Microsoft sagt, die Fehleranfälligkeit seiner Quantenchips deutlich gesenkt zu haben. Der neue Chip Majorana 2 wurde am 2. Juni 2026 auf der Entwicklerkonferenz Build in San Francisco vorgestellt. Die Eckdaten kommen von Microsoft selbst, unabhängig bestätigt sind sie nach unserer Recherche bisher nicht.
Was Microsoft behauptet
Majorana 2 ist der Nachfolger von Majorana 1 und setzt wie dieser auf sogenannte topologische Quantenbits. Dabei wird Information so gespeichert, dass sie gegen Störungen von außen besser geschützt sein soll. Gemessen wird die Qualität unter anderem über die Paritätslebensdauer, also die Zeit, über die der Quantenzustand im Draht stabil bleibt.
- Die Lebensdauer liegt laut Microsoft im Mittel bei etwa 20 Sekunden, einzelne Fälle sollen an eine Minute heranreichen. Beim Vorgänger lag sie im Bereich von einer bis zwölf Millisekunden.
- Microsoft-Physiker Chetan Nayak sprach bei einer Pressekonferenz am 29. Mai von mehr als tausendfacher Verbesserung bei dieser Messgröße.
- Der Chip nutzt Blei statt Aluminium als Supraleiter. Die Energielücke von Blei ist mit etwa 1.300 Mikroelektronenvolt gut vier Mal so groß wie die von Aluminium (rund 300). Außerdem wurde die Halbleiterschicht von reinem Indiumarsenid auf eine Kombination mit Indiumarsenidantimonid umgestellt.
- Microsoft will damit den eigenen Zeitplan halbieren und bis 2029 einen skalierbaren, wirtschaftlich nutzbaren Quantencomputer liefern.
- Bei der Entwicklung kam nach Angaben des Unternehmens die KI-Plattform Microsoft Discovery zum Einsatz, die Messabläufe automatisiert und rund zwei Jahrzehnte an Versuchsdaten ausgewertet hat. Die Entwicklung läuft vor allem im Quantenlabor in Lyngby, Dänemark.
Zum Vergleich: Supraleitende und Ionenfallen-Qubits anderer Hersteller halten ihre Kohärenz üblicherweise im Bereich von Mikrosekunden bis wenigen Millisekunden. Allerdings messen die Verfahren nicht exakt dasselbe, der Vergleich der Zahlen ist deshalb nur eine grobe Orientierung.
Warum Physiker skeptisch sind
Die zugehörige Studie trägt den Titel „20 Second Parity Lifetime in an InAs-Pb Tetron Device” und ist ein Vorabdruck, also noch nicht von unabhängigen Fachleuten begutachtet. Topologisches Quantencomputing hat außerdem eine Vorgeschichte: In dem Feld gab es mehrere aufsehenerregende Rücknahmen von Veröffentlichungen, und schon die Aussagen zu Majorana 1 stießen auf Skepsis.
Der Physiker Henry Legg von der University of St Andrews sagt gegenüber dem Magazin Science News: „Nothing in the presented data proves the existence of a topological qubit or Majoranas in these devices.” Sein Kernargument: Um ein Qubit nachzuweisen, braucht es zwei Messarten, X- und Z-Messungen. Der neue Vorabdruck zeigt nur Z-Messungen. Bei Majorana 1 hatte Microsoft beide vorgelegt, viele Fachleute waren aber auch dort nicht überzeugt.
Es gibt auch positive Stimmen. Kartiek Agarwal vom Argonne National Laboratory hält die neue Messmethode, mit der sich die nichtlokalen Eigenschaften der Majoranas untersuchen lassen, für ein starkes Indiz dafür, dass es sich wirklich um Majoranas handelt, und nennt das „fantastic progress”.
Einordnung
Eine Lebensdauer von 20 Sekunden ist, wenn sie sich bestätigt, ein großer Sprung gegenüber Millisekunden. Offen bleibt, ob dafür tatsächlich ein topologisches Qubit nötig war und ob sich daraus ein Rechner mit vielen Qubits bauen lässt. Microsoft spricht von einem Weg zu einer Million Qubits auf einem Chip, das ist ein Ziel des Unternehmens und kein gezeigtes Ergebnis. Auch der Zeitplan 2029 ist eine Ansage von Microsoft. Eine unabhängige Bestätigung der neuen Messungen haben wir bei unserer Recherche Ende Oktober nicht gefunden, das kann sich ändern.
Quellen