Der Fehler, den Microsoft nicht sehen will
Der FPS-Kritiker und YouTuber Civvie 11 hat Microsofts Behandlung von id Software scharf angegriffen. In einem aktuellen Video bezeichnet er die Entlassung jener Entwickler als fatal, die für „das einflussreichste Spiel des Jahrzehnts“ verantwortlich waren, gemeint ist DOOM (2016).
Civvie 11, bekannt für seine akribischen Retro-Analysen, wirft dem Konzern vor, ausgerechnet die Köpfe vor die Tür gesetzt zu haben, die den Shooter-Genre nachhaltig geprägt haben. Das Studio id Software, einst das Rückgrat des Ego-Shooters, werde systematisch seiner Identität beraubt.
id Software: Eine kurze Geschichte
id Software wurde 1991 von vier Programmierern gegründet: John Carmack, John Romero, Adrian Carmack und Tom Hall. Ihre ersten Erfolge waren Commander Keen (1990) und Wolfenstein 3D (1992), das den Ego-Shooter als Genre etablierte. 1993 folgte DOOM, mit 10 Millionen verkauften Kopien das damals meistverbreitete Spiel der Welt. Quake (1996) brachte echtes 3D und Multiplayer-Netzwerkcodes. Die Motoren von id lizenzierten Dutzende Studios, darunter Valve für Half-Life.
2009 verkaufte das Team id an Zenimax Media für 105 Millionen Dollar. Unter Zenimax entstanden Rage (2011) und das Reboot DOOM (2016). 2021 übernahm Microsoft Zenimax inklusive id für 7,5 Milliarden Dollar. Seither sind viele Veteranen gegangen: Programmierer wie Brian Harris und Tiago Sousa oder Level-Designer wie Jason O'Connell.
Die Spur der Verwüstung
- Microsoft entließ im Rahmen mehrerer Sparrunden zahlreiche id-Software-Veteranen, darunter Schlüsselfiguren der DOOM- und Quake-Reihen.
- Laut Civvie 11 wiederholt sich damit ein altes Muster: Publisher opfern langfristige Kreativität für kurzfristige Bilanzen.
- Besonders bitter: DOOM (2016) gilt als Blaupause für den modernen Singleplayer-Shooter, ein Werk, das andere Studios bis heute nachzuahmen versuchen.
Der Historiker spricht von einer „systematischen Demontage“ des Studios. Statt auf die Erfahrung der Macher zu setzen, setze Microsoft auf Kostenoptimierung und verpasse damit die Chance, eine der wertvollsten Marken der Spielegeschichte zu bewahren.
Erfolg und Verlust: DOOM (2016)
DOOM (2016) entwickelte ein Team unter Marty Stratton (Executive Producer) und Hugo Martin (Creative Director). Das Spiel verkaufte sich in den ersten vier Monaten 2,5 Millionen Mal, erreichte einen Metacritic-Score von 85 und gewann den Game Critics Award für das beste Actionspiel. Es zeigte, dass ein Singleplayer-Shooter ohne Cover-System und mit hohem Tempo noch funktioniert, eine Abkehr von Call of Duty und Battlefield.
Die Kernentwickler hinter diesem Erfolg wurden teils entlassen. Unter den Entlassenen waren Programmierer, die bereits an DOOM 3 (2004), Quake Live und Rage 2 (2019) gearbeitet hatten. Microsoft bestätigte im Januar 2024 den Abbau von 1900 Stellen in der Gaming-Sparte, darunter 86 bei Zenimax. Exakte Zahlen für id nennt der Konzern nicht, aber mehrere LinkedIn-Profile belegen Abgänge.
Branchenweite Kurzsichtigkeit
Civvie 11 verurteilt nicht nur Microsoft, sondern die gesamte Industrie. Er sieht eine fatale Tendenz, gerade jene Entwickler zu entlassen, deren Arbeit den höchsten kulturellen und spielerischen Wert besitzt.
- id Software stand seit den 90ern für Innovation: DOOM, Quake, Rage, allesamt Meilensteine.
- Nach der Übernahme durch Microsoft 2021 schien eine goldene Ära zu beginnen. Stattdessen folgten Stellenstreichungen und Abgänge.
- Der Kritiker fragt: Wer soll in zehn Jahren noch die nächsten einflussreichen Spiele bauen, wenn die Talente vertrieben werden?
Vergleichbare Fälle in der Branche
Microsoft ist kein Einzelfall. Electronic Arts schloss 2017 Visceral Games, das Team hinter Dead Space, während der Entwicklung eines Star-Wars-Spiels. Activision entließ 2019 rund 800 Mitarbeiter, darunter viele Veteranen von Bungie und Infinity Ward. Ubisoft strich 2023 insgesamt 1700 Stellen und legte mehrere unangekündigte Projekte auf Eis.
In jedem Fall verloren Studios die Leute, die ihre bekanntesten Serien aufgebaut hatten. Bei id sind das Programmierer wie John Carmack (ging 2013 zu Oculus), sein Abgang schwächte die technische Basis. Microsofts aktuelle Streichungen treffen vor allem die zweite Generation, die Motoren und Spiele der 2010er-Jahre trug.
Kein Platz für Nostalgie
Civvie 11 bleibt sarkastisch: „Microsoft hat Leute gefeuert, die wussten, wie man ein DOOM macht. Jetzt müssen andere lernen, falls überhaupt jemand bleibt.“
Der Fall zeigt, wie schwer sich große Konzerne mit kreativen Traditionsstudios tun. DOOM (2016) rettete einst das Genre. Ob id Software diesen Geist ohne seine Urheber bewahren kann, ist fraglich. Die nächste Version des id Tech 7-Motors liegt in den Händen eines ausgedünnten Teams.