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MindsEye: Zwischen cineastischem Rausch und spielerischer Leere
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MindsEye: Zwischen cineastischem Rausch und spielerischer Leere

MindsEye verspricht das ultimative Blockbuster-Erlebnis im Shooter-Gewand, verliert sich aber in einer glänzenden Fassade, die spielerisch zu oft auf der Stelle tritt.

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Tommes Parzl
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SPIEL MindsEye
ENTWICKLER Build A Rocket Boy
PUBLISHER IO Interactive
RELEASE 10. Juni 2025
PLATTFORMEN: PC | PS5 | Xbox Series X|S

Wenn man die ersten Minuten von MindsEye spielt, fühlt man sich wie in einem interaktiven Hollywood-Film der Extraklasse. Die Beleuchtung, die Texturen, das Spiel mit Licht und Schatten – das Entwicklerstudio hat hier technisch ein Brett abgeliefert, das die aktuelle Konsolengeneration an ihre Grenzen treibt. Doch wie wir bei EndeNews.de schon oft feststellen mussten: Eine hübsche Hülle macht noch kein Meisterwerk.

Die Fassade glänzt, der Kern ist bekannt

MindsEye wirft uns in eine dystopische Zukunft, in der die Grenzen zwischen Realität und digitaler Simulation verschwimmen. Das Setting ist düster, neon-getränkt und erinnert an eine Mischung aus Cyberpunk 2077 und Control. Die Geschichte wird dabei so wuchtig erzählt, dass man sich als Spieler oft fragt, ob man gerade noch die Kontrolle hat oder nur noch den “Vorwärts”-Button drückt, um die nächste Zwischensequenz auszulösen.

Das Gunplay an sich ist solide. Die Waffen fühlen sich wuchtig an, das Treffer-Feedback ist dank exzellenter Sound-Abmischung erstklassig. Wenn man mit einer Railgun durch eine Deckung schießt, spürt man förmlich die Energie, die sich entlädt. Doch hier beginnt auch das erste Problem: Das Spielgefühl bleibt über die gesamte Spielzeit von etwa 12 Stunden erschreckend statisch. Es gibt kaum Variation in den Kampfbegegnungen.

KI-Defizite trüben den Spielspaß

Was mich während meines Tests am meisten frustriert hat, ist die künstliche Intelligenz der Gegner. Während die Grafik auf dem Stand von 2025 ist, scheinen die Gegner aus einem Shooter von 2015 importiert worden zu sein. Oftmals rennen sie stumpf in mein Schussfeld oder bleiben hinter einer Kiste hocken, während ich sie flankiere. In einem Spiel, das sich so sehr über seine cineastische Intensität definiert, reißt einen dieses Verhalten immer wieder aus der Immersion. Wenn der “Elite-Soldat” der gegnerischen Fraktion seelenruhig gegen eine Wand läuft, während ich ihn mit einem gezielten Schuss ausschalte, verfliegt die angespannte Atmosphäre augenblicklich.

Ein Schlauch, der zu eng ist

Das Leveldesign ist ein weiteres zweischneidiges Schwert. MindsEye ist ein extrem linearer Shooter. Das ist per se kein Fehler – Spiele wie Call of Duty oder Wolfenstein beweisen, dass Schlauch-Level fantastisch funktionieren können, wenn sie Abwechslung bieten. MindsEye jedoch verpasst es, dem Spieler echte spielerische Freiheit zu geben. Es gibt keine alternativen Routen, keine taktischen Möglichkeiten, eine Situation anders zu lösen. Es ist ein “Gehe von Punkt A nach Punkt B, schieße alles nieder, was sich bewegt, und schaue dir die nächste Cutscene an”.

Besonders in der Mitte des Spiels schleichen sich Längen ein. Es gibt Abschnitte, in denen man gefühlt 20 Minuten lang nur durch Korridore läuft, um die nächste Story-Information zu erhalten. Hier hätte dem Spiel ein wenig mehr Mut zur spielerischen Freiheit oder zumindest ein paar knackige Rätsel gutgetan, um den Rhythmus aufzubrechen.

Die Technik als Rettungsanker

Warum bekommt MindsEye trotzdem eine 7.4? Weil es Momente gibt, in denen alles zusammenpasst. Wenn man in einer riesigen Arena gegen einen Boss kämpft, während die Umgebung in Echtzeit zerfällt und die Musik episch anschwillt, dann ist MindsEye pures Gaming-Gold. Die Inszenierung ist schlichtweg bombastisch. Man merkt an jeder Ecke, wie viel Herzblut in die visuelle Gestaltung und das World-Building geflossen ist. Die Geschichte ist zwar kein literarisches Meisterwerk, aber sie ist spannend genug, um einen bis zum Ende bei der Stange zu halten.

Fazit: Ein Blockbuster für zwischendurch

MindsEye ist kein Spiel, das das Genre neu erfindet. Es ist ein hochglanzpolierter Action-Shooter, der sich stark auf seine visuelle Power verlässt und dabei spielerische Tiefe opfert. Wer auf der Suche nach einer packenden, kurzweiligen Kampagne ist und sich an einer erstklassigen Grafik erfreuen kann, wird hier definitiv seinen Spaß haben. Wer jedoch nach taktischer Tiefe, intelligenter KI oder spielerischer Freiheit sucht, wird enttäuscht werden.

Für mich bleibt MindsEye ein Spiel, das ich gerne durchgespielt habe, das ich aber wahrscheinlich nicht ein zweites Mal anrühren werde. Es ist ein exzellenter “Popcorn-Shooter” – laut, bunt, spektakulär, aber leider auch schnell wieder vergessen. Ein solider Titel, der zeigt, dass Technik allein nicht ausreicht, um in die Riege der ganz Großen aufzusteigen. Wer das nächste Half-Life oder Doom erwartet hat, sollte seine Erwartungen drosseln. Wer einfach nur für ein paar Abende erstklassig unterhalten werden will, macht hier wenig falsch.

7.4
/10
GUT

+ PRO

  • +Spektakuläre, fast fotorealistische Grafik-Engine
  • +Packende Inszenierung der Zwischensequenzen
  • +Innovatives Waffen-Feedback und Sound-Design

- CONTRA

  • -Lineares Leveldesign ohne echte spielerische Freiheit
  • -KI-Gegner agieren oft vorhersehbar und dumm
  • -Story-Pacing leidet unter zu vielen Skript-Momenten

FAZIT

Ein technisch spektakulärer Shooter mit filmreifer Inszenierung, der spielerisch zu linear und vorhersehbar bleibt, um zu begeistern.

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