Rückkehr eines umstrittenen Meisterwerks
Studio Ghibli holt „Tales of Earthsea“ aus der Versenkung. Der Film, der unter Fans und Kritikern oft als schwächstes Werk des Studios gilt, kehrt nächsten Monat für sein 20-jähriges Jubiläum in die Kinos zurück.
Die Ankündigung stammt von Polygon. Demnach läuft die Adaption von Ursula K. Le Guins Romanzyklus ab August 2026 in ausgewählten Kinos. In den USA starten die Vorführungen am 14. August, genaue Termine für Deutschland stehen noch aus.
Die Vorgeschichte: Hayao Miyazakis gescheiterter Plan
Studio Ghibli wurde 1985 von Hayao Miyazaki, Isao Takahata und Toshio Suzuki gegründet. Mit Filmen wie „Prinzessin Mononoke“ (1997) oder „Chihiros Reise ins Zauberland“ (2001) setzte das Studio weltweite Maßstäbe im Animationsfilm. Schon Anfang der 2000er plante Hayao Miyazaki eine Verfilmung von Le Guins Earthsea-Zyklus, seiner Lieblingsbuchreihe. Er traf die Autorin 2004 persönlich und erhielt nach langer Diskussion die Rechte.
Doch Hayao zog sich 2005 zurück, angeblich wegen Überlastung. Stattdessen übergab er die Regie an seinen damals 38-jährigen Sohn Goro Miyazaki. Der hatte zuvor als Gartengestalter für das Ghibli-Museum gearbeitet und nie zuvor einen Film inszeniert. Le Guin äußerte später öffentlich ihre Enttäuschung: Der Film sei „eine Neuinterpretation meiner Welt, aber nicht meine Geschichte“. Das Produktionsbudget betrug rund 2,5 Milliarden Yen (etwa 21 Millionen Euro).
Ein Erbe mit Hindernissen
- Regie führte Goro Miyazaki, der Sohn des legendären Hayao Miyazaki.
- Es war sein Debüt als Regisseur, und das mit gemischtem Echo.
- Viele warfen dem Film eine unausgegorene Handlung und einen schwachen Erzählfluss vor.
Auf Rotten Tomatoes erreicht „Tales of Earthsea“ nur 42 Prozent bei Kritikern und 51 Prozent beim Publikum, der niedrigste Wert aller Ghibli-Filme. Der japanische Filmkritiker Tomohiro Machiyama bezeichnete das Werk als „gut gemeint, aber schlecht umgesetzt“. Goro Miyazaki selbst gab später zu, unter dem Druck des väterlichen Erbes gelitten zu haben.
Einordnung in die Ghibli-Ära
„Tales of Earthsea“ kam 2006 in die japanischen Kinos, ein Jahr nach „Howl’s Moving Castle“ (2004) und zwei Jahre vor „Ponyo, Das große Abenteuer am Meer“ (2008). In Japan spielte der Film 7,8 Milliarden Yen (65 Millionen US-Dollar) ein, ein solides Ergebnis, aber weit entfernt von den 30,4 Milliarden Yen von „Chihiro“. International floppte er: lediglich 46 Millionen US-Dollar kamen außerhalb Japans zusammen.
Zum Vergleich: „Howl’s Moving Castle“ erzielte 190 Millionen US-Dollar weltweit, „Das wandelnde Schloss“ (wie der Film im Deutschen heißt) war ein finanzieller Erfolg. Die Earthsea-Adaption blieb das einzige Ghibli-Werk, das von der Kritik durchgehend verrissen wurde. Erst 2011 gelang Goro Miyazaki mit „From Up on Poppy Hill“ ein versöhnlicherer zweiter Film.
Zwanzig Jahre später, ein zweiter Blick?
Die Jubiläums-Wiederaufführung bietet eine seltene Gelegenheit, den Film auf der großen Leinwand zu sehen. Seit 2006 gab es nur wenige Kinovorführungen außerhalb Japans.
Ob die Zeit dem Werk gnädiger gestimmt ist, bleibt abzuwarten. Fest steht: „Tales of Earthsea“ ist ein wichtiges Kapitel in der Geschichte des Studios, ein mutiger Versuch einer neuen Generation, das Erbe der Miyazaki-Dynastie fortzuführen.