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Content Warning: Wenn der Tod zum viralen Hit wird
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Content Warning: Wenn der Tod zum viralen Hit wird

In diesem chaotischen Koop-Horror-Spiel riskieren wir Kopf und Kragen, nur um für ein paar Klicks auf „SpookTube“ berühmt zu werden. Ein satirischer Blick auf unsere Social-Media-Obsession.

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Tommes Parzl
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In einer Welt, in der jeder Zweite davon träumt, durch ein 15-sekündiges Video über Nacht zum Internet-Star zu werden, fühlt sich Content Warning nicht nur wie ein Spiel an, sondern wie ein Spiegelbild unserer Gesellschaft. Entwickelt von Landfall Games, wirft uns dieser Titel in eine düstere, schwarz-weiß gefilterte Unterwelt, in der das Ziel nicht das Überleben ist – sondern die beste Aufnahme.

Das Spielprinzip ist so simpel wie genial: Wir bilden ein Team aus bis zu vier Spielern, steigen in eine Taucherglocke und lassen uns in die „Alte Welt“ hinab. Dort unten lauern groteske Monster, tödliche Fallen und eine Atmosphäre, die eigentlich zum Weglaufen einlädt. Doch wir haben eine Kamera dabei. Jedes Mal, wenn ein Teammitglied von einem Tentakel-Monster in die Dunkelheit gezerrt wird, muss jemand danebenstehen und draufhalten. Denn nur, wenn wir den Horror auf Film bannen und später auf „SpookTube“ hochladen, bekommen wir die nötigen Werbeeinnahmen, um bessere Ausrüstung zu kaufen.

Was Content Warning von anderen Koop-Horror-Games wie Lethal Company abhebt, ist der Fokus auf die Inszenierung. Es reicht nicht, einfach nur zu überleben. Man muss den „Content“ liefern. Wenn mein Kumpel Kevin gerade von einer riesigen Spinne in Stücke gerissen wird, ist mein erster Instinkt nicht, ihm zu helfen, sondern den perfekten Winkel für die Kamera zu finden. Diese moralische Ambivalenz – oder besser gesagt: dieser absolute Schwachsinn – sorgt für Lacher, die man so in kaum einem anderen Spiel findet. Die Voice-Chat-Integration, die den Sound so klingen lässt, als käme er direkt aus dem Helm, verstärkt das Gefühl, in einem billigen Found-Footage-Horrorfilm gefangen zu sein.

Doch wo Licