Rekordbewertung, aber zu welchem Preis?
Nvidia hat es geschafft: Der Chip-Riese ist das wertvollste Unternehmen der Welt. Am 18. Juni 2024 überschritt die Marktkapitalisierung die Marke von 3,3 Billionen US-Dollar und überholte damit Apple und Microsoft. Möglich gemacht hat das der unstillbare Hunger der Industrie nach KI-Beschleunigern.
Doch während die Rechenzentren mit H100 und B200 vollgestopft werden, schaut Team Green beim klassischen Gaming-Geschäft nur noch mit einem Auge hin. Das ist ein Problem.
Nvidia wurde 1993 von Jensen Huang, Chris Malachowsky und Curtis Priem gegründet. Die erste GeForce 256 (1999) definierte den Begriff „Grafikprozessor“. Bis zur GeForce 8800 GTX (2006) setzte das Unternehmen Maßstäbe in Sachen Shader-Architektur. Heute beschäftigt Nvidia über 26.000 Mitarbeiter, der Gaming-Umsatz lag 2024 bei rund 8,6 Milliarden Dollar, das Data-Center-Geschäft brachte im selben Zeitraum über 30 Milliarden Dollar. Die KI-Sparte ist damit mehr als dreimal so groß wie das Kerngeschäft.
Der Grafikkartenmarkt wird zum Stiefkind
- Neue High-End-Karten wie die RTX 5090 lassen sich kaum noch ergattern. Gerüchte sprechen von einer Blackwell-Architektur mit bis zu 192 GB GDDR7-Speicher und einem Preis nahe 2.500 Euro.
- Preissteigerungen treiben selbst treue Fans in die Arme von AMD oder Intel. Die RTX 4090 startete 2022 bei 1.949 Euro, die RTX 3090 lag 2020 bei 1.549 Euro, ein Anstieg von über 25 Prozent in zwei Generationen.
- Innovationen im Consumer-Bereich wirken wie lieblose Abfallprodukte aus der KI-Produktion. Die RTX 4060 Ti brachte nur 8 GB VRAM bei 400 Euro, während die Vorgänger RTX 3060 Ti mit 8 GB für 330 Euro startete.
Die Zeiten, in denen eine neue GeForce-Generation das absolute Highlight des Jahres war, scheinen vorbei. Nvidia verdient mit einem KI-Chip mehr als mit hundert Gaming-GPUs. Ein einzelner B200-Chip kostet Kunden rund 50.000 Dollar, eine RTX 4060 bringt etwa 300 Dollar. Der Gewinn pro verkauftem KI-Beschleuniger übersteigt den einer Gaming-GPU um Faktor 150.
Konkurrent AMD setzt bei der Radeon RX 7000-Serie auf eine reine Gaming-Architektur ohne KI-Beschleuniger für Rechenzentren und kann so die Fertigung besser auslasten. Intels Arc A-Serie kämpft mit Treiberproblemen, bietet aber für 200 Euro solide 1080p-Leistung. Nvidia hält dennoch rund 80 Prozent des dedizierten Grafikkartenmarkts, Tendenz fallend.
Was bedeutet das für uns Spieler?
Die Folgen sind konkret spürbar: Wer heute eine neue Grafikkarte sucht, zahlt deutlich mehr für kaum bessere Leistung im Vergleich zur Vorgängergeneration. Lieferengpässe werden zur Regel. Die RTX 4080 Super (2024) liefert in Spielen ohne Raytracing nur 15 Prozent mehr FPS als die RTX 3080 von 2020, kostet aber 200 Euro mehr.
- Spieleentwickler müssen ihre Engine an schwächere Hardware anpassen. Unreal Engine 5 setzt auf Lumen und Nanite, was selbst eine RTX 4070 Ti bei 1440p oft auf 40 FPS drückt.
- Raytracing und DLSS werden zum Verkaufsargument, nicht zur Selbstverständlichkeit. DLSS 3.5 mit Frame Generation erfordert RTX 4000-Karten, die nur 30 Prozent der Steam-Nutzer besitzen.
- Die Konkurrenz kann nicht mehr durch Nvidias Preisdruck in Schach gehalten werden. AMD hält die RX 7900 XTX seit 2022 auf dem gleichen Preisniveau von 1.099 Euro, obwohl Nvidia die RTX 4080 Super auf 1.099 Euro gesenkt hat.
Der KI-Boom ist nett für Aktionäre. Für uns Zocker könnte er das Hobby teurer machen. Ein Blick auf die Steam-Hardware-Umfrage vom Mai 2024 zeigt: Die RTX 3060 liegt mit 5,8 Prozent auf Platz 1, eine Karte von 2021. Die teureren RTX 4000-Modelle kommen zusammen nicht einmal auf 20 Prozent. Viele Spieler bleiben bei älterer Hardware oder wechseln zu Konsolen, wo die PS5 2024 immer noch unter 500 Euro kostet.
Team Green sollte den Ball nicht verlieren
Nvidia hat die Gaming-Community groß gemacht. Von GeForce 256 bis zur RTX 3090, immer waren die grünen Karten die erste Wahl für Enthusiasten. Die GeForce 8800 GTX von 2006 dominierte mit ihrer Unified-Shader-Architektur die Konkurrenz so deutlich, dass AMD erst mit der Radeon HD 4870 (2008) aufholen konnte. Die GTX 1080 Ti (2017) galt als eine der besten High-End-Karten aller Zeiten, sie kostete 799 Euro und hielt vier Jahre.
Jetzt, wo das Geld in der Cloud liegt, darf der Heimatmarkt nicht verwahrlosen. Sonst wird aus dem wertvollsten Unternehmen der Welt ein Unternehmen, das seine treueste Kundschaft vergessen hat. 2023 lieferte Nvidia rund 30 Millionen Gaming-GPUs aus, 2018 waren es noch 50 Millionen. Der Rückgang um 40 Prozent in fünf Jahren zeigt, dass selbst treue Kunden auf günstigere Alternativen oder Gebrauchtware setzen.
Die nächste Generation muss zeigen, ob Team Green noch weiß, wo seine Wurzeln liegen. Blackwell-GPUs für Consumer sollen angeblich ab Oktober 2024 erscheinen. Wenn die RTX 5080 tatsächlich über 1.500 Euro kostet und kaum schneller ist als eine RTX 4080, dann wird der Abgesang auf das Gaming-Herz von Nvidia lauter.