Early Access wird zum Glücksspiel
Immer mehr Publisher verlangen Aufpreis, um ein Spiel vor dem offiziellen Release zu zocken. Die Idee: treue Fans zahlen extra, erhalten frühen Zugriff und helfen beim Bug-Jagen. In der Theorie ein fairer Deal.
In der Praxis sieht das oft anders aus. Der Early Access entpuppt sich als unfertiger Rohbau, der auf halbem Wege stecken bleibt, oder nie fertig wird. Wer hier für das Privileg zahlt, Beta-Tester zu sein, fühlt sich schnell verarscht.
Nehmen wir Kerbal Space Program 2 (KSP2). Der Vorgänger Kerbal Space Program von Squad verkaufte sich über sechs Millionen Mal und gilt als Genre-Kult. Das Sequel von Intercept Games (Tochter von Private Division) startete im Februar 2023 im Early Access für 49,99 €. Versprochen wurden neue Himmelskörper, Kolonisation und Multiplayer. Geliefert wurden Abstürze, Einbrüche der Framerate und fehlende Basis-Features. Die Steam-Bewertung liegt bei 42 % positiv (Stand Mitte 2024). Publisher Private Division bot keine automatischen Rückerstattungen an, Spieler mussten sich auf Steams 2-Stunden-Grenze berufen. Die Entwickler wurden nach dem Launch entlassen, eine Vollversion ist ungewiss.
Ein extremes Beispiel ist The Day Before von Fntastic. Das Studio war zuvor nur mit dem Mobile-Spiel The Wild Eight aufgefallen. Das Zombie-MMO wurde mit Cinematic-Trailern beworben, die Deluxe-Edition kostete 60 € und gewährte 48 Stunden Early Access. Nach dem Launch im Dezember 2023 waren Server unspielbar, das Spiel war technisch eine Katastrophe. Valve zog den Titel nach wenigen Tagen aus dem Store und gewährte Rückerstattungen, aber erst nach massivem öffentlichem Druck. Fntastic stellte den Betrieb ein.
Wer früher zahlt, hat nicht immer früher Spaß
- Versprochene Features fehlen oder sind defekt.
- Server brechen zusammen, Multiplayer ist tagelang unspielbar.
- Release-Termine werden mehrfach verschoben oder stillschweigend aufgegeben.
Die aktuelle Debatte, angeheizt durch einen Bericht von Kotaku, bringt es auf den Punkt: Wer Geld für einen Vorgeschmack verlangt, muss liefern. Oder er schuldet den Käufern einen kompletten Rückerstattung, ohne Wenn und Aber.
Die Liste der enttäuschten Early-Access-Verkäufe ist lang. Battlefield 2042 von EA DICE bot eine Gold Edition für 89,99 € mit einer Woche frühem Zugriff. Der Launch war von fehlenden Scoreboards, Server-Crashes und leeren Karten geprägt. EA erstattete nur auf Anfrage und nach langen Tickets. DICE hatte zuvor die Battlefield-Reihe mit Titeln wie Battlefield 4 (Launch ebenfalls chaotisch, aber später gefixt) und Battlefield 1 (polierter) etabliert. Das Vertrauen der Spieler sank nach dem 2042-Desaster weiter.
Payday 3 von Starbreeze Studios startete im September 2023 mit einer Deluxe-Edition (79,99 €) für drei Tage Early Access. Die Server brachen sofort zusammen, das Spiel war tagelang unspielbar. Starbreeze bot nach einer Woche Ingame-Währung und kosmetische Gegenstände als Entschuldigung. Die Vorgänger Payday: The Heist und Payday 2 (über 40 Millionen verkauft) hatten ähnliche Serverprobleme zum Release, aber die Community verzieh damals wegen des günstigen Preises (20 €). 2023 lag der Einstiegspreis bei 39,99 €, und die Geduld war geringer.
Kein „Make-Good“? Kein Geschäft
Einige Anbieter versuchen es mit Ingame-Währung oder kosmetischen Items als Trostpflaster. Das ist kein fairer Ausgleich, sondern Augenwischerei. Der Käufer hat für ein funktionierendes Produkt bezahlt, nicht für einen Gutschein.
Branchenweit fehlt eine klare Regel: Wer Early Access hinter eine Paywall packt, muss bei gravierenden Fehlern automatisch erstatten. Nicht erst nach wochenlangem Support-Ticket-Marathon, sondern proaktiv.
Die großen Plattformen halten sich zurück. Steam gewährt Rückerstattungen nur innerhalb von 14 Tagen und unter 2 Stunden Spielzeit, für ein Early-Access-Spiel mit 40 Stunden Inhalt ist das nutzlos. Epic Games Store hat kein automatisches Rückgaberecht außerhalb von Beschwerden. Die EU-Verbraucherschutzrichtlinie besagt zwar, dass digitale Produkte „vertragsgemäß“ sein müssen, aber Early Access gilt offiziell als unfertig. Das schafft eine Grauzone. Bisher gibt es keine Präzedenzfälle, in denen Publisher zu vollständigen Rückzahlungen gezwungen wurden.
Ein besonders dreistes Beispiel: Star Citizen von Cloud Imperium Games. Seit 2012 sammelt das Studio über 600 Millionen Dollar von Fans, die Schiffe für mehrere hundert Euro kaufen. Der Early Access („Alpha“) ist seit über einem Jahrzehnt spielbar, aber das versprochene Release rückt nie näher. Rückerstattungen sind nahezu unmöglich. Trotz dieser Erfahrung zahlen Spieler weiter, weil ein kleiner Kern die Idee unterstützt und Verluste schon abgeschrieben hat.
Die Community hat genug
Die Geduld der Spieler ist endlich. Immer mehr Stimmen fordern: „It better work or you owe people refunds.“ Eine Forderung, die simpel klingt, aber eine grundlegende Marktlücke aufdeckt.
Solange kein verbindlicher Standard existiert, bleibt Early Access mit Aufpreis eine Wette. Und die Verlierer sind immer die Spieler.
Laut SteamDB starteten 2023 über 500 Spiele im Early Access, davon etwa 120 mit einer teureren Edition, die frühen Zugriff versprach. Der Durchschnittspreis solcher Editionen liegt bei 49,99 €, fast doppelt so hoch wie der Basis-Early-Access-Preis (24,99 €). Bei rund 30 % dieser Titel sank der Bewertungsscore innerhalb der ersten Woche unter 50 %, was auf gravierende Probleme hindeutet. Keiner dieser Publisher hat automatische Rückerstattungen angeboten. Stattdessen kamen kosmetische Drops oder Ingame-Währung, in 18 Fällen wurde überhaupt nicht reagiert. Die Plattformen schauen zu, während die Spieler das Risiko tragen.