Sizilianische Schatten: Ein Prequel, das nach Blut und Tradition schmeckt
Mafia: The Old Country entführt uns in die rauen Anfänge der Cosa Nostra auf Sizilien. Ein atmosphärisches Meisterwerk, das spielerisch jedoch in alten Mustern gefangen bleibt.
Es ist ein gewagter Schritt, den Hangar 13 mit Mafia: The Old Country wagt. Nachdem wir uns durch das verregnete Lost Heaven geschossen und das neonbeleuchtete New Bordeaux durchquert haben, führt uns die Reise nun zurück zu den Wurzeln – ins Sizilien des frühen 20. Jahrhunderts. Als ich das erste Mal die staubigen Pfade eines abgelegenen Bergdorfes betrat, war ich sofort gefesselt. Doch nach rund 20 Stunden Spielzeit bleibt ein zwiespältiger Eindruck: Ein erzählerisches Juwel trifft auf ein spielerisches Relikt.
Die Atmosphäre: Ein Fest für Cineasten
Man muss es den Entwicklern lassen: Niemand inszeniert das organisierte Verbrechen so stilsicher wie das Team hinter der Mafia-Reihe. The Old Country fühlt sich nicht wie ein Videospiel an, sondern wie eine hochwertige HBO-Serie. Die Darstellung Siziliens ist rau, ungeschönt und von einer melancholischen Schönheit durchzogen. Wenn man durch die engen Gassen läuft, während der Soundtrack – eine Mischung aus traditionellen italienischen Klängen und düsteren Streichern – die Spannung in die Höhe treibt, vergisst man schnell, dass man eigentlich nur eine weitere „Gehe von A nach B“-Mission absolviert.
Die Geschichte um den Aufstieg in der frühen Cosa Nostra ist packend. Wir erleben keine glorifizierten Gangster, sondern Männer, die aus der Not heraus zu den Waffen greifen. Die Dialoge sind scharf, die schauspielerische Leistung der Motion-Capture-Darsteller ist auf einem Niveau, das man in der Branche selten findet.
Das Gameplay: Wo die Zeit stehen blieb
Hier kommen wir zum kritischen Punkt. Während die Welt und die Story im Jahr 2025 angekommen sind, fühlt sich das Gameplay an, als wäre es in einer Zeitkapsel aus dem Jahr 2015 konserviert worden. Die Schießereien sind solide, aber unspektakulär. Das Deckungssystem wirkt oft hölzern, und die KI der Gegner ist – gelinde gesagt – frustrierend. In einer Mission, in der ich mich durch ein Lagerhaus schleichen musste, blieb ein Wächter stur gegen eine Wand laufen, während ich drei Meter neben ihm stand. Das bricht die Immersion massiv.
Auch die Missionsstruktur ist enttäuschend linear. In einer Open-World-Ära, in der Spieler Freiheit und kreative Lösungswege erwarten, fühlt sich The Old Country oft wie ein Schlauchlevel-Shooter an. Man hat selten das Gefühl, wirklich Einfluss auf den Verlauf einer Mission zu nehmen. Es gibt den einen Weg, den die Entwickler vorgesehen haben, und wehe dem, der versucht, die Umgebung taktisch zu nutzen. Die Interaktionsmöglichkeiten mit der Welt sind begrenzt; abgesehen von den Hauptmissionen und ein paar repetitiven Nebenaufgaben bietet die Welt wenig Anreiz, abseits der ausgetretenen Pfade zu wandeln.
Die Technik: Glanz und Schatten
Grafisch ist das Spiel ein zweischneidiges Schwert. Die Gesichter und die Lichtstimmung bei Sonnenuntergang sind absolut fotorealistisch und gehören zum Besten, was ich dieses Jahr gesehen habe. Doch sobald man sich in die Details begibt, bröckelt die Fassade. Texturen an den Hauswänden wirken bei näherem Hinsehen matschig, und die Animationen beim Klettern oder bei schnellen Bewegungen wirken oft unnatürlich abgehackt. Auf meiner Test-Konsole gab es zudem gelegentliche Framerate-Einbrüche, wenn zu viele NPCs gleichzeitig auf dem Marktplatz unterwegs waren.
Fazit: Ein Muss für Fans, ein „Vielleicht“ für den Rest
Mafia: The Old Country ist ein Spiel für Liebhaber des Genres. Wer eine tiefgründige, erwachsene Geschichte sucht und sich an der filmischen Inszenierung berauschen kann, wird über die spielerischen Schwächen hinwegsehen können. Die Atmosphäre ist so dicht, dass man den Staub Siziliens förmlich auf den Lippen schmeckt.
Wer jedoch nach einer spielerischen Innovation sucht oder ein modernes Open-World-Erlebnis erwartet, das den Spieler wirklich fordert, wird enttäuscht sein. Hangar 13 hat es geschafft, die Seele der Mafia-Reihe einzufangen, aber sie haben es versäumt, ihr ein zeitgemäßes spielerisches Skelett zu verpassen. Es ist ein exzellentes Adventure für einen verregneten Sonntag, aber kein Meilenstein der Spielegeschichte.
Für Fans der Reihe ist es ein Pflichtkauf – für alle anderen empfiehlt sich ein Blick in den Sale. Die Mafia hat uns schon immer Geschichten erzählt, die man nicht vergisst, aber man muss sich fragen, ob man sie heute noch so spielen möchte wie vor zehn Jahren.
+ PRO
- +Herausragendes World-Building und authentische Atmosphäre
- +Filmreife Inszenierung der Zwischensequenzen
- +Mutiger Schauplatzwechsel weg vom US-Setting
- CONTRA
- -Technisch angestaubte Spielmechaniken
- -Lineares Leveldesign wirkt im Jahr 2025 oft zu restriktiv
- -KI-Aussetzer bei Schleichpassagen
FAZIT
Ein erzählerisch starkes Sizilien-Prequel mit filmreifer Inszenierung, das in spielerischen Relikten der Vergangenheit hängen bleibt.
VERWANDTE ARTIKEL
Metroid Prime 4: Beyond Review: Unser ausfuehrlicher Test
Retro Studios' Metroid Prime 4: Beyond im Test - Lohnt sich der Kauf? Unser Review mit Wertung und Fazit.
God of War 6 Review: Unser ausfuehrlicher Test
Santa Monica Studios God of War 6 im Test - Lohnt sich der Kauf? Unser Review mit Wertung und Fazit.
Zwischen Gipfelsturm und Fingerkrampf: Warum Cairn kein Spaziergang ist
Cairn ist eine meditative, aber gnadenlose Bergsteiger-Simulation, die den einsamen Aufstieg auf einen fiktiven Achttausender in den Mittelpunkt stellt. Ein Spiel, das die physische Anstrengung des Kletterns perfekt emuliert, dabei aber spielerisch an seine eigenen Grenzen stößt.
Reanimal: Wenn Kindheitsängste in den Abgrund starren
Die Schöpfer von Little Nightmares kehren mit Reanimal zurück und liefern einen verstörenden Albtraum ab, der spielerisch zwar vertraut bleibt, aber atmosphärisch neue Maßstäbe setzt.