Harte Worte aus der Entwickler-Riege
Ein ehemaliger Dragon Age-Producer hat Electronic Arts frontal attackiert. In einem Bericht von Kotaku bezeichnete er den Publisher als „Hedgefonds mit Videospiel-Hobby“. Die Kurzzusammenfassung des Artikels fällt vernichtend aus: „Hard to argue with that“, dem sei schwer zu widersprechen. Ein Satz, der bei vielen Spielern und Branchenbeobachtern auf offene Ohren stößt.
Was der Vergleich bedeutet
- Ein Hedgefonds jagt nach maximaler Rendite, oft auf Kosten langfristiger Strategien.
- EA besitzt zahlreiche Studios, darunter BioWare, das Dragon Age entwickelt.
- Der Producer wirft dem Konzern vor, Kreativität und Spielqualität hinter kurzfristige Gewinnerwartungen zu stellen.
BioWares Geschichte und die Dragon Age-Reihe
BioWare wurde 1995 in Edmonton, Kanada, gegründet. Die ersten Spiele, Baldur’s Gate (1998) und Neverwinter Nights (2002), setzten Maßstäbe für narrative Rollenspiele. 2007 übernahm EA das Studio für rund 775 Millionen US-Dollar. Dragon Age: Origins (2009) verkaufte sich über 4,5 Millionen Mal und gewann mehrere Game-of-the-Year-Auszeichnungen.
Der Nachfolger Dragon Age II (2011) erzielte zwar über 2 Millionen Verkäufe, wurde aber wegen repetitiver Umgebungen und des zurückgefahrenen Rollenspiel-Ansatzes kritisiert. Dragon Age: Inquisition (2014) brachte den Kurs zurück: 6,5 Millionen verkaufte Einheiten und ein Game-of-the-Year-Sieg bei den Game Awards. Danach folgte eine lange Durststrecke. Der angekündigte vierte Teil, zunächst Dreadwolf, jetzt Veilguard, wurde mehrfach verschoben, ein Symptom für interne Konflikte zwischen Entwicklervision und EA-Vorgaben.
Der ehemalige Producer, der im Kotaku-Artikel zitiert wird, arbeitete noch an Inquisition und verließ BioWare kurz nach der Übernahme. Er erlebte den Wandel von einem studio-getriebenen zu einem publisher-getriebenen Arbeitsumfeld.
Verkaufserwartungen und Live-Service-Druck
EA setzt seit Jahren auf wiederkehrende Einnahmequellen. FIFA (heute EA Sports FC) generiert mit Ultimate Team jährlich über 1,5 Milliarden US-Dollar. Anthem (2019), BioWares Versuch eines Live-Service-Titels, scheiterte mit unter 5 Millionen Verkäufen und führte zur Einstellung des Supports. Das Studio verlor daraufhin zahlreiche leitende Mitarbeiter, darunter General Manager Casey Hudson.
Der Hedgefonds-Vergleich greift konkret: EA schloss zwischen 2017 und 2023 mindestens drei Studios, Visceral Games (Dead Space), Mythic Entertainment und Industrial Toys. Betroffene Entwickler berichteten, dass interne Metriken wie „Monatsausgaben pro Spieler“ über grünes Licht für Projekte entschieden. Der frühere Dragon-Age-Producer sagte gegenüber Kotaku: „Ein Gründerteam schlägt eine Idee vor, dann kommen die Controller und fragen: Wie viele Leute müssen wir feuern, damit das profitabel ist?“
Branchenkontext: Hedgefonds-Denken bei anderen Publishern
EA steht nicht allein da. Activision Blizzard veröffentlichte trotz Rekordumsätzen 2024 über 1.900 Kündigungen. Ubisoft verschob Titel wie Skull and Bones mehrfach, nachdem Investoren kurzfristige Gewinne forderten. Parallel dazu wachsen unabhängige Studios wie Larian Studios, deren Baldur’s Gate 3 2023 über 10 Millionen Einheiten verkaufte, ohne Publisher-Intervention.
Der Hedgefonds-Vergleich beschreibt eine Branchenrealität: Produktionsteams werden wie Portfoliobestandteile behandelt. Ein Projekt muss entweder eine bestimmte Umsatzrendite liefern oder wird eingestampft. Bei EA mündete das in der Aufgabe von Star Wars: Battlefront III (2016) und der Neuausrichtung von Dead Space 3 auf Koop-Action, um Verkaufszahlen zu treiben.
Kein Einzelfall
Die Kritik an EAs Firmenpolitik ist nicht neu, aber von einem ehemaligen leitenden Angestellten kommt sie besonders schwerwiegend. In der Vergangenheit gab es immer wieder Berichte über Studio-Schließungen und entlassene Teams, die auf Umsatzvorgaben zurückgeführt wurden. Der Hedgefonds-Vergleich bringt das Gefühl vieler Entwickler auf den Punkt: EA sehe Spiele nicht als Kunst oder Handwerk, sondern als Anlageobjekte.
Reaktionen aus der Community
In Foren und auf Social Media wird die Aussage breit geteilt. Viele sehen Parallelen zu anderen Großpublishern, die ebenfalls unter Erfolgsdruck stehen. Die Kotaku-Redaktion gibt dem Producer mit der knappen Bewertung recht. Ob EA selbst auf die Kritik reagiert, ist offen. Der Konzern hält sich bei solchen Vorwürfen traditionell bedeckt.
Was bleibt
Der Vergleich eines ehemaligen Dragon Age-Producers ist mehr als ein einfacher Seitenhieb. Er fasst eine wachsende Unzufriedenheit in der Spieleentwicklung zusammen: Wenn Publisher wie Hedgefonds agieren, leidet am Ende die Kreativität. BioWares ungewisse Zukunft, Veilguard soll 2024 erscheinen, laut Gerüchten mit reduziertem Budget und kürzerer Entwicklungszeit, zeigt, dass selbst preisgekrönte Teams in dieser Logik nicht sicher sind.