des Jahres.

Die Entwickler haben es geschafft, die klassische Deckbuilder-Formel um eine erzählerische Ebene zu erweitern, die dem Genre gut zu Gesicht steht. Wenn ihr „Slay the Spire“ liebt, aber nach einer düstereren, storylastigeren Herausforderung sucht, dann solltet ihr definitiv an diesen Sargdeckel klopfen. Aber seid gewarnt: Der Tod ist hier nicht das Ende, sondern meistens nur der Anfang einer sehr langen und harten Lernkurve.

Von mir gibt es eine klare Empfehlung für Strategie-Fans, die keine Angst vor einer steilen Lernkurve haben. Wer jedoch eine entspannte Spielerfahrung sucht, sollte sich eher woanders umsehen.

8.2
/10
GROSSARTIG

+ PRO

  • +Tiefgreifendes, taktisches Kampfsystem mit hoher Synergie-Dichte
  • +Herausragende, düstere Atmosphäre und stimmungsvolles Art-Design
  • +Story-Entscheidungen haben spürbare Auswirkungen auf den Spielverlauf

- CONTRA

  • -Teilweise frustrierende Schwierigkeitsspitzen bei Bosskämpfen
  • -Das Interface wirkt in manchen Menüs etwas überladen und unübersichtlich
  • -Hoher Grind-Faktor beim Freischalten neuer Klassen-Mechaniken

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