Acht Jahre Reifezeit
The Scroll of Taiwu ist kein weiterer schneller Steam-Release. Das chinesische Indie-Spiel hat ganze acht Jahre in der Entwicklung gesteckt, und das merkt man.
Der Titel schließt sich der wachsenden Welle chinesischer Entwickler an, die aktuell die Steam-Charts erobern. Was ihn unterscheidet: Dieses Spiel bietet laut ersten Eindrücken etwas, das man so noch nie gespielt hat.
Entwickelt wurde The Scroll of Taiwu vom Studio ConchShip Games aus Chengdu. Gründer und Hauptentwickler Xu Jian, bekannt unter dem Pseudonym „“, startete das Projekt 2014 als Hobby. Zuvor arbeitete er als Programmierer bei einem Mobile-Game-Studio. Nach einem Jahr Eigenentwicklung kündigte er seinen Job und widmete sich Vollzeit dem Spiel. Erst 2017 stellte er ein kleines Team zusammen. Heute beschäftigt ConchShip Games rund zwölf Mitarbeiter. Das Studio hat keine anderen Titel veröffentlicht; The Scroll of Taiwu bleibt bis heute das einzige Produkt.
Was macht The Scroll of Taiwu besonders?
Die genauen Mechaniken bleiben noch im Detail zu entdecken. Fest steht: Der Indie-Titel verbindet Elemente, die in der westlichen Spielelandschaft kaum vorkommen.
- Tiefe, komplexe Systeme, die über acht Jahre verfeinert wurden
- Ein Setting, das stark von chinesischer Mythologie und Kultur geprägt ist
- Gameplay-Schleifen, die bewusst auf westliche Genre-Konventionen verzichten
Es ist kein reines Rollenspiel, kein klassischer Strategietitel, sondern eine Mischung, die sich erst nach und nach erschließt. Der Langzeit-Entwicklungsprozess erlaubte es den Machern, ihr Konzept immer weiter auszubauen.
Konkret simuliert The Scroll of Taiwu das Leben eines Wuxia-Helden über Generationen hinweg. Der Spieler reist durch eine prozedural generierte Karte, trainiert Kampfkünste, schmiedet Allianzen und bekämpft Flüche. Stirbt der Charakter, übernimmt ein Nachkomme. Das Kampfsystem arbeitet rundenbasiert mit Positionswechseln und aktivem Timing. Entwickler Xu Jian verglich die Tiefe der Mechaniken in Interviews mit der Komplexität von Dwarf Fortress, allerdings mit einer zugänglicheren Oberfläche. Der Fokus liegt auf Entscheidungen mit Konsequenzen, nicht auf Linearität.
Chinesische Indie-Welle auf Steam
The Scroll of Taiwu ist nicht allein. In den letzten Monaten drängen immer mehr chinesische Indie-Produktionen auf die internationale Plattform.
- Spiele aus China entdecken ein globales Publikum
- Steam bietet eine niedrige Einstiegshürde für ungewöhnliche Konzepte
- Der Erfolg von Titeln wie diesem zeigt: Originelles Gameplay setzt sich durch
Die achtjährige Entwicklung ist dabei kein Einzelfall. Viele chinesische Indie-Studios arbeiten jahrelang an ihren Projekten, bevor sie einen Release wagen. Das Ergebnis sind oft tiefe, ausgereifte Spiele, die sich von der Masse abheben.
The Scroll of Taiwu selbst gilt als Wegbereiter für diesen Trend. Der Early-Access-Start am 21. September 2018 verkaufte sich innerhalb von drei Tagen über 300.000 Mal. Bis Ende 2018 waren es mehr als 1,3 Millionen Einheiten auf Steam, damals ein Rekord für chinesische Indie-Spiele. Die Bewertungen blieben mit über 80.000 Reviews bei 92 Prozent positiv (Stand 2024). Zum Vergleich: Der ebenfalls aus China stammende Indie-Hit Chinese Parents erreichte etwa 600.000 Verkäufe in seinem ersten Jahr. The Scroll of Taiwu zeigte, dass ein komplexes, textlastiges Wuxia-Spiel auch international funktionieren kann.
Ein Spiel, das Zeit brauchte
The Scroll of Taiwu ist der Beweis: Geduld zahlt sich aus. Statt auf schnelle Veröffentlichungen zu setzen, haben die Entwickler ihr Werk über fast ein Jahrzehnt wachsen lassen.
Die ersten Spieler auf Steam berichten von einer Erfahrung, die man nicht so schnell vergisst. Ob das Spiel den hohen Erwartungen gerecht wird, zeigt sich in den kommenden Wochen, der Anfang ist gemacht.
Die Early-Access-Phase dauerte vier Jahre. In dieser Zeit veröffentlichte ConchShip Games über 30 größere Updates, baute das Dialogsystem aus, überarbeitete die KI und fügte eine Mod-Schnittstelle hinzu. Die Vollversion (1.0) erschien am 10. September 2022. Xu Jian erklärte in einem Post auf Steam, dass die Entwicklung länger dauerte als geplant, weil das Team jedes System von Grund auf selbst schrieb, ohne existierende Engine oder Middleware. Das Studio nutzt eine Eigenentwicklung auf Basis von Unity, aber sämtliche Spielmechaniken sind eigener Code. Die finale Version enthält über 1.000 einzigartige Fertigkeiten, 250 Kampfstile und eine dynamische Welt, die auf die Aktionen des Spielers reagiert.