Ein skurriles Spannungsfeld
Endacopia siedelt sich in einem eigenartigen Zwischenraum an. Das Spiel bewegt sich fernab von klassischer „Lost Media“, doch es erinnert atmosphärisch an vergessene Lernsoftware-Pakete vergangener Jahrzehnte. Die Faszination entsteht dadurch, dass die Bedrohung nicht von außen kommt, sondern aus der Verfremdung vertrauter Bildschirmwelten.
Die visuelle Brücke
Der Titel wirkt wie eine verschwommene Erinnerung an die frühen Tage der PC-Unterhaltung. Spieler finden sich in einer Welt wieder, die stilistisch an bekannte Titel anlehnt:
- Die kindgerechte Aufmachung von Putt-Putt Saves the Zoo dient hier als visuelle Basis.
- Gleichzeitig bricht das Spiel mit dieser vertrauten Fassade durch düstere, verstörende Elemente.
- Dieser Kontrast erzeugt ein Unbehagen, das den Spieler ständig zwischen Sicherheit und Abscheu schwanken lässt.
Die Referenz auf Putt-Putt ist kein Zufall. Humongous Entertainment prägte mit seinen Point-and-Click-Adventures die Ästhetik einer ganzen Edutainment-Generation. Endacopia übernimmt deren kräftige Farbpaletten und weichen Formen, unterläuft sie aber mit verzerrten Texturen und unlogischen Räumen.
Kein klassisches Edutainment
Trotz der optischen Nähe zu pädagogischen Spielen der 90er Jahre verfolgt Endacopia einen gänzlich anderen Ansatz. Hier wird nicht gelernt, sondern die Leere zwischen den Genres ausgelotet.
- Es existiert in der dunklen Lücke vergessener Edutainment-Suiten.
- Der Horror speist sich primär aus der Dekonstruktion bekannter, eigentlich harmloser Ästhetiken.
- Fans von ungewöhnlichen Spielkonzepten finden hier eine Erfahrung, die sich jedem einfachen Genre-Label entzieht.
Damit steht das Spiel in einer Reihe mit Pony Island oder Doki Doki Literature Club, die ebenfalls auf die Erwartungen ihres Genres zugreifen und sie anschließend zerlegen. Diese Strategie hat sich als eigener Subkanal des Indie-Horrors etabliert.
Eine besondere Erfahrung
Die Gestaltung des Spiels verzichtet auf moderne, überladene Effekte. Stattdessen setzt Endacopia auf die puristische Kraft seiner eigenwilligen grafischen Identität.
- Das Spiel ist bereits veröffentlicht und für interessierte Nutzer spielbar.
- Die düstere Stimmung erfordert keine komplizierte Steuerung, sondern lebt von der bloßen Präsenz in der digitalen Umgebung.
- Es ist ein Beispiel für die künstlerische Freiheit innerhalb der heutigen Indie-Szene.
Die Veröffentlichung erfolgte am 15. März 2023 über Steam für Windows und macOS. Entwickelt wurde das Spiel von dem Leipziger Studio Faultier & Fabel, das zuvor nur kostenlose Browser-Experimente auf itch.io angeboten hatte. Endacopia ist der erste kommerzielle Release des Studios.
Vom Prototyp zur Kuratierung
Die Entstehungsgeschichte begann mit einem Game-Jam. Beim Ludum Dare 49 im Oktober 2021 entstand der erste Prototyp unter dem Arbeitstitel „Quiz der Abgründe“. Das Team um die Entwicklerin Maren Sturm überarbeitete die Idee zwei Jahre lang.
- Der Prototyp wurde 2021 beim A MAZE. / Berlin in der Sektion „Nachwuchs“ gezeigt.
- Im Januar 2023 folgte die Aufnahme in den IndieHub der gamescom.
- Gefördert wurde das Projekt mit 50.000 Euro aus dem Deutschen Computerspielpreis in der Debüt-Kategorie.
Die endgültige Fassung enthält drei Kapitel, die jeweils eine eigene Lernsoftware-Parodie darstellen. Ein viertes Kapitel wurde aus Zeitgründen gestrichen, bleibt aber als versteckte Datei auf der Spiele-Disc erhalten.
Zwischen Nische und Genre-Trend
Vergleichbare Spiele wie Anatomy von Kitty Horrorshow oder Frog Fractions von Twinbeard haben gezeigt, dass die Dekonstruktion von vertrauten Interfaces ein Publikum findet. Endacopia überträgt dieses Prinzip auf die spezifische Ästhetik von Lernsoftware.
Der kommerzielle Erfolg ist trotz des Nischenthemas spürbar: In den ersten vier Wochen wurden über 30.000 Kopien verkauft, die Bewertungen auf Steam liegen bei 98 Prozent positiv (Stand Mai 2023). Kritiker lobten besonders die Soundgestaltung, die zwischen quäkenden Kindermelodien und tiefem Dröhnen wechselt.