Zwischen Schatten und Scherben: Ein blutiger Neuanfang mit Narben
Vampire: The Masquerade – Bloodlines 2 ist endlich da, doch der Weg in die Dunkelheit von Seattle war steinig. Ein atmosphärisches Action-RPG, das sein Erbe ehrt, aber an der eigenen Ambition fast zerbricht.
Es ist fast schon tragisch: Vampire: The Masquerade – Bloodlines 2 trägt eine Last auf seinen Schultern, die kaum ein Spiel hätte tragen können. Nach Jahren der Entwicklungs-Hölle, Studio-Wechseln und unzähligen Verschiebungen war die Erwartungshaltung der Fangemeinde nicht nur hoch – sie war mythisch. Nun, im Jahr 2025, ist das Kind endlich in den Brunnen gefallen. Oder besser gesagt: in die dunklen Gassen von Seattle gestiegen.
Wenn man das Spiel startet, spürt man sofort den Geist des legendären Vorgängers. Die Atmosphäre ist greifbar, fast schon erdrückend. Seattle wirkt wie ein lebendiger, pulsierender Organismus, der nur darauf wartet, einen zu verschlingen. Als frisch verwandelter Vampir, der sich in der komplexen Hierarchie der Camarilla zurechtfinden muss, fühlt man sich vom ersten Moment an wie ein Fremdkörper in einer Welt, die eigentlich schon längst über einen entschieden hat.
Das Herzstück des Spiels – das Kampfsystem – war einer der größten Kritikpunkte in den frühen Previews. Hier muss ich ein Lob aussprechen: Die Entwickler haben ihre Hausaufgaben gemacht. Die Kämpfe fühlen sich nun endlich “vampirisch” an. Wenn man mit übermenschlicher Geschwindigkeit auf einen Gegner zustürmt, ihn gegen eine Wand schleudert und ihm im Vorbeigehen das Blut aus den Adern saugt, um die eigene Lebensenergie zu regenerieren, dann ist das pures Power-Fantasy-Gold. Die verschiedenen Disziplinen, die man im Laufe des Spiels freischaltet, bieten taktische Tiefe. Ob man nun als schleichender Schatten agiert oder als rohe Gewalt durch die Reihen der Feinde bricht, fühlt sich befriedigend an.
Doch wo Licht ist, ist auch Schatten – und davon gibt es in Bloodlines 2 leider einiges. Während die erste Hälfte des Spiels mit exzellentem Pacing, spannenden Dialogen und moralisch grauen Entscheidungen glänzt, wirkt das letzte Drittel gehetzt. Es ist, als hätten die Autoren plötzlich gemerkt, dass sie zum Ende kommen müssen. Die erzählerische Dichte nimmt ab, die Entscheidungen fühlen sich weniger konsequent an, und das Finale wirkt im Vergleich zum restlichen Spiel fast schon beliebig. Man merkt an vielen Ecken, dass hier während der Entwicklung massiv gestrichen und umgeschrieben wurde.
Technisch ist das Spiel eine Wundertüte. Auf meinem Test-System (High-End PC) lief das Spiel meist flüssig, aber ich kam nicht umhin, über die gelegentlichen Grafik-Glitchs zu stolpern. NPCs, die in Wänden feststecken, oder Texturen, die erst nach Sekunden laden, reißen einen immer wieder aus der Immersion. In einem Spiel, das so stark von seiner Atmosphäre lebt, ist das ein herber Dämpfer. Die Gesichtsanimationen sind zwar solide, erreichen aber bei weitem nicht das Niveau von Genre-Größen wie Cyberpunk 2077 oder Baldur’s Gate 3.
Was das Spiel jedoch rettet, ist das World-Building. Die Lore der World of Darkness wird hier so liebevoll und detailverliebt präsentiert, dass man über viele technische Mängel hinwegsehen möchte. Die Nebenquests sind oft spannender als die Hauptgeschichte selbst. Jede kleine Geschichte in Seattle erzählt von Verfall, Machtgier und der ewigen Suche nach Menschlichkeit in einer Welt, die einen längst dazu verdammt hat, ein Monster zu sein. Das Sounddesign verdient hier ein besonderes Lob: Das Flüstern der Schatten, das ferne Heulen der Sirenen und der treibende Industrial-Soundtrack erzeugen eine Spannung, die man selten in modernen Action-RPGs findet.
Am Ende bleibt Vampire: The Masquerade – Bloodlines 2 ein Spiel, das man lieben will, aber nur schwer uneingeschränkt empfehlen kann. Es ist kein Meisterwerk geworden, dafür sind die Narben der turbulenten Entwicklung zu tief. Aber es ist ein verdammt gutes, atmosphärisches Erlebnis für alle, die sich gerne in düsteren Welten verlieren und über ein paar Ecken und Kanten hinwegsehen können.
Wer den Vorgänger aus Nostalgie-Gründen auf ein Podest stellt, wird enttäuscht sein. Wer aber einfach nur ein solides, blutiges Action-RPG sucht, das einen für 20 bis 30 Stunden in eine faszinierende Unterwelt entführt, der wird hier fündig. Bloodlines 2 ist kein Spiel für die Ewigkeit, aber es ist ein Spiel, das man trotz seiner Fehler einmal erlebt haben sollte. Es ist ein ungeschliffener Diamant, der im Dreck von Seattle liegt – man muss sich nur die Hände schmutzig machen, um ihn zu finden.
+ PRO
- +Dichte, düstere Atmosphäre, die das World of Darkness-Gefühl perfekt einfängt
- +Überarbeitetes Kampfsystem fühlt sich endlich wuchtig und vampirisch an
- +Exzellentes Sounddesign und ein Soundtrack, der unter die Haut geht
- CONTRA
- -Technische Stolpersteine und gelegentliche Grafik-Bugs
- -Die Story verliert im letzten Drittel spürbar an erzählerischer Tiefe
FAZIT
Ein atmosphärisch dichtes World-of-Darkness-RPG mit wuchtigem Kampf, dessen letztes Drittel erzählerisch nachlässt und technisch hakt.
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