Schlechtes Timing auf dem Thron
Microsoft hat eine neue Tochterfirma für künstliche Intelligenz angekündigt, nur wenige Tage vor einer Welle von Massenentlassungen.
Die unverhohlene Wortwahl des Konzerns sorgt für Empörung: „A Learning Loop In Which Human Capital And Token Capital Compound“.
- Die neue Firma soll KI-Dienste bündeln und vermarkten.
- Parallel dazu streicht Microsoft laut internen Berichten Tausende Stellen, vor allem in der Hardware-Sparte.
Die Ankündigung traf am 19. März 2024 ein, einen Tag bevor Microsoft 1.900 Mitarbeiter aus der Gaming-Sparte entließ, knapp acht Prozent der gesamten Belegschaft von Activision Blizzard, Xbox und ZeniMax. Der Zeitpunkt war kein Zufall: Der CEO Satya Nadella hatte bereits im Januar einen „Fokus auf KI“ als Grund für Umstrukturierungen genannt. Die neue Firma namens „Microsoft AI“ wird vom ehemaligen DeepMind-Mitgründer Mustafa Suleyman geleitet und soll alle KI-Produkte bündeln, darunter Copilot, Bing Chat und Azure OpenAI Service. Die Entlassungen trafen vor allem QA-Teams, Marketing und Support, also genau die Stellen, die künftig durch KI ersetzt werden könnten.
Zynismus oder PR-Panne?
Die Formulierung liest sich wie eine kalte Kalkulation: Menschen als „Human Capital“, Krypto- oder Aktienwerte als „Token Capital“.
Dass beide in einer „Lernschleife“ (Learning Loop) verschmelzen sollen, wirkt angesichts der zeitgleichen Entlassungen wie eine PR-Katastrophe.
- Spieler und Analysten kritisieren das fehlende Fingerspitzengefühl.
- Branchenbeobachter erinnern an frühere Microsoft-Entlassungen, die stets mit Umschwüngen auf neue Technologien begründet wurden.
Diese Wortwahl stammt aus einem internen Dokument, das The Verge Ende Februar 2024 veröffentlichte. Microsoft hatte darin eine „neue Metrik“ für KI-Investitionen skizziert: Der Wert eines Mitarbeiters (Human Capital) solle mit dem Wert des Tokens (Token Capital) verrechnet werden, eine Sprache, die in der Tech-Industrie bisher nur Kryptofirmen wie Coinbase nutzten. Die Ironie: Microsoft ist gleichzeitig größter Investor von OpenAI, der Firma hinter ChatGPT, und hat dort 13 Milliarden Dollar platziert. Währenddessen erhalten die entlassenen Mitarbeiter eine Abfindung von zwei Wochen Gehalt pro Dienstjahr, bei einem Konzern, der im ersten Quartal 2024 einen Nettogewinn von 21,9 Milliarden Dollar erzielte.
Microsofts KI-Vorgeschichte
Microsoft baut seit Jahren KI-Infrastruktur auf, oft mit gemischtem Erfolg. Der Sprachassistent Cortana wurde 2014 als Konkurrent zu Siri gestartet, 2021 faktisch eingestellt. GitHub Copilot (2021) und Bing Chat (2023) brachten dagegen echte Nutzerzahlen: Copilot hat über 1,3 Millionen zahlende Kunden, Bing Chat erreichte 100 Millionen tägliche Nutzer. Die neue Firma Microsoft AI soll diese Produkte zentralisieren und zusätzlich an Lohnsteuerkarten arbeiten, einer Idee, die Suleyman aus seiner Zeit bei DeepMind mitbrachte. DeepMind selbst wurde 2014 von Google gekauft, Suleymans Abgang 2022 galt als Bruch.
Gleichzeitig läuft das Xbox-Geschäft unter Druck: Verkäufe stagnieren, der Game Pass wuchs 2023 um nur 15 Prozent, zu wenig für die hohen Investitionen in Activision Blizzard (69 Milliarden Dollar). Die Entlassungen in der Gaming-Sparte sind Teil einer größeren Umstrukturierung, die auch Azure und Windows betrifft. Insgesamt strich Microsoft 2024 über 10.000 Stellen, seit Januar 2023 summiert sich die Zahl auf 22.000.
Read the room, Microsoft ignoriert das Offensichtliche
Die Botschaft der Community ist klar: „Lies den Raum“. Statt auf menschliche Kosten mit Worthülsen zu reagieren, hätte Microsoft die Entlassungen getrennt von der KI-Euphorie verkünden sollen.
Die neue Firma startet damit unter einem denkbar schlechten Vorzeichen, und das ausgerechnet in einem Jahr, in dem die Spieleindustrie um Vertrauen kämpft.
- Die Ankündigung erfolgte über eine kurze Pressemitteilung, ohne Angaben zu konkreten Produkten.
- Ein offizielles Statement zu den Entlassungen steht noch aus, die Mitarbeiter erfahren ihr Schicksal vermutlich in den nächsten Tagen.
Vergleichbare Vorfälle gibt es bei Google und Meta: Google kündigte im Januar 2024 die Entlassung von 12.000 Mitarbeitern an, während es gleichzeitig eine neue KI-Sparte (Google DeepMind) gründete. Meta entließ 21.000 Leute im Jahr 2023 und investierte parallel 30 Milliarden Dollar in KI-Chips und das Metaverse. Der Unterschied: Beide Firmen verkündeten Entlassungen und KI-Pläne in getrennten Pressemitteilungen mit Wochen Abstand. Microsoft preschte mit öffentlichkeitswirksamen Phrasen vor und erntete nun Shitstorms auf Reddit, X und im Spieleforum ResetEra.
Fazit: Ein Lehrstück in falscher Priorität
Microsoft setzt auf KI und Token-Wirtschaft, während Tausende ihre Jobs verlieren.
Ob die neue Company am Ende erfolgreich sein wird, ist Nebensache, der Imageschaden sitzt tief.
Die entlassenen Hardware-Ingenieure aus der Xbox-Abteilung hatten zuvor am Project Keystone gearbeitet, einer Cloud-Gaming-Box, die Microsoft 2023 einstellte. Statt neuer Hardware soll nun KI den Game Pass antreiben: Der Dienst bekommt einen KI-Chatbot, der Spielern Tipps gibt und Titel empfiehlt. Das erste Produkt von Microsoft AI kommt im Mai: Copilot for Gaming, eine Beta-Version für Xbox Insider. Ob die verbleibenden Entwickler in den Studios genug Kapazitäten haben, um Spiele zu liefern, bleibt offen. Im Oktober 2023 veröffentlichte Microsoft Forza Motorsport mit mittelmäßigen Bewertungen, und das nächste große RPG Avowed wurde auf 2025 verschoben.