Die Stille ist vorbei
Seit Jahren entlassen große Studios still und heimlich Mitarbeiter. Dokumente, die nie an die Öffentlichkeit gelangten. Abfindungen unter Stillschweigevereinbarung. Doch jetzt brodelt es.
In mehreren Städten weltweit haben öffentliche Demonstrationen begonnen. Die Bewegung bringt die Arbeitskrise der Videospielindustrie endlich ins Rampenlicht. Die Quelle Kotaku berichtet über die wachsende Welle.
Die Zahlen der vergangenen Jahre sprechen eine klare Sprache: 2023 wurden laut Branchenportal Game Industry Layoffs rund 10.500 Stellen gestrichen. 2024 übertraf diese Marke bereits nach dem ersten Quartal, allein Microsoft entließ im Januar 1.900 Mitarbeiter aus den übernommenen Activision-Blizzard- und Bethesda-Studios. Sony strich 900 Stellen bei PlayStation, Embracer Group schloss mehrere Studios und warf 1.400 Beschäftigte raus. Hinter jeder dieser Zahlen stehen konkrete Studios mit eigenen Projekten und Geschichten.
Von Barcelona bis Maryland: Wo protestiert wird?
- Barcelona, Spanien: Hunderte Entwickler und Fans versammelten sich vor den Büros großer Publisher.
- Edinburgh, Schottland: Vor den Toren eines bekannten Studios skandierten Demonstrierende gegen Massenentlassungen.
- Maryland, USA: Auch in Nordamerika regt sich Widerstand, vor einem der größten Entwicklerstandorte.
- Und darüber hinaus: Weitere Städte schließen sich an, die Liste wächst täglich.
Die Demonstranten fordern Transparenz und ein Ende der willkürlichen Kündigungswellen. Kein Studio, kein Publisher bleibt ungeschoren.
In Barcelona zielt der Protest auf Ubisoft Barcelona, ein Studio, das 1998 gegründet wurde und maßgeblich an der Entwicklung von Tom Clancy’s Rainbow Six Siege beteiligt war, einem Spiel, das seit 2015 kontinuierlich wächst und monatlich über 30 Millionen aktive Spieler zählt. Im Oktober 2023 entließ Ubisoft 60 Mitarbeiter in der Kreativabteilung, im Januar 2024 folgten 68 weitere Stellenstreichungen im Kundenservice. In Edinburgh steht die Demonstration vor Rockstar North, dem Studio hinter Grand Theft Auto V (2013, 190 Millionen verkaufte Einheiten) und dem kommenden GTA VI. Rockstar entließ 2023 ein Dutzend Mitarbeiter in der QA-Abteilung, nachdem eine Gewerkschaftskampagne öffentlich wurde. In Maryland versammeln sich Protestierende vor Bethesda Game Studios in Rockville, dem Entwickler von The Elder Scrolls V: Skyrim (2011, 60 Millionen Einheiten) und Starfield (2023). Bethesda verlor im Rahmen der Microsoft-Entlassungswelle im Januar 2024 rund 250 Stellen, die größte Kündigungsrunde in der Studio-Geschichte.
Ein neues Kapitel für die Branche?
Früher waren Entlassungen in der Gaming-Industrie ein Tabu. Medien berichteten kaum, Unternehmen schwiegen. Das ändert sich jetzt radikal.
Die Proteste in Barcelona, Edinburgh und Maryland sind erst der Anfang. Sie zeigen: Die Belegschaft ist nicht mehr bereit, sich wegzuducken. Die Zeiten, in denen Studios leise Personal abbauen konnten, sind vorbei.
Diese öffentliche Eskalation hat Vorläufer: 2019 protestierten Mitarbeiter von Riot Games gegen Zwangsschlichtung und Sexismus, 2022 stimmte die Belegschaft von Activision Blizzard für die Gründung der ersten gewerkschaftlich organisierten Game Workers Alliance. Doch die aktuellen Demonstrationen bündeln erstmals Kräfte über Ländergrenzen hinweg. Die Forderungen sind konkret: verbindliche Abfindungsschemata, Kündigungsschutz nach Übernahmen und das Ende von Stillhalteklauseln. Allein im Januar 2024 wurden weltweit mehr Stellen gestrichen als im gesamten Jahr 2019, eine Zahl, die die Branche noch lange beschäftigen wird.