Cronos: The New Dawn – Ein Zeitreise-Trip mit Ecken, Kanten und verdammt viel Atmosphäre
Bloober Team wagt sich mit Cronos: The New Dawn an ein ambitioniertes Sci-Fi-Adventure, das zwischen klaustrophobischem Horror und komplexer Zeitreise-Mechanik pendelt. Ein atmosphärisches Meisterwerk mit spielerischen Stolpersteinen.
Wenn man an das Bloober Team denkt, kommen einem sofort psychologische Horrorspiele wie Layers of Fear oder das Silent Hill 2 Remake in den Sinn. Mit Cronos: The New Dawn schlägt das Studio nun ein neues Kapitel auf – ein Sci-Fi-Adventure, das den Fokus stärker auf Survival und Zeitmanipulation legt. Nach gut 15 Stunden in den Ruinen der Vergangenheit und den sterilen Korridoren der Zukunft stellt sich die Frage: Hat sich der Sprung ins Genre-Neuland gelohnt?
Die Prämisse von Cronos ist so simpel wie faszinierend: Wir schlüpfen in die Rolle eines „Reisenden“, der durch die Zeit geschickt wird, um in einer sterbenden Welt Fragmente der Geschichte zu bergen. Dabei bewegen wir uns ständig zwischen dem Polen-der-80er-Jahre und einer dystopischen, technologisch fortgeschrittenen Zukunft. Die visuelle Umsetzung dieser beiden Welten ist zweifellos das größte Highlight des Spiels. Während die 80er-Jahre-Szenarien mit einem herrlich körnigen, fast schon melancholischen Filter daherkommen, wirkt die Zukunft kühl, klinisch und bedrohlich. Die Unreal Engine 5 leistet hier ganze Arbeit; die Lichteffekte, wenn man durch ein Zeitportal tritt und die Umgebung in Echtzeit zerfällt oder neu entsteht, sind technisch gesehen das Beste, was wir dieses Jahr im Adventure-Genre gesehen haben.
Doch wo Licht ist, ist auch Schatten. Das Gameplay von Cronos ist ein zweischneidiges Schwert. Das Kern-Adventure-Element – das Lösen von Rätseln durch das Ändern von Objekten in der Vergangenheit, um den Weg in der Zukunft freizumachen – ist brillant durchdacht. Es gibt Momente, in denen man stolz vor dem Bildschirm sitzt, weil man die logische Kette hinter einem Zeit-Puzzle endlich durchschaut hat. Leider wird dieser Flow immer wieder durch Stealth-Passagen unterbrochen, die sich anfühlen, als stammten sie aus einer anderen Ära.
Die Gegner, groteske Kreaturen, die aus den Rissen der Zeit entstanden sind, reagieren auf Geräusche. Das Problem: Die KI ist oft inkonsistent. In einem Moment schleiche ich an einem Wächter vorbei, der mich nicht einmal bemerkt, obwohl ich direkt vor ihm stehe, im nächsten Moment werde ich durch eine Wand hindurch entdeckt, was fast immer den sofortigen Tod bedeutet. Das führt zu Trial-and-Error-Momenten, die den Spielfluss massiv stören. Wenn ich zum fünften Mal denselben Abschnitt neu starten muss, weil die KI-Logik nicht nachvollziehbar ist, verliert das Spiel seine beklemmende Horror-Wirkung und wird schlichtweg nervig.
Auch beim Pacing leistet sich Cronos Schwächen. Das zweite Drittel des Spiels fühlt sich an, als hätte man die Laufwege künstlich gestreckt. Man rennt durch Korridore, die man bereits kennt, nur um einen Schalter umzulegen, der in der anderen Zeitlinie eine Tür öffnet. Hier hätte das Spiel gut und gerne zwei Stunden kürzer sein können, um die Spannung aufrechtzuerhalten.
Dennoch: Man kann Bloober Team nicht absprechen, dass sie eine Vision haben. Die Geschichte, die sich in den Notizen und Audiologs entfaltet, ist tiefgründig und wirft ethische Fragen über das Eingreifen in den Lauf der Zeit auf. Man fühlt sich als Spieler oft unwohl – nicht nur wegen der Monster, sondern wegen der moralischen Entscheidungen, die man treffen muss. Die Sprecher leisten hervorragende Arbeit, und der Soundtrack, der zwischen synthetischen 80er-Beats und düsteren Ambient-Klängen wechselt, unterstreicht die Stimmung perfekt.
Ist Cronos: The New Dawn ein perfektes Spiel? Mit Sicherheit nicht. Es ist ein Spiel mit Ecken und Kanten, das sich manchmal in seinen eigenen Mechaniken verheddert. Aber es ist ein Spiel, das man nicht so schnell vergisst. Wer sich an den teils frustrierenden Stealth-Passagen nicht stört und eine Vorliebe für atmosphärische Sci-Fi-Geschichten mit Köpfchen hat, wird hier definitiv auf seine Kosten kommen.
Für Bloober Team ist Cronos ein wichtiger Schritt. Es zeigt, dass sie mehr können als nur „Walking Simulators“ oder Remakes. Wenn sie in einem potenziellen Nachfolger die KI-Probleme in den Griff bekommen und das Pacing straffen, könnte aus dieser neuen IP eine echte Referenz im Adventure-Horror-Bereich werden. Für den Moment bleibt ein technisch beeindruckendes, atmosphärisch dichtes, aber spielerisch leicht ungeschliffenes Abenteuer, das einen Platz in der Bibliothek eines jeden Sci-Fi-Fans verdient hat – sofern man bereit ist, über die eine oder andere Fruststelle hinwegzusehen.
+ PRO
- +Herausragendes Sounddesign und eine beklemmende, dichte Atmosphäre
- +Innovatives Zeitreise-Konzept, das die Spielwelt spürbar verändert
- +Visuell beeindruckende Inszenierung der verschiedenen Zeitebenen
- CONTRA
- -Gelegentliche Frustmomente durch unpräzise Stealth-Passagen
- -Die KI der Gegner agiert stellenweise unvorhersehbar und unfair
- -Das Pacing im zweiten Drittel zieht sich unnötig in die Länge
FAZIT
Ein technisch beeindruckendes, atmosphärisch dichtes Sci-Fi-Horror-Adventure mit cleverem Zeitreise-Konzept, das durch inkonsistente KI und Pacing-Schwächen gebremst wird.
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