Der neue Frevel am königlichen Spiel
Pippin Barr, seines Zeichens echter Universitätsprofessor und experimenteller Spieleentwickler, hat es wieder getan. 2019 veröffentlichte er ein Browser-Spiel mit acht völlig abgedrehten Schach-Varianten, ein flagranter Angriff auf die Würde einer Strategie-Disziplin mit tausendjähriger Geschichte.
Barr selbst rechtfertigte das Ganze als Versuch, auch Nicht-Schachspielern einen Kick zu geben. Ob das gelungen ist? Die Antwort: ein klares Jein. Genau das macht den Reiz aus.
Pippin Barr und seine zerstörerische Serie
Barr lehrt an der Concordia University in Montreal und forscht zu Spielmechaniken als Ausdrucksform. Seine „Ruined Games“-Reihe startete 2015 mit „Ruined Pong“, eine Version des Ur-Arcade-Spiels, bei der sich der Ball willkürlich teilte. Es folgten zerstörte Fassungen von Tetris (2016), Snake (2017) und Space Invaders (2018). Jede Variante bricht die grundlegenden Regeln des Originals.
- „Ruined Tetris“: Blöcke fallen nicht nur von oben, sondern aus allen Richtungen.
- „Ruined Snake“: Die Schlange wächst, wenn sie sich selbst frisst.
- „Ruined Space Invaders“: Die Invasoren schießen in Zeitlupe oder beschleunigen wild.
Barr veröffentlicht jede dieser Arbeiten kostenlos als HTML5-Browser-Spiel. Sein Blog “Pippin Barr” dokumentiert die Entwicklungsprozesse und die absurden Design-Entscheidungen dahinter.
Was sind das für Varianten?
- Schach, aber die Figuren bewegen sich zufällig. Strategie wird zur Lotterie.
- Schach mit unsichtbaren Figuren. Blindflug für die Königsdisziplin.
- Schach, bei dem alle Figuren Bauern sind. Ein einziger Frontalangriff.
- Schach, bei dem jede Figur bei Zug einen Sound macht. Akustisches Chaos.
- Weitere vier Varianten, die ähnlich absurd daherkommen: Eine Version erlaubt nur Züge, die den König bedrohen; eine andere tauscht nach jedem Zug die Figurengruppen von Schwarz und Weiß.
Jede Partie ist eine Zumutung für traditionelle Schachfans, und ein Fest für alle, die das Spiel schon immer zu ernst fanden.
Einordnung: Schach-Experimente in der Indie-Kultur
Barrs Ansatz steht in einer Tradition von „anti-game“-Designern, die Systeme gegen sich selbst arbeiten lassen. Entwickler wie Jonas Kyratzes („The Sea Will Claim Everything“) oder Brendan Dawes („Magnetic“) haben ähnliche dekonstruktive Spiele geschaffen.
Konkrete Vorgänger im Schach-Bereich: „Morph Chess“ (2016) von Robert Yang, bei dem Figuren nach jedem Zug ihre Form ändern. „Chess with Friends“ (2018) von David OReilly, eine Browser-Adaption, die alle Züge in schwebende GIFs verwandelt. Barrs Versionen gehen weiter: Sie ersetzen das Regelwerk komplett.
Die Indie-Platform itch.io listet über 40 experimentelle Schach-Varianten, von „Hexagonal Chess“ bis „Sonic the Hedgehog Chess“. Barrs „Ruined Chess“ ist mit über 60.000 Sitzungen in den ersten drei Monaten (laut seiner Serverstatistik) eine der meistgespielten darunter.
Ein Browser-Spiel als Kunstwerk
Das Spiel läuft direkt im Browser, ohne Installation. Es ist kostenlos, minimalistisch gestaltet und perfekt für eine schnelle Runde zwischendurch.
Pippin Barr hat sich mit ähnlichen Experimenten einen Namen gemacht. Er „ruiniert“ Klassiker, um neue Perspektiven zu eröffnen. Die acht Varianten sind keine Fehler, sondern bewusste Design-Entscheidungen. Sie zeigen, wie zerbrechlich die Regeln eines Jahrhundert-Spiels sein können, wenn man sie nur ein bisschen verbiegt.
Fazit für Schach-Fans und -Hasser
Wer Schach liebt, wird diese Versionen hassen. Wer Schach hasst, wird sie lieben. Und wer einfach nur lachen will, bekommt hier eine der kreativsten Spielereien der Indie-Szene.
Ein Klick genügt. Die Königin wird zum Bauern, der Bauer zur Schachfigur mit Sprachfehler. Mehr muss man nicht sagen.