Ein Schatz im Verborgenen
Die Internationale Computerspielesammlung (ICS) existiert seit 2017, und ist dennoch kaum im öffentlichen Bewusstsein angekommen. Dabei ist sie das weltweit größte physische Archiv für digitale Spiele. Mehr als 60.000 Titel aus den Beständen des Computerspielemuseums Berlin, der USK und der Universität Leipzig werden dort gebündelt. Ziel: Forschung und Nachwelt sichern.
Die Akteure und ihre Geschichte
Die ICS entstand aus der Zusammenarbeit dreier Partner mit unterschiedlicher Historie. Das Computerspielemuseum Berlin öffnete 1997 als erstes Spezialmuseum für Videospielkultur weltweit. Die Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle (USK) sammelt seit ihrer Gründung 1994 alle geprüften Spiele als Pflichtexemplar, ein Fundus von über 25.000 Titeln. Die Universität Leipzig brachte ihre forschungsorientierte Spiele-Sammlung ein, die aus universitären Projekten zur Game Studies hervorging.
Bereits vor der ICS gab es lose Kooperationen, etwa bei Ausstellungen. Der Zusammenschluss 2017 sollte die Fragmentierung beenden und eine zentrale Anlaufstelle für Wissenschaftler schaffen. Fehlte jedoch: eine feste Anschubfinanzierung jenseits von Projektmitteln.
Was die ICS wirklich leistet
- Bewahrung von Originalmedien, von Diskette bis Blu-ray
- Systematische Katalogisierung für Wissenschaftler
- Schutz vor dem digitalen Verfall physischer Datenträger
Ohne die ICS würden viele Spiele für immer verschwinden. Patches, Updates und DRM machen das ohnehin schon schwer genug. Allein die Migrationsrate von alten Disketten auf moderne Träger liegt bei geschätzt 10 Prozent pro Dekade, wenn nicht aktiv gesichert wird.
Konkrete Bestandsbeispiele
Die Sammlung enthält Raritäten wie die originale Pong-Konsole von 1972, eine Erstpressung von Ultima IV (1985) auf fünf Disketten sowie unveröffentlichte Prototypen deutscher Studios, etwa ein frühes Anno 1602-Beta aus dem Jahr 1998. Die USK-Belege umfassen zudem jede zensierte Version, etwa von Counter-Strike: Source oder Call of Duty: Modern Warfare 2. Diese Dokumentation erlaubt Rückschlüsse auf damalige gesellschaftliche Diskurse.
Die Universität Leipzig steuert ca. 15.000 Spiele aus ihrer Forschungsdatenbank bei, darunter viele Independent-Titel und Textadventures der 1980er. Ein Großteil der Datenträger ist bereits physisch zerfallen. Die ICS priorisiert daher die Digitalisierung: aktuell etwa 8.000 Objekte pro Jahr.
Warum das ein Armutszeugnis ist
Die Politik fördert Museen für Gemälde oder Bücher mit Millionenbeträgen. Die ICS aber, ein Archiv der interaktiven Kultur, bleibt eine Randnotiz. 2022 bewilligte die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) 150.000 Euro für die Digitalisierung, das entspricht dem Etat einer kleinen Kinoreihe. Dabei ist Computerspielgeschichte Kulturgeschichte, von Pong bis Elden Ring. Wer sie nicht bewahrt, verliert mehr als nur alte Pixel.
Vergleich mit anderen Archiven
Die Library of Congress in Washington unterhält rund 3.000 Spiele in ihrer Sammlung. Das Strong National Museum of Play in Rochester besitzt etwa 60.000 Spiele, konzentriert sich jedoch auf amerikanische Veröffentlichungen und erhält jährlich 2,5 Millionen Dollar öffentliche Mittel. Die ICS dagegen verfügt über kein dauerhaftes Budget. Ein Antrag von 2021 auf Aufnahme in die Blaue Liste der forschungsrelevanten Museen wurde abgelehnt. Die Begründung: Computerspiele seien kein „relevantes Kulturgut“ im Sinne der Bund-Länder-Finanzierung.
Ein Fakt zum Schluss
Die ICS wartet seit ihrer Gründung auf eine dauerhafte, staatlich gesicherte Finanzierung. Bis dahin retten Freiwillige und ein paar Institutionen, was die Politik liegen lässt. Derzeit lagern über 1.000 Disketten mit Korrosionsspuren im digitalen Kühlraum, ohne Digitalisierungszuschuss für dieses Jahr werden sie in spätestens zwei Jahren unbeschreibbar sein.