Ein Skandal in der Boxengasse
Le Mans Ultimate, der offizielle Sim-Racer zur FIA World Endurance Championship, sorgt für dicke Luft in der Community. Ein vorgeschlagenes Joker-System soll es Spielern erlauben, ihren Rang zu verändern, allerdings nur gegen Bezahlung.
Die Meldung stammt von Polygon.com und hat unter Sim-Racing-Fans für massive Gegenwehr gesorgt. Viele sehen darin einen gefährlichen Präzedenzfall für Bezahlfunktionen im kompetitiven Bereich.
Die Historie hinter dem Studio
Studio 397 wurde 2012 von ehemaligen Mitarbeitern der Image Space Incorporated gegründet, die für die rFactor-Serie bekannt sind. Ihr erster eigenständiger Titel war rFactor 2, das 2013 als Early Access auf den Markt kam und über Jahre als Plattform für Modder und Ligabetrieb diente.
2019 übernahm der Publisher Motorsport Games das Studio für eine nicht genannte Summe. Motorsport Games ist auch für die NASCAR- und BTCC-Spiele verantwortlich. Seit der Übernahme steckt das Unternehmen in finanziellen Schwierigkeiten: 2022 sank der Umsatz um 60 Prozent, die Aktie notierte zeitweise unter einem Dollar.
- rFactor 2 blieb die technische Basis für Le Mans Ultimate. Die Engine ermöglicht dynamische Wetterwechsel, Tag-Nacht-Zyklen und eine physikalische Reifenmodellierung.
- Der Wechsel von einem modularen PC-Titel zu einem lizenzierten Konsolen-Kandidaten verlief holprig. Le Mans Ultimate startete im Februar 2023 als Steam-Early-Access mit wenigen Fahrzeugen und Strecken.
Die Community sah die Veröffentlichung ohnehin skeptisch: Viele erwarteten eine Weiterentwicklung von rFactor 2, bekamen stattdessen ein abgespecktes Produkt mit starker Monetarisierung, darunter ein Season-Pass für 14,99 Euro pro Quartal.
Das Joker-System im Detail
- Das Feature erlaubt eine einmalige oder zeitlich begrenzte Änderung des Spielerrangs.
- Der Zugriff soll nur über eine Paywall möglich sein, konkrete Preise wurden bislang nicht genannt.
- Entwickler Studio 397 (Teil von Motorsport Games) hat das Konzept intern vorgestellt, aber noch nicht offiziell veröffentlicht.
Die Idee: Spieler, die in einer Wertung hängen oder einen schlechten Lauf haben, könnten mit einem Joker einen Rang aufsteigen oder einen Verlust vermeiden. Für Puristen ein absolutes No-Go.
Die Wut der Spieler
- In Foren und auf Social Media wird der Plan als „Pay-to-Win“ und „Verrat am Sim-Racing-Gedanken“ bezeichnet.
- Viele langjährige Nutzer drohen mit Boykott oder der Rückkehr zu Konkurrenz-Titeln wie iRacing oder Assetto Corsa Competizione.
- Einigkeit herrscht darüber, dass ein Rangsystem auf Leistung und Können basieren muss, nicht auf dem Geldbeutel.
Der Aufschrei zeigt, wie empfindlich die Nische auf Eingriffe in die Fairness reagiert. Selbst ein optionaler Joker könnte das Vertrauen in die Server-Ranglisten nachhaltig beschädigen.
Monetarisierung auf dem Prüfstand
Le Mans Ultimate ist kein Free-to-Play-Titel, das Spiel kostet regulär Geld (34,99 Euro im Early Access), zusätzlich gibt es Season-Pässe und DLCs. Ein bezahlter Rang-Joker wäre ein weiterer Schritt in eine aggressive Monetarisierung.
Studio 397 hat sich bisher nicht zu den Vorwürfen geäußert. Ob das Feature in der geplanten Form erscheint oder ob der Druck der Community eine Kehrtwende erzwingt, bleibt abzuwarten. Die Diskussion zeigt jedenfalls, dass selbst etablierte Sim-Racing-Marken bei diesem Thema auf dünnem Eis fahren.
Vergleich mit der Konkurrenz
Kein anderer großer Sim-Racer erlaubt es, den Rang mit Geld zu ändern. iRacing verlangt monatliche Abo-Gebühren und kauft Strecken sowie Autos einzeln, aber das Lizenzsystem basiert ausschließlich auf Safety-Rating und iRating. Assetto Corsa Competizione setzt auf reine Leistungsbewertung ohne Bezahloptionen. Gran Turismo 7 verkauft Ingame-Credits für Autos, nicht für den Fahrer-Rang.
- rFactor 2 selbst bietet keine offiziellen Ranglisten mit Bezahl-Jokern. Die Mod-Community hätte solche Funktionen vermutlich abgelehnt.
- Ein ähnlicher Vorstoß in der Vergangenheit: Project CARS versuchte 2015 mit „Ranked“-Käufen zu experimentieren, brach das Projekt nach Community-Protesten ab.
Der Joker wäre ein Novum im ernsthaften Sim-Racing. Selbst in Free-to-Play-Titeln wie RaceRoom Racing Experience gibt es keine Rang-Boosts, nur kosmetische Items. Das Modell erinnert eher an Casual-Racer wie Forza Motorsport, wo man Credits kaufen kann, aber auch dort nicht den Rang.
Frühere Le Mans- und WEC-Spiele
Die offizielle Lizenz für die FIA WEC wechselte in der Vergangenheit häufig den Besitzer. 2012 erschien FIA World Endurance Championship für PS3 und Xbox 360, entwickelt von einem kleinen Studio. Es verkaufte sich schlecht und verschwand schnell. 2015 brachte Slightly Mad Studios eine WEC-Erweiterung für Project CARS heraus.
- Le Mans Ultimate ist das erste eigenständige WEC-Spiel seit einem Jahrzehnt. Es sollte die Lücke zwischen iRacing (zu teuer) und ACC (nur GT3) füllen, zumindest auf dem Papier.
- Der Titel nutzt alle offiziellen Strecken der Saison 2023, darunter Le Mans, Spa und Fuji. Die Fahrzeugliste umfasst Hypercars wie den Toyota GR010 und den Ferrari 499P.
Die Spielerbasis ist überschaubar: SteamDB zeigt durchschnittlich 400 bis 600 gleichzeitige Nutzer in den letzten drei Monaten. Zum Vergleich: iRacing meldet über 10.000 gleichzeitige Fahrer, ACC liegt bei rund 3.000. Die Joker-Debatte trifft ein ohnehin fragiles Ökosystem, Studio 397 kann sich keine weitere Entfremdung der Kernnutzer leisten.