Der Sommer klingt anders im Controller
Eine Diskussion bei PCGamer (August 2024) mit über 150 Kommentaren sucht den ultimativen Sommer-Soundtrack. Die Community nennt Tracks von Super Mario Sunshine, Wave Race 64 und Donkey Kong Country 2. Alle drei Spiele stammen von Nintendo beziehungsweise dessen Second-Party-Studio Rare, und alle drei setzen auf Ukulelen und Steel Pans. Das ist kein Zufall: Diese Instrumente erzeugen einen hellen, perkussiven Klang, der seit den 1990er Jahren als „tropisch“ codiert ist.
Drei Kandidaten für den Thron der Sonne
Super Mario Sunshine (2002, GameCube), Entwickelt von Nintendo EAD unter der Leitung von Yoshiaki Koizumi. Der Soundtrack von Koji Kondo, Shinobu Tanaka und Mahito Yokota orientiert sich am Latin-Jazz von Sergio Mendes und Antonio Carlos Jobim. „Delfino Plaza“ verwendet einen echten Bossa-Nova-Rhythmus, ungewöhnlich für ein Jump’n’Run. Das Spiel verkaufte sich weltweit 6,3 Millionen Mal und war der erste Mario-Titel mit einer durchgehenden Sommerkulisse.
Wave Race 64 (1996, N64), Nintendo EAD (Abteilung 2) entwickelte diesen Jetski-Racer. Das Team um Hideki Konno hatte zuvor Mario Kart 64 (1996) fertiggestellt. Der Soundtrack von Kazumi Totaka vermeidet typische Rennspiel-Härte: Statt Gitarrenriffs dominieren Funk-Gitarren und weiche Synth-Pads. „Splash Coast“ erreicht 90 BPM, genau das Tempo entspannter sommerlicher Chillwave-Musik. Verkaufszahlen: 1,9 Millionen Einheiten in den USA.
Donkey Kong Country 2: Diddy’s Kong Quest (1995, SNES), Entwickelt von Rare (damals noch Rareware) in Twycross, England. Komponist David Wise benutzte für „Krem Quay“ ein Kurzweil K2000-Sampling-Board, auf dem er echte Steel-Drum-Klänge abspielte. Das ist bemerkenswert, weil die SNES-Soundchip damals nur 8-Kanal-Audio erlaubte. Das Spiel verkaufte sich 4,3 Millionen Mal und gewann den Golden Joystick Award 1995 für „Best Soundtrack“. Rare hatte zuvor Battletoads (1991) veröffentlicht und wechselte mit Donkey Kong Country vom Beat’em-up zum Plattformer.
Warum gerade Ukulelen und Steel Pans?
Die beiden Instrumente teilen eine akustische Eigenschaft: Sie erzeugen einen formantenreichen, obertonlastigen Klang. Ein Steel Pan (Stahltrommel) klingt flüssig, weil die geschlagenen Noten durch die gewölbte Oberfläche leicht verstimmt sind, das erzeugt einen schwebenden Effekt. Die Ukulele dagegen hat einen kurzen Sustain und einen hellen Attack. Zusammen decken sie den Frequenzbereich zwischen 500 Hz und 4 kHz ab, genau dort, wo das menschliche Ohr Wärme und Freude assoziiert.
Entwickler nutzen diese Klangfarben seit Super Mario World (1990) für Strandlevel. Der Trend verstärkte sich mit Crash Bandicoot (1996), dessen Komponist Josh Mancell Steel Drums für die Insel-„N.Sanity Beach“-Level einsetzte. Seither ist die Kombination ein Standard-Rezept für „entspannte tropische Umgebungen“ in Spielen wie Animal Crossing (2001) oder Sea of Thieves (2018).
Die Community sucht den ultimativen Hit
Bisher hat kein Track die Mehrheit. In der PCGamer-Diskussion sammeln sich Nennungen wie „Dire, Dire Docks“ (Super Mario 64, Koji Kondo), ein Stück, das mit seinem ruhigen Klavier und den Wasser-Effekten eine andere Sommer-Atmosphäre erzeugt: kühl, nicht heiß. Ein Nutzer verweist auf „To Far Away Times“ aus Chrono Trigger (1995, Yasunori Mitsuda), das mit einer Mandoline und Flöte eine mediterrane Stimmung malt.
Auffällig ist die Dominanz japanischer Komponisten. Kondo, Wise, Mitsuda, Yoko Shimomura, sie alle haben in den 1990er Jahren die Klangästhetik für Sommer-Szenen geprägt. Der Grund: Die SNES- und 64-Bit-Ära zwang Komponisten, mit wenigen Instrumenten klare Stimmungen zu erzeugen. Steel Drums und Ukulelen waren da eine effiziente Abkürzung. Heute simuliert PlayStation 5-Hardware echte Orchester, aber die nostalgische Reduktion bleibt der Referenzpunkt.
Ob „Mako Reactor“ aus Final Fantasy VII (1997, Nobuo Uematsu), ein Track mit treibenden Bassläufen und Synthesizern, wirklich sommerlich ist, bleibt offen. Die Grenze zwischen „Sommer“ und „Wasser“ ist fließend. Vielleicht liegt die wahre Antwort in einem Track, der noch niemand genannt hat: „Jungle Groove“ aus Donkey Kong Country (1994), ein Stück, das mit seinem Conga-Rhythmus und der Flöte die feuchte Hitze eines Dschungels einfängt, ohne je ein Steel Pan zu verwenden.