Artus’ düsteres Erbe: Warum Tainted Grail trotz Ecken und Kanten fasziniert
Tainted Grail: The Fall of Avalon entführt uns in eine moralisch verrottete Version der Artus-Sage. Ein ambitioniertes Open-World-RPG, das zeigt, dass Atmosphäre oft wichtiger ist als technischer Hochglanz.
Wenn man an die Artus-Sage denkt, hat man meist strahlende Ritter, glänzende Rüstungen und den heiligen Gral im Kopf. Tainted Grail: The Fall of Avalon tritt an, um dieses Bild mit einem Vorschlaghammer zu zertrümmern. Als ich das erste Mal die nebligen Küsten von Avalon betrat, wurde mir schnell klar: Hier ist nichts heilig, und der Gral ist wohl das Letzte, was man in diesem Sumpf aus Verzweiflung und Magie finden möchte.
Das Indie-Studio Awaken Realms hat mit diesem Titel ein Mammutprojekt gestemmt, das sich anfühlt wie eine Mischung aus The Witcher und einem düsteren Tabletop-Abenteuer. Doch wie schlägt sich der Titel nach dem offiziellen Release 2025?
Eine Welt, die atmet (und stinkt)
Die größte Stärke von Tainted Grail ist zweifellos das Worldbuilding. Avalon ist kein klassischer High-Fantasy-Spielplatz. Es ist ein Ort, an dem die Realität durch den Einfluss des „Wyrd“ – einer korrumpierenden, magischen Kraft – aus den Fugen geraten ist. Überall findet man Ruinen, deren Architektur physikalisch unmöglich scheint, und Bewohner, die mehr mit ihrem Überleben als mit Heldentum beschäftigt sind.
Was mir besonders gefällt: Das Spiel nimmt den Spieler nicht an die Hand. Es gibt keine überladene Minimap, die mir jeden Schritt diktiert. Man muss die Welt aktiv erkunden, NPCs zuhören und Zusammenhänge selbst begreifen. Das führt zu einer Immersion, die man in modernen AAA-Produktionen oft schmerzlich vermisst. Wenn ich eine Quest annehme, dann nicht, weil ein Ausrufezeichen auf der Karte leuchtet, sondern weil ich in einem Gespräch erfahren habe, dass ein Dorf kurz vor der Auslöschung steht.
Entscheidungen mit Gewicht
Die moralische Ambivalenz ist das Herzstück des Spiels. Es gibt selten ein „Gut“ oder „Böse“. Oft wählt man zwischen zwei Übeln. Ein Beispiel: In einer frühen Quest soll man entscheiden, ob man eine Gruppe von Siedlern mit knappen Vorräten unterstützt oder die Ressourcen für einen strategisch wichtigeren Außenposten beansprucht. Die Konsequenzen dieser Entscheidung schlagen sich Stunden später nieder – das Dorf könnte verlassen sein, oder die Bewohner könnten sich gegen mich wenden. Das ist exzellentes Storytelling, das den Spieler wirklich in die Verantwortung nimmt.
Wo das Schwert stumpf bleibt
Doch wo Licht ist, ist auch Schatten – und der ist in Avalon leider recht lang. Das Kampfsystem ist der größte Schwachpunkt des Spiels. Während die Welt so komplex und tiefgründig gestaltet ist, fühlen sich die Kämpfe oft hölzern und unpräzise an. Die Treffer-Feedback-Animationen wirken altbacken, und die KI der Gegner ist oft vorhersehbar. Man merkt hier deutlich, dass das Budget eines Indie-Studios seine Grenzen hat. Wer ein flüssiges, actionreiches Kampfsystem wie in einem Elden Ring erwartet, wird hier enttäuscht werden.
Auch technisch ist Tainted Grail kein Meisterwerk. Während der Release 2025 viele Bugs der Early-Access-Phase behoben hat, kämpft die Engine immer noch mit gelegentlichen Performance-Einbrüchen, besonders in dicht bewaldeten Gebieten oder bei komplexen Lichteffekten. Clipping-Fehler, bei denen Gegner in Wänden verschwinden oder Quest-Items kurzzeitig nicht aufhebbar sind, kommen vor. Es ist nichts, was das Spiel unspielbar macht, aber es reißt einen immer wieder aus der dichten Atmosphäre heraus.
Fazit: Ein Rohdiamant mit Ecken
Tainted Grail: The Fall of Avalon ist kein Spiel für jeden. Wer poliertes Gameplay, makellose Grafik und ein schnelles Erfolgserlebnis sucht, sollte einen Bogen darum machen. Wer sich jedoch in eine Welt verlieren will, die einen fordert, die einen moralisch herausfordert und die eine Geschichte erzählt, die einem noch lange nach dem Ausschalten des PCs im Kopf bleibt, der ist hier genau richtig.
Es ist ein Spiel der Ecken und Kanten, ein typisches Indie-Projekt, das seine Ambitionen manchmal über seine technischen Möglichkeiten stellt. Aber genau dieser Mut, etwas Eigenes zu wagen, macht es für mich zu einem der interessantesten RPGs des Jahres. Wenn ihr über die hölzernen Kämpfe und den einen oder anderen Bug hinwegsehen könnt, werdet ihr mit einer der faszinierendsten Fantasy-Welten der letzten Jahre belohnt. Avalon ist hässlich, grausam und kaputt – und genau deshalb ist es so verdammt gut.
+ PRO
- +Herausragendes Worldbuilding mit einer beklemmenden, einzigartigen Atmosphäre.
- +Entscheidungen haben spürbare, oft düstere Konsequenzen für die Spielwelt.
- +Tiefgreifendes Quest-Design, das abseits ausgetretener Pfade wandelt.
- CONTRA
- -Technischer Schliff lässt an vielen Stellen zu wünschen übrig.
- -Das Kampfsystem wirkt im Vergleich zur restlichen Spieltiefe etwas hölzern.
- -Gelegentliche Clipping-Fehler und Performance-Einbrüche stören den Spielfluss.
FAZIT
Ein ambitioniertes Open-World-RPG, das mit einer beklemmenden, einzigartigen Atmosphäre und tiefgründigem Quest-Design glänzt, technisch aber noch an Ecken und Kanten laboriert.
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