Das Wichtigste zuerst
Die angekündigten Banjo-Kazooie-Umsetzungen für die Retro-Handheld-Konsole Evercade sind keine einfachen Emulationen, sondern native Ports, die „von Grund auf neu aufgebaut“ wurden. Das berichtet GamesRadar+ und bezieht sich auf die aktuellen Veröffentlichungen der beiden N64-Klassiker. Diese Vorgehensweise ermöglicht es den Entwicklern, gestrichene Inhalte und Bonus-Features direkt in die Spiele zu integrieren, was mit einer klassischen Emulation nicht ohne weiteres machbar wäre.
Der Evercade-Hersteller Blaze Entertainment hat sich in den letzten Jahren auf lizenzierte Retro-Compilations spezialisiert. Mit den neuen Ports geht die Firma einen Schritt weiter: Statt ROMs in einen Emulator zu laden, wird der Code gezielt für die Hardware der Konsole angepasst. Das bedeutet mehr Stabilität, bessere Performance und eben die Möglichkeit, über den ursprünglichen Umfang hinauszugehen.
Was bedeutet „native Port“ konkret?
- Emulation: Ein ursprüngliches ROM wird in Software nachgeahmt. Vorteil: geringer Aufwand, aber häufig Fehler bei Grafik, Sound oder Eingabeverzögerung.
- Native Port: Der Quellcode wird für die Zielplattform neu kompiliert und angepasst. Das erfordert mehr Arbeit, liefert aber ein originalgetreues oder sogar verbessertes Erlebnis.
- Bonus-Features: Dazu gehören etwa ein REWIND-Modus, alternative Grafikfilter, optionale Bildraten und spezielle Cheats, die im Original nur über Zubehör wie den „Gameshark“ erreichbar waren.
- Cut-Content: In der Entwicklungsphase verworfene Level, Gegner oder Dialoge könnten nun wieder eingefügt werden, sofern die Quellcodes noch existieren.
Der Umstand, dass die Ports „rebuilt from the ground up“ wurden (also vollständig neu aufgesetzt), spricht dafür, dass die Entwickler Zugriff auf die originalen Quelldaten hatten. Das ist bei über 25 Jahre alten Spielen keine Selbstverständlichkeit, da viele Quellcodes aus den 1990er Jahren als verloren galten.
Die Evercade ist eine tragbare Konsole, die 2020 auf den Markt kam. Sie verwendet physische Cartridges, auf denen jeweils mehrere Retro-Spiele gespeichert sind. Die Besonderheit: Alle Spiele sind offiziell lizenziert, was sie von Billig-Konsolen mit ungeprüften ROMs abhebt. Für Sammler sind die Karten ein fester Bestandteil des Produkts.
- Bisher erschienen über 50 Cartridges mit Titeln von Atari, Namco, Data East und vielen weiteren Publishern.
- Die Evercade-Hardware gibt es in mehreren Varianten, darunter das Handheld-Modell und die stationäre Evercade VS.
- In der Regel handelte es sich bei den Veröffentlichungen um Emulationen; die Banjo-Kazooie-Ports sind eine der ersten Ausnahmen mit nativem Code.
Das Interesse an nativen Ports wächst in der Retro-Szene, da viele Spieler die Ungenauigkeiten von Emulatoren leid sind. Die neue Entwicklung könnte wegweisend für künftige Evercade-Releases sein, auch wenn Blaze Entertainment keine Details zu konkreten zusätzlichen Inhalten genannt hat.
Die Geschichte der Banjo-Kazooie-Serie
Banjo-Kazooie erschien 1998 für das Nintendo 64 und wurde von Rare entwickelt. Das Jump-’n’-Run um Bär und Vogel gilt bis heute als eines der besten Spiele des Systems und verkaufte sich über 1,8 Millionen Mal. Ein direkter Nachfolger, Banjo-Tooie, folgte im Jahr 2000 und bot eine größere, vernetzte Spielwelt. Das Franchise wurde später von Microsoft übernommen, nachdem Rare 2002 an den Konzern verkauft wurde.
- Unter Microsoft erschien Banjo-Kazooie: Nuts & Bolts (2008) für die Xbox 360, ein actionreiches Spiel mit Fahrzeug-Bau, das bei Fans gemischte Reaktionen hervorrief.
- Die beiden N64-Abenteuer wurden 2008 für die Xbox Live Arcade neu aufgelegt, damals mit leicht verbesserten Texturen und Erfolgen.
