Die Kuratierung des Repertoires
Ein Abend in der Philharmonie beginnt mit hohen Erwartungen an die Musik von Square Enix. Jeder Besucher hofft auf die Hymnen aus Final Fantasy VII oder das epische Theme von Kingdom Hearts.
Doch sobald der Dirigent den Taktstock hebt, schleicht sich bei vielen Fans ein leises Unbehagen ein. Spätestens bei der dritten Zugabe wird klar, dass der eigene Favorit heute wohl stumm bleibt.
Die Planung solcher Events unterliegt strengen ökonomischen Kriterien, die den Spielraum des musikalischen Leiters einschränken. Da Square Enix seit der Fusion im Jahr 2003 über ein riesiges Portfolio verfügt, müssen Stücke nach ihrer globalen Wiedererkennung ausgewählt werden. Ein Orchester dieser Größenordnung erfordert Investitionen im sechsstelligen Bereich für Proben, Notenarrangements und Saalmieten.
Die Lücke zwischen Nische und Kult
Die Auswahl der Stücke ist bei der riesigen Bibliothek des Publishers ein ständiger Streitpunkt. Es ist unmöglich, jeden Geschmack zu treffen, wenn man Jahrzehnte an Spielegeschichte abdeckt.
- Fans von Final Fantasy dominieren meist den Großteil des Programms.
- Liebhaber kleinerer Titel gehen oft leer aus.
- Besonders das Fehlen von Harvestella sorgt im Netz für hitzige Debatten.
Harvestella, entwickelt von Live Wire, erschien 2022 und wich in seiner mechanischen Struktur stark von den klassischen Square Enix-Rollenspielen ab. Während das Spiel durch seine Mischung aus Lebenssimulation und Action-RPG eine spezifische Community ansprach, fehlt ihm die historische Verankerung. Im Vergleich dazu sind Soundtracks zu Titeln wie Final Fantasy VI (1994) oder Chrono Trigger (1995) fest in der kulturellen Identität der Fangemeinde verankert. Die Komponisten wie Nobuo Uematsu oder Yasunori Mitsuda haben über drei Jahrzehnte hinweg durch wiederholte Neuauflagen ihrer Werke eine Präsenz erzeugt, die neue Titel unmöglich erreichen können.
Emotionale Bindung und historisches Gewicht
Die emotionale Bindung an Videospielmusik ist stark. Wenn ein Song fehlt, empfinden Fans dies als Missachtung ihrer persönlichen Spielzeit.
- Die nostalgische Reise wird durch die Abwesenheit bestimmter Titel unterbrochen.
- Konzerte dienen als Bestätigung der eigenen Leidenschaft für ein Franchise.
- Wenn Chrono Trigger oder eben Harvestella im Archiv verschwinden, wächst der Groll.
Die Enttäuschung über das Fehlen von Stücken wie denen aus Harvestella resultiert aus der hohen Qualität des Soundtracks von Go Shiina. Dieser Komponist, der auch für die Tales of-Reihe bei Bandai Namco bekannt ist, schuf für Harvestella ein atmosphärisch dichtes Werk. Fans werten die Ignoranz gegenüber solchen modernen Kompositionen als Zeichen dafür, dass der Publisher lediglich auf sichere Einnahmen durch bekannte Marken setzt. Die Distant Worlds-Konzertreihe, die eng mit Square Enix verknüpft ist, fokussiert sich seit ihrer Gründung 2007 primär auf orchestrale Aufbereitungen der Final Fantasy-Hauptreihe.
Logik der Konzertproduktion
Die Produktion solcher Abende ist teuer und logistisch aufwendig. Orchester benötigen Notenblätter, Probenzeit und eine klare Struktur für das Publikum.
- Die Setlisten werden meist Monate im Voraus festgelegt.
- Beliebtheitswerte in Umfragen beeinflussen die Wahl der Stücke.
- Square Enix priorisiert Titel mit der größten globalen Reichweite.
Die Verteilung der Stücke folgt oft dem Schema der kommerziellen Relevanz. Ein Titel wie Final Fantasy XIV, das seit 2010 stetig wächst und über 30 Millionen registrierte Nutzer zählt, nimmt bei aktuellen Konzerten einen unverhältnismäßig großen Platz ein. Die Produktionskosten für ein Orchester mit 60 bis 80 Musikern erzwingen eine Auslastung des Saals, die nur durch populäre Marken garantiert wird. Wenn Square Enix neue Konzertreihen plant, analysieren sie die Streaming-Zahlen auf Plattformen wie Spotify oder YouTube, um den Bedarf zu ermitteln. Für Nischenprodukte wie Harvestella reicht diese Datenlage selten aus, um eine Aufnahme in das teure Programm der Welttourneen zu rechtfertigen. Die Setlist bleibt somit ein Spiegelbild des kommerziellen Erfolgs und nicht der musikalischen Vielfalt.