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Jan Dolski und die Qual der Wahl: Wenn das eigene Ich zum Albtraum wird
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Jan Dolski und die Qual der Wahl: Wenn das eigene Ich zum Albtraum wird

In 'The Alters' stellt 11 bit studios die Frage, wie unser Leben verlaufen wäre, hätten wir andere Entscheidungen getroffen. Ein psychologisch tiefgründiges Adventure mit Survival-Elementen, das unter die Haut geht.

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Tommes Parzl
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SPIEL The Alters
ENTWICKLER 11 bit studios
PUBLISHER 11 bit studios
RELEASE 13. Juni 2025
PLATTFORMEN: PC | PS5 | Xbox Series X|S

Es gibt Spiele, die man spielt, um sich zu entspannen, und dann gibt es Spiele wie The Alters. Das neue Werk von 11 bit studios – den Meistern des moralischen Dilemmas hinter This War of Mine und Frostpunk – ist kein klassisches Adventure. Es ist ein psychologisches Kammerspiel, das in der lebensfeindlichen Umgebung eines fremden Planeten spielt. Als Jan Dolski, ein einfacher Arbeiter, der nach einer Notlandung auf einem unbewohnbaren Felsbrocken strandet, ist man nicht nur auf sich allein gestellt. Man ist auf sich selbst angewiesen – im wahrsten Sinne des Wortes.

Die Prämisse ist brillant: Um zu überleben, muss Jan Klone von sich selbst erschaffen. Doch diese Klone sind keine bloßen Kopien. Sie sind Versionen von Jan, die auf Basis unterschiedlicher Lebensentscheidungen entstanden sind. Was wäre, wenn Jan damals nicht die Universität abgebrochen hätte? Was wäre, wenn er sich für die Familie statt für die Karriere entschieden hätte? Diese “Alters” sind eigenständige Persönlichkeiten mit eigenen Ängsten, Stärken und – das ist der Knackpunkt – eigenen Egos.

Zwischen Überleben und Identitätskrise

Das Gameplay von The Alters ist ein zweischneidiges Schwert. Auf der einen Seite steht das Survival-Management: Wir müssen unsere mobile Basis in Schuss halten, Ressourcen sammeln und sicherstellen, dass die Lebenserhaltungssysteme laufen. Das ist atmosphärisch dicht und erinnert in seinen besten Momenten an Moon oder The Martian. Die ständige Bedrohung durch die tödliche Strahlung außerhalb der Basis sorgt für einen konstanten Puls.

Auf der anderen Seite steht das soziale Gefüge innerhalb der Basis. Hier glänzt das Spiel. Wenn ich einen “Wissenschaftler-Jan” erschaffe, der arrogant auf den “Arbeiter-Jan” herabsieht, entstehen Spannungen, die das gesamte Überleben gefährden können. Die Dialoge sind exzellent geschrieben. Man merkt, dass hier viel Herzblut in die Charakterzeichnung geflossen ist. Es ist ein seltsames Gefühl, mit sich selbst zu streiten, nur um dann festzustellen, dass man eigentlich recht hatte – oder eben nicht.

Wenn die Mechanik das Drama ausbremst

Doch wo Licht ist, ist auch Schatten. So faszinierend die psychologische Komponente ist, so repetitiv kann das Ressourcen-Management werden. Es gibt Phasen im Spiel, in denen man sich wie ein Hausmeister auf einer sterbenden Raumstation fühlt. Das ständige Hin- und Herlaufen in der Basis, um Ventile zu drehen oder Generatoren zu füttern, fühlt sich nach zehn Stunden manchmal wie Arbeit an, nicht wie Spielspaß. Hier hätte ich mir mehr Automatisierung oder zumindest eine flüssigere Steuerung gewünscht.

Auch technisch ist The Alters zum Release nicht frei von Fehlern. In der 2D-Seitenansicht der Basis kam es bei mir mehrfach zu Clipping-Fehlern, bei denen Charaktere in Wänden feststeckten oder Animationen ruckelten. Das bricht die Immersion, besonders wenn man gerade in einem hochgradig emotionalen Gespräch mit seinem eigenen “Ich” steckt. Für ein Studio dieser Größe ist das zwar verzeihlich, aber dennoch ärgerlich, da es den Spielfluss unnötig unterbricht.

Ein Spiegelbild der Seele

Trotz der technischen Macken und der gelegentlichen spielerischen Monotonie ist The Alters eines der mutigsten Spiele des Jahres 2025. Es traut sich, den Spieler mit der eigenen Vergänglichkeit und den verpassten Chancen zu konfrontieren. Die Frage “Was wäre wenn?” ist ein universeller menschlicher Schmerz, und 11 bit studios schafft es, diesen Schmerz spielbar zu machen.

Die Atmosphäre ist beklemmend, die Musik unterstreicht die Isolation perfekt, und das Ende – ohne zu viel verraten zu wollen – lässt einen nachdenklich zurück. Es ist kein Spiel, das man “mal eben so” durchspielt. Es verlangt Aufmerksamkeit und die Bereitschaft, sich auf die unbequemen Wahrheiten einzulassen, die Jan Dolski über sich selbst erfährt.

Wer ein klassisches Sci-Fi-Adventure mit schnellen Rätseln sucht, wird hier vielleicht enttäuscht. Wer aber eine Geschichte erleben will, die lange nach dem Abspann im Kopf bleibt, kommt an The Alters nicht vorbei. Es ist ein ungeschliffener Diamant: Ecken und Kanten sind vorhanden, aber der Kern ist von einer seltenen Brillanz.

Fazit: Ein Spiel, das nicht nur unterhält, sondern verändert. Trotz kleinerer technischer Schwächen ein absoluter Pflichtkauf für Fans von narrativ getriebenen Survival-Abenteuern.

8.4
/10
GROSSARTIG

+ PRO

  • +Einzigartige Prämisse, die philosophische Fragen mit Survival-Gameplay verknüpft
  • +Herausragendes Voice-Acting und emotionale Charaktertiefe
  • +Beklemmende, atmosphärische Grafik auf einer lebensfeindlichen Basis

- CONTRA

  • -Zähe Ressourcen-Management-Phasen bremsen den Erzählfluss
  • -Gelegentliche Clipping-Fehler und technische Instabilitäten in der Basis-Ansicht

FAZIT

Ein psychologisch dichtes Sci-Fi-Kammerspiel, das philosophische Fragen mit Survival-Gameplay verbindet, trotz zäher Management-Phasen.

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