Die Sichtweise des Gründers
Lars Wingefors, Gründer der Embracer Group, interpretiert die Umstrukturierung als notwendige Reaktion auf die geänderte Marktlage nach der Pandemie. Er distanziert sich von einem harten US-Management-Stil und betont, die Maßnahmen seien eine Chance zur Neuausrichtung für die betroffenen Teams.
Jedes Studio innerhalb der Embracer Group muss nach Wingefors’ Ansicht seinen wirtschaftlichen Beitrag belegen. Ziel dieser internen Überprüfung ist eine gesteigerte Effizienz innerhalb einer korrigierten wirtschaftlichen Umgebung.
Die Strategie folgt einer Abkehr von der bisherigen aggressiven Akquisepolitik, bei der Wingefors zwischen 2020 und 2022 fast monatlich Firmen aufkaufte. Diese Phase endete abrupt, als ein geplanter Investitionsdeal über 2 Milliarden US-Dollar mit der Savvy Games Group kurz vor Abschluss platzte.
Hintergründe der Umstrukturierung
Die Embracer Group sah sich nach dem Ende des Pandemie-Booms mit massiven Schuldenbergen konfrontiert. Das Unternehmen reagierte mit der Schließung von Standorten, der Entlassung von weltweit über 1.400 Mitarbeitern und der Einstellung zahlreicher Projekte.
- Der Konzern musste seine Betriebskosten senken, um die Zinslast der aufgenommenen Kredite zu bedienen.
- Die Integration von Firmen wie Crystal Dynamics oder Gearbox Entertainment verlief komplexer als prognostiziert.
- Wingefors räumt den Studios eine formale Eigenständigkeit bei der Ausgestaltung ihrer internen Korrekturen ein.
Der enorme Zukauf-Hunger der Jahre 2020 bis 2022 führte dazu, dass Embracer mehr als 130 Studios kontrollierte. Die Verwaltung dieser Masse erwies sich als finanzielles Risiko, als die Zinsen stiegen und die Nachfrage nach Videospielen auf das Vor-Pandemie-Niveau sank.
Kritik und Realität
Hinter den Aussagen des Gründers stehen harte Fakten, die viele Mitarbeiter und Spieler anders wahrnehmen. Die Absage zahlreicher Projekte und die Auflösung bekannter Studios prägten das Jahr 2023 massiv.
- Das Studio Free Radical Design wurde trotz der Hoffnung auf eine Neuausrichtung geschlossen, womit die Entwicklung von TimeSplitters erneut gestoppt wurde.
- Die Entwicklung von Deus Ex bei Eidos-Montréal wurde eingestellt, obwohl das Projekt bereits in der frühen Produktionsphase steckte.
- Zahlreiche AAA-Produktionen fielen dem Sparprogramm zum Opfer, darunter Projekte bei Volition (bekannt durch Saints Row), das ebenfalls geschlossen wurde.
Die Schließung von Volition im Jahr 2023 beendete eine 30-jährige Geschichte, die mit Klassikern wie Descent und FreeSpace begann. Auch Eidos-Montréal litt unter dem Sparkurs, nachdem das Studio zuvor durch das Deus Ex-Reboot (2011) und die Tomb Raider-Serie (2013) hohe Erwartungen geweckt hatte. Der Titel Deus Ex gilt als prägende Marke der Immersive-Sim-Gattung, deren Zukunft nun in der Schwebe liegt.
Ein Blick auf die Zukunft
Die Embracer Group setzt nun auf eine fokussiertere Auswahl an Marken. Es geht um die Rentabilität bestehender IPs und weniger um Expansion durch Zukäufe.
- Die Strategie sieht die Aufteilung des Konzerns in drei eigenständige Unternehmen vor, um den Börsenwert der einzelnen Segmente zu steigern.
- Marken wie The Lord of the Rings sollen durch gezielte Lizenzen und neue Spieleprojekte stärker monetarisiert werden.
- Die Optimierung der bestehenden Strukturen dominiert den Arbeitsalltag der verbliebenen Management-Ebenen.
Die kommenden Quartalszahlen werden zeigen, ob diese interne Auslese die geplanten Ergebnisse liefert. Im vergangenen Geschäftsjahr verzeichnete Embracer signifikante Abschreibungen auf nicht veröffentlichte Projekte. Der Prozess der Aufspaltung in die drei Einheiten Asmodee, Coffee Stain & Friends sowie Middle-earth Enterprises & Friends soll bis 2025 abgeschlossen sein.