- Ein dritter Teil im klassischen Stil wurde oft spekuliert, aber nie angekündigt. Die Evercade-Ports sind also eine willkommene Gelegenheit, die Klassiker auf moderner Hardware zu erleben.
Die Evercade-Versionen sind insofern bemerkenswert, als sie die ersten Umsetzungen seit über einem Jahrzehnt darstellen, die nicht von Microsoft stammen. Die Lizenzierung durch Blaze Entertainment zeigt, dass auch Drittanbieter Zugriff auf die Marke erhalten können, wenn auch nur für Retro-Plattformen.
Branchenkontext: Der Retro-Markt boomt
Die Ankündigung von nativen Ports passt in eine größere Welle von Retro-Neuauflagen, die seit einigen Jahren den Markt prägen. Während Mini-Konsolen wie die SNES Classic oder die PlayStation Classic auf Emulation setzen, gehen einige Hersteller weiter: So wurden etwa Wonder Boy III oder Streets of Rage 4 als moderne Neuinterpretationen entwickelt, die alte Mechaniken mit neuen Features kombinieren.
- Limited Run Games veröffentlicht regelmäßig physische Editionen von Retro-Klassikern, oft mit Bonus-Artbooks und Soundtracks.
- M2, ein japanisches Studio, ist bekannt für hochwertige Sega-Ports, die ebenfalls oft nativ erstellt werden und Extra-Optionen bieten.
- Die Evercade-Strategie, lizenzierte Cartridges zu verwenden, unterscheidet sich von der Download-Plattform der Konkurrenz und adressiert Sammler.
In diesem Umfeld heben sich die Banjo-Kazooie-Ports ab, weil sie nicht nur einfache Remaster sind, sondern durch den „ground up“-Ansatz das Potenzial für substanzielle Ergänzungen haben. Ob diese Ergänzungen tatsächlich umgesetzt werden, bleibt abzuwarten. Doch allein die Möglichkeit zeigt, dass Retro-Ports weit mehr sein können als bloße Kopien.
Was Spieler erwarten dürfen
Für Fans der Serie ist die Nachricht vielversprechend, auch wenn konkrete Details zu den Bonus-Features noch fehlen. Da die Evercade über eine Rewind-Funktion verfügt, die in anderen Spielen bereits vorhanden ist, würde eine Implementierung in den Banjo-Ports den Einstieg erleichtern. Zudem könnten verbesserte Ladezeiten und eine stabilere Bildrate das Erlebnis auf modernen Bildschirmen angenehmer machen als das Original.
- Die originale Banjo-Kazooie-Technik nutzte das N64-Controller-Paket für die Speicherung; auf der Evercade wird der Spielstand üblicherweise auf der Cartridge oder intern gespeichert.
- Eine Option für erweiterte Bildschirmformate oder bestimmte Filter ist denkbar, bleibt aber Spekulation.
- Spieler, die die Original-Konsole nicht mehr besitzen, bekommen hier die Chance, die Klassiker mit offizieller Lizenz und ohne gravierende Emulationsfehler zu erleben.
Bis zur offiziellen Ankündigung der Zusatzinhalte sollten sich Käufer auf die verbesserte technische Basis konzentrieren. Die Ports erscheinen im Rahmen der Evercade-Collection 43 und 44, die bereits im Handel erhältlich sind.
Fazit und Ausblick
Die Banjo-Kazooie-Neuauflagen für die Evercade markieren einen technischen Wandel innerhalb der Retro-Szene. Es geht nicht mehr nur darum, alte Spiele am Laufen zu halten, sondern ihnen mit modernen Mitteln neues Leben einzuhauchen. Dass ein so bekanntes Franchise ausgewählt wurde, dürfte die Aufmerksamkeit erhöhen, zumal ein dritter klassischer Teil seit Jahren von Fans sehnsüchtig erwartet wird.
Ein konkretes Fakt bleibt: Die Evercade-Portierung ist die erste Neuveröffentlichung von Banjo-Kazooie, die nicht auf einen Microsoft-Kanal beschränkt ist. Damit wird das Spiel einem neuen Publikum auf einem reinen Retro-Gerät zugänglich, während langjährige Fans die Hoffnung auf bisher ungesehene Inhalte hegen können. Ob der „Cut-Content“ tatsächlich auftaucht, wird sich zeigen, wenn die ersten Details zu den Bonus-Features offiziell bestätigt werden.