Ein ungewöhnliches Jubiläum
Am 26. Juli 2026 erreichte Catherine den 15. Jahrestag seiner Veröffentlichung. Entwickler Atlus nutzte das Projekt, um nach der Fertigstellung von Persona 4 technisches Neuland zu betreten.
Das Studio setzte hier erstmals die Gamebryo-Engine ein, um den Übergang von der zweidimensionalen Ästhetik der Persona-Reihe zu einer plastischeren 3D-Welt zu testen. Dies bildete die technische Basis für die spätere Entwicklung von Persona 5.
Von Persona zu nächtlichen Puzzles
Das Kernteam um Director Katsura Hashino, Character Designer Shigenori Soejima und Komponist Shoji Meguro übertrug die bewährte soziale Dynamik ihrer Rollenspiele in ein horizontales Setting. Vincent Brooks, ein 32-jähriger Büroangestellter, dient als Identifikationsfigur für eine Zielgruppe, die mit der Persona-Serie in den 2000er Jahren erwachsen wurde.
Das Spielkonzept verknüpft zwei distinkte Mechaniken:
- Den sozialen Alltag in der Bar „Stray Sheep“, in der Vincent über SMS und alkoholische Getränke seine Bindungen zu Katherine und Catherine steuert.
- Den „Albtraum-Turm“, ein physikbasiertes Puzzlespiel, das unter Zeitdruck gelöst werden muss, um den Tod im Schlaf zu vermeiden.
Atlus verkaufte von Catherine weltweit über eine Million Einheiten, was für ein Nischenprodukt dieser Art im Jahr 2011 einen finanziellen Erfolg darstellte. Die Verkaufszahlen rechtfertigten 2019 die Neuauflage Catherine: Full Body, die eine dritte Romanze namens Rin hinzufügte.
Erica: Mehr als eine Kellnerin
Erica Anderson arbeitet als Kellnerin im „Stray Sheep“ und fungiert als enge Freundin von Vincent und seinen Begleitern. Ihre Identität als trans Frau wird in der ursprünglichen Fassung von 2011 erst in den finalen Spielminuten thematisiert.
Die Darstellung von Erica stieß bei westlichen Kritikern auf Ablehnung:
- Das Spiel verwendet bei der Enthüllung ihren Geburtsnamen, um den Schockmoment bei ihrem Freund Toby zu erzeugen.
- Die Full Body-Version ergänzt Szenen, in denen ihre Identität durch Rückblenden als „Phase“ oder „Verwirrung“ in ihrer Kindheit gerahmt wird.
- Diese narrative Entscheidung widerspricht den modernen Standards für Trans-Repräsentation, da sie ihre Identität als medizinisches oder psychologisches Problem behandelt.
Ein kultureller Graben
Die Behandlung von Erica entspringt dem japanischen Diskurs über Geschlechtsidentität, der sich stark von westlichen Debatten unterscheidet. Das Gesetz Nr. 111 aus dem Jahr 2003 verlangt von japanischen Bürgern eine chirurgische Sterilisation und den Verlust der Fortpflanzungsfähigkeit, bevor eine Änderung des Geschlechtseintrags in offiziellen Dokumenten möglich ist.
Diese rechtliche Hürde prägt viele japanische Medien, in denen Trans-Charaktere häufig als Bewohner eines „Dazwischen“ dargestellt werden. Atlus orientierte sich bei der Charakterzeichnung an einer konservativen gesellschaftlichen Norm, die Geschlechtsangleichungen oft als exzentrische oder belastende Entscheidung betrachtet.
Die Kritik an der Darstellung richtet sich gegen den „Deadnaming“-Vorgang, der in der westlichen Queer-Community als Akt der Missachtung gewertet wird. Atlus veröffentlichte nach der Kritik an Catherine: Full Body keine offizielle Stellungnahme, hielt aber an den Inhalten fest.
Die Figur Erica bleibt ein Beispiel für die Diskrepanz zwischen der Absicht, einen sympathischen Nebencharakter zu schreiben, und der Unfähigkeit, die kulturellen Vorurteile der Entwickler in Bezug auf Trans-Identitäten zu reflektieren. Im Abspann von Full Body wird Erica in einer Zukunftsvision schwanger gezeigt, was in der japanischen Fantasie als „Happy End“ gilt, aber den biologischen Realitäten einer Trans-Frau widerspricht.