Die frohe Botschaft
Während viele große Studios weltweit Stellen streichen, schlägt Nintendo einen anderen Weg ein. Das japanische Unternehmen erhöht das Grundgehalt aller Angestellten um zehn Prozent.
- Die Maßnahme gilt für festangestellte Mitarbeiter in Japan.
- Sie tritt rückwirkend zum April dieses Jahres in Kraft.
Nintendo beschäftigt in Japan etwa 7.000 Festangestellte, konzentriert in Kyoto, Tokio und Osaka. Die letzte vergleichbare Gehaltsanpassung liegt über ein Jahrzehnt zurück, das Unternehmen hob 2023 die Einstiegsgehälter für neue Absolventen um rund 30 Prozent auf 300.000 Yen monatlich an. Die aktuelle Erhöhung kostet Nintendo geschätzt 10 bis 15 Milliarden Yen pro Jahr (rund 65 bis 100 Millionen Euro), bei einem Nettogewinn von 533 Milliarden Yen im Geschäftsjahr 2022/23 eine kalkulierbare Ausgabe.
Was steckt dahinter?
Nintendo reagiert damit auf die steigenden Lebenshaltungskosten und den Fachkräftemangel in der japanischen Spieleindustrie. Die Erhöhung soll Talente binden und die Wettbewerbsfähigkeit als Arbeitgeber sichern.
- In den letzten Jahren haben viele japanische Entwickler höhere Löhne gefordert.
- Nintendo selbst hatte bereits 2023 die Einstiegsgehälter angehoben.
Japan verzeichnete 2023 eine Inflation von knapp 3 Prozent, die höchste seit Jahrzehnten. Gleichzeitig klagen Studios über einen Mangel an erfahrenen Programmierern und Designern, viele wechseln zu westlichen Firmen wie Epic Games oder Unity, die höhere Gehälter und Remote-Arbeit bieten. Nintendo, traditionell konservativ in der Vergütung, geriet zuletzt unter Druck: Branchenverbände wie die CGWJ (Computer Graphics and Gaming Workers Japan) hatten öffentlich bessere Arbeitsbedingungen gefordert. Die zehnprozentige Erhöhung liegt deutlich über dem japanischen Durchschnitt von 2 bis 3 Prozent in diesem Jahr.
Keine Entlassungen, sondern Investition
Das Signal ist deutlich: Nintendo setzt auf langfristige Mitarbeiterzufriedenheit anstatt auf kurzfristige Kostensenkungen. Während Konkurrenten wie Microsoft oder Sony Stellen abbauen, investiert Kyoto in sein Team.
- Die Ankündigung kommt nur wenige Wochen nach der Veröffentlichung von The Legend of Zelda: Tears of the Kingdom, einem der erfolgreichsten Spiele des Jahres.
- Beobachter sehen die Gehaltserhöhung als Teil einer Strategie, die kreative Köpfe im Haus zu halten.
Microsoft entließ Anfang 2023 rund 10.000 Mitarbeiter, Sony strich 900 Stellen in seinen PlayStation-Studios, darunter auch das Londoner Team. Nintendo dagegen gab im selben Zeitraum keine größeren Entlassungen bekannt. Das Unternehmen finanzierte die Gehaltserhöhung aus dem Rekordgeschäft von Tears of the Kingdom (über 20 Millionen verkaufte Einheiten bis September 2023) und dem starken Hardware-Absatz der Switch (über 130 Millionen Einheiten). Die Gewinnmarge von rund 30 Prozent erlaubt solche Investitionen ohne Einschnitte bei Entwicklung oder Marketing.
Auswirkungen auf die Spieleentwicklung
Höhere Gehälter bedeuten nicht sofort bessere Spiele. Doch sie schaffen ein stabileres Arbeitsumfeld. Nintendo kann sich so langfristig auf erfahrene Entwickler verlassen und teure Einarbeitungszeiten vermeiden.
- Die Maßnahme betrifft vor allem die Zentrale in Kyoto und die Niederlassungen in Tokio und Osaka.
- Teilzeit- und Zeitarbeitskräfte sind zunächst nicht eingeschlossen.
Nintendo-Einheiten wie die EPD (Entertainment Planning & Development) arbeiten oft jahrelang an Titeln: Super Mario Odyssey (2017) benötigte über 500 Entwickler, Breath of the Wild (2017) sogar mehr als 300. Fluktuation in diesen Teams kann Verzögerungen bedeuten. Die Gehaltserhöhung soll das Abwandern von Schlüsselpersonal verhindern, etwa von Leveldesignern oder Engine-Spezialisten, die bei Konkurrenten wie Square Enix oder Bandai Namco umworben werden. Ein Beispiel: Der Hauptprogrammierer der Zelda-Engine, Takuhiro Dohta, arbeitet seit über 15 Jahren bei Nintendo. Solche Kontinuität wird durch die neue Vergütung gestützt.
Ein starkes Signal für die Branche
Mit der Erhöhung um zehn Prozent setzt Nintendo einen neuen Standard für japanische Spielefirmen. Andere Publisher wie Capcom oder Square Enix dürften nun unter Zugzwang geraten. Die Botschaft ist klar: Wer gute Games will, muss auch gute Arbeitsbedingungen bieten.
Capcom hatte bereits 2022 die Grundgehälter um 30 Prozent angehoben, jedoch mit einer Umstellung auf leistungsabhängige Boni. Square Enix folgte im Dezember 2023 mit einer Erhöhung um durchschnittlich sieben Prozent. Bandai Namco kündigte für 2024 eine Anpassung um fünf Prozent an. Nintendos Schritt liegt also im oberen Bereich, aber nicht allein. Der entscheidende Unterschied: Nintendo verzichtet auf gleichzeitige Stellenstreichungen, während Square Enix im November 2023 ein freiwilliges Abfindungsprogramm für 200 Mitarbeiter startete. Die Gehaltserhöhung ist Teil einer umfassenderen HR-Strategie, die auch flexible Arbeitszeiten und Homeoffice-Optionen umfasst. Ob das langfristig die Abwanderung japanischer Talente ins Ausland bremst, wird sich zeigen, erste Umfragen unter Entwicklern deuten auf eine positive Resonanz hin.