Absage an die Längenformel
Das Indie-Studio Wrong Organ hat mit dem Horror-Adventure Mouthwashing einen Überraschungshit gelandet.
Doch statt den Erfolg mit einem noch ausladenderen Story-Spiel zu wiederholen, schlagen die Entwickler einen ganz anderen Weg ein.
Laut einem Bericht von PCGamer arbeitet das Team derzeit an einem Spiel, das Gameplay in den Mittelpunkt stellt.
Die Devise: kein zweites narratives Mammutprojekt.
Wer steckt hinter Wrong Organ?
Das Studio wurde 2020 in Kopenhagen gegründet. Die fünfköpfige Crew besteht aus ehemaligen Mitarbeitern von Playdead und Die Gute Fabrik. Vor Mouthwashing veröffentlichte Wrong Organ nur zwei kostenlose Game-Jam-Prototypen: The Static Speaks My Name (2019) und How Fish Is Made (2022). Beide experimentierten mit unzuverlässigen Erzählern und minimalistischer Grafik, eine Handschrift, die sich in Mouthwashing fortsetzt.
Mouthwashing ist das erste kommerzielle Produkt des Teams. Die Entwicklung dauerte knapp zwei Jahre bei einem Budget von unter 100.000 Euro. Das Spiel wurde im September 2024 auf Steam veröffentlicht.
Die Begründung der Macher
Hinter dieser Entscheidung steckt eine klare Haltung.
Das Zitat aus dem Bericht bringt es auf den Punkt: „Mouthwashing ist nicht besser, wenn es acht Stunden dauert.“
- Die Entwickler sehen keinen Mehrwert in einer künstlichen Dehnung der Erzählung.
- Stattdessen wollen sie sich auf das konzentrieren, was Spiele auszeichnet: interaktive Mechaniken.
Mouthwashing, ein Überraschungshit in Zahlen
Laut SteamDB erreichte Mouthwashing innerhalb der ersten Woche über 50.000 Verkäufe. Aktuell liegt die Nutzerbewertung bei 97 % positiv bei mehr als 28.000 Rezensionen. Das Spiel hielt sich drei Wochen in den globalen Steam-Top-20. Zum Vergleich: Der Vorgänger-Prototyp How Fish Is Made kam auf knapp 1.000 Downloads. Der Erfolg von Mouthwashing basiert auf Mundpropaganda und positiven Kritiken von Kanälen wie PewDiePie und Markiplier, die das Spiel in Let’s Plays vorstellten.
Trotz der hohen Verkaufszahlen ist das Spiel kurz: Eine Durchspielzeit von 90 bis 120 Minuten reicht aus, um alle Geheimnisse zu sehen. Diese Kürze war laut Studio bewusst gewählt, und genau diese Designentscheidung wollen sie nun konsequent fortsetzen.
Was ein „Gameplay Game“ bedeuten könnte
Konkrete Details zu Form oder Setting des neuen Projekts gibt es noch nicht.
Dennoch zeichnet sich eine Richtung ab: weniger Zwischensequenzen, mehr direkte Spielhandlung.
- Wrong Organ scheint auf Wiederspielbarkeit und taktile Spielerfahrungen zu setzen.
- Der Bruch mit dem Story-Fokus ist bewusst gewählt, vielleicht eine Reaktion auf die eigene Arbeit an Mouthwashing.
Branchenkontext: Vergleichbare Fälle
Der Schritt erinnert an Iron Lung von David Szymanski (2022), ein kurzer, mechanikzentrierter Horror-Titel, der ohne narrative Ausuferung auskommt und über 200.000 Kopien verkaufte. Auch Lobotomy Corporation (2018) von Project Moon begann als Story-Spiel, verlagerte den Fokus dann auf Management-Mechaniken im Nachfolger Library of Ruina. Anders als diese Beispiele geht Wrong Organ jedoch von einem erfolgreichen Story-Spiel aus und wechselt die Richtung, kein Studio hat das in den letzten Jahren im Indie-Horror-Genre gewagt.
Ein Risiko: Die Community von Mouthwashing schätzt gerade die dichte Atmosphäre und die scheinbar tiefgründige Handlung. Ein Gameplay-Spiel könnte diese Fans verlieren. Gleichzeitig lockt es möglicherweise Genre-Puristen an, die narrative Adventure-Spiele als „Eindimensional“ ablehnen.
Ein ungewöhnlicher Schritt
Nach einem so starken Debüt hätten viele Studios eine narrative Fortsetzung angekündigt.
Wrong Organ geht das Risiko ein, seinen eigenen Stil zu hinterfragen.
Ob das neue Spiel an den Charme von Mouthwashing anknüpfen kann, bleibt abzuwarten.
Sicher ist: Das Team nimmt sich die Freiheit, nicht das Naheliegende zu machen.