Eine Achterbahnfahrt für die Branche
Die vergangenen zwei Wochen waren für die Gaming-Community und die beteiligten Firmen eine echte Belastungsprobe. Ein ehemaliger hochrangiger Sony-Manager bezeichnete die jüngsten Schritte von Xbox als ein grundlegendes Missverständnis der Industrie. Es handelt sich um Shawn Layden, der bis 2019 als Chef von Sony Interactive Entertainment Worldwide Studios fungierte und unter anderem die Entstehung von The Last of Us und God of War begleitete. Layden äußerte sich in einem Interview mit dem Portal VGC nach der Schließung mehrerer Bethesda-Studios.
Konkret traf es Tango Gameworks, gegründet 2010 von Resident-Erfinder Shinji Mikami, und Arkane Austin, das Studio hinter Prey und Dishonored. Beide wurden im Mai 2024 von Microsoft dichtgemacht, obwohl Tango mit Hi-Fi Rush (2023) einen Überraschungserfolg landete, der laut Microsoft selbst „viele Spieler begeisterte“. Layden bezeichnete diese Entscheidung als „kurzsichtig“ und „von oben herab getroffen“. Die Schließungen folgten auf die Übernahme von Activision Blizzard für 68,7 Milliarden US-Dollar, ein Schritt, der Microsofts Gaming-Sparte auf rund 25.000 Mitarbeiter anwachsen ließ, aber offenbar zu keiner stabilen Strategie führte.
Die Kritik an Microsoft
Die Einschätzung fällt hart aus und rückt die strategische Ausrichtung von Microsoft in den Fokus der öffentlichen Debatte. Der ehemalige Sony-Boss sieht in den aktuellen Manövern eine Abkehr von dem, was Videospielmarken eigentlich ausmacht.
- Mangelndes Verständnis für die Dynamik der Gaming-Branche.
- Fehlende Rücksichtnahme auf die gewachsenen Strukturen innerhalb der Teams.
- Kritische Distanz zu den jüngsten organisatorischen Veränderungen.
Layden bemängelt insbesondere den Kurs, exklusive Titel auf die Playstation-Konkurrenz zu bringen: Sea of Thieves, Grounded und Pentiment erschienen 2024 auf der PS5. Zuvor galt Xbox als Hüter von Halo, Forza und Gears of War, Marken, die nur auf eigenen Plattformen spielbar waren. „Wenn du deine Identität aufgibst, wofür stehen die Konsolen dann noch?“, fragte Layden. Er sieht Parallelen zu Sega nach dem Dreamcast-Aus, als die Marke auf Third-Party setzte und ihre Hardware einstellte.
Die Kritik trifft auch die Führungsebene: Phil Spencer, Leiter von Xbox, hatte noch im Februar 2024 erklärt, man habe „keine Pläne, Exklusivtitel auf anderen Plattformen zu veröffentlichen“. Drei Monate später bestätigte er den Schritt. Layden nennt das „chaotische Kommunikation“ und ein Zeichen für mangelnde langfristige Planung.
Sorge um die Entwicklerteams
Hinter den strategischen Entscheidungen in den Konzernzentralen stehen Menschen, die täglich an der Software arbeiten. Die Stimmung bei den betroffenen Entwicklerstudios ist aufgrund der turbulenten Ereignisse der letzten Zeit stark belastet.
- Das Mitgefühl gilt primär den Entwicklerteams, die die Konsequenzen tragen müssen.
- Die Arbeitsbedingungen sind durch die jüngsten Ereignisse in den Hintergrund geraten.
- Stabile Umgebungen für Kreativität scheinen derzeit bei Xbox schwer erreichbar zu sein.
Die Schließung von Tango Gameworks traf jene 100 Mitarbeiter, die kurz zuvor mit Hi-Fi Rush den „Best Audio Design“-Award bei den Game Awards 2023 gewonnen hatten. Das Studio hatte sich von Survival-Horror ( The Evil Within , 2014, 1,6 Millionen verkaufte Einheiten) auf stylishe Action-Musikspiele verlegt, ein Risiko, das sich auszahlte, aber nicht vor Sparmaßnahmen schützte. Auch Arkane Austin hatte mit Prey (2017, über 2 Millionen Verkäufe) einen Kulttitel, aber Microsoft forderte laut ehemaligen Mitarbeitern „höhere Umsätze schneller“, ein Druck, der in der Branche zum Problem wird. 343 Industries, zuständig für die Halo-Reihe, erlebte 2023 eine große Umstrukturierung, nachdem Halo Infinite (2021) hinter den Erwartungen blieb. Die Zahl der aktiven Spieler fiel laut SteamDB innerhalb von sechs Monaten um 70 Prozent.
Ein Blick zurück auf die Fakten
Die Kritik basiert auf einer öffentlichen Einschätzung, die das Chaos der letzten Wochen zusammenfasst. Es bleibt die Beobachtung, dass die internen Umstrukturierungen bei Xbox die Branche nachhaltig irritiert haben.
- Die vergangenen zwei Wochen werden als „echte Achterbahnfahrt“ wahrgenommen.
- Experten bemängeln die operativen Entscheidungen der Führungsebene.
- Die Unsicherheit bei den Mitarbeitern ist spürbar.
Seit der Activision-Blizzard-Übernahme strich Microsoft laut eigenen Angaben rund 1.900 Stellen in seiner Gaming-Sparte, davon allein 86 in der QA-Abteilung von Zenimax (Bethesda-Mutter). Zum Vergleich: Sony entließ im Februar 2024 900 Mitarbeiter bei PlayStation Studios, darunter das gesamte London Studio. Der Unterschied: Sony schloss bei der Restrukturierung kein soeben für Kritikerpreise nominiertes Studio wie Tango. Layden, der selbst für Sony Studios geschlossen hat (z.B. Evolution Studios 2016), argumentiert: „Man muss die richtigen Signale setzen. Wenn ein Studio ein belohntes Risiko eingeht, sollte man es nicht am nächsten Tag abwickeln.“ Die Game Developers Conference 2024 zeigte: Über 30 Prozent der befragten Entwickler geben an, in den letzten zwölf Monaten von Entlassungen betroffen gewesen zu sein. Microsofts Strategie, eine Mischung aus Übernahmen, Entlassungen und plattformübergreifenden Releases, sorgt aktuell für mehr Verunsicherung als Vertrauen.