Der Zauber der Erinnerung
Kaum ertönt das knarzige PS1-Startgeräusch, kribbelt es im Bauch. Wir erinnern uns an endlose Nächte mit Spyro, Crash Bandicoot oder Final Fantasy VII. Die Nostalgie-Brille färbt alles goldgelb.
Doch der Schein trügt. Wer diese Klassiker heute auf einem modernen Bildschirm startet, erlebt oft einen Schock. Ruckelige Framrates, unscharfe Texturen und frustrierende Kameras zerstören die Illusion.
Spyro the Dragon (1998) entstand bei Insomniac Games, einem Studio, das zuvor nur das wenig bekannte Sci-Fi-Rennspiel Disruptor (1996) veröffentlicht hatte. Produzent Ted Price investierte den gesamten Gewinn aus Disruptor in eine neue Engine für offene 3D-Welten. Sony zahlte eine Vorab-Summe von 2 Millionen Dollar für Exklusivität. Crash Bandicoot (1996) hingegen stammt von Naughty Dog, die mit diesem Titel erstmals einen 3D-Plattformer wagten, ihr Vorgänger Way of the Warrior (1995) war ein 2D-Prügler für 3DO. Final Fantasy VII (1997) von Square (heute Square Enix) kostete rund 40 Millionen US-Dollar Entwicklung und war damals das teuerste Videospiel überhaupt. Square setzte auf drei CD-ROMs, weil die Zwischensequenzen allein 30 Minuten Full-Motion-Video umfassten.
Was damals begeisterte, ist heute Grütze
- Kameraführung: Viele ältere 3D-Spiele hatten starre oder sprunghafte Perspektiven. Heute ist das schlicht unspielbar.
- Speicherstände: Keine Autosaves, keine Checkpoints. Ein Game Over bedeutete Stunden Neuanfang.
- Steuerung: Die „Tank Controls“ von Resident Evil oder die schwammigen Sprünge in Tomb Raider, damals normal, heute ein Graus.
Die Technik der 90er und frühen 2000er lässt sich nicht mit heutigen Standards vergleichen. Was damals als High-End-Grafik galt, ist heute pixelig und grob.
Capcoms Resident Evil (1996) verwendete fixe Kamerawinkel aus einem simplen Grund: Die Playstation 1 konnte maximal 3600 Polygone pro Frame darstellen. Ein frei beweglicher Look hätte die Szene überlastet. Die „Tank Controls“ waren ein direktes Erbe von Alone in the Dark (1992), einem der ersten 3D-Survival-Horror-Spiele. Tomb Raider (1996) von Core Design litt unter der damaligen Dreieckskollision: Lara Croft bewegte sich auf einem unsichtbaren Raster, die Sprünge wirkten mechanisch. Das Studio hatte zuvor mit Rick Dangerous (1989) 2D-Plattformerfahrung gesammelt. Der Sprung ins 3D war technisch gewagt und die Engine nie für flüssige Steuerung optimiert. Speicherstände waren teuer: Die PS1-Speicherkarte bot nur 128 KB. Autosaves hätten den Platz gesprengt, deshalb setzten Entwickler auf manuelle Speicherpunkte, oder gar keine. Castlevania: Symphony of the Night (1997) etwa hatte nur einen Speicherpunkt pro Bereich. Ein Game-Over bedeutete 30 Minuten Wiederholung.
Weniger ist manchmal mehr
Manche Spiele altern trotzdem gut, meist 2D-Titel wie Super Mario World oder Tetris. Aber viele 3D-Abenteuer aus der PS1-Ära sind nur mit viel Wohlwollen erträglich.
Tipp: Statt zu den Originalen zu greifen, besser die Remakes oder Remaster anspielen. Crash Bandicoot N. Sane Trilogy oder Shadow of the Colossus zeigen, wie man Nostalgie bewahrt ohne Frust.
Super Mario World (1990, Super Nintendo) verkaufte sich über 20 Millionen Mal, seine pixelgenaue 2D-Steuerung und flüssige 60-fps-Animation lassen sich mit modernen Bildschirmen problemlos skalieren. Tetris (1984) braucht nicht mehr als ein Raster und Logik. Der Unterschied zu 3D-Titeln der gleichen Zeit ist eklatant: Die ersten 3D-Spiele wie Virtua Racing (1992, Sega) liefen mit 15–20 fps auf Arcade-Hardware. Die PS1 erreichte höchstens 30 fps, oft weniger. Crash Bandicoot N. Sane Trilogy (2017, Vicarious Visions) verkaufte sich innerhalb von drei Monaten 2,5 Millionen Mal. Shadow of the Colossus (2005, PS2) bekam 2018 ein Remake von Bluepoint Games, das die Framerate von 30 auf 60 fps hob und die Texturen neu berechnete. Beide Titel zeigen, dass eine zeitgemäße Engine die alten Designs retten kann, ohne die originale Spielmechanik zu verändern.
Wo ihr die komplette Liste findet
Die Kollegen von GIGA haben genau diese 13 Titel unter die Lupe genommen. Ihre Liste zeigt, welche Spieleklassiker ihr heute getrost im Regal stehen lassen könnt.
Ein Besuch lohnt sich, wer die Nostalgie-Brille absetzt, spart sich böse Überraschungen. Denn manche Erinnerungen sollten einfach Erinnerungen bleiben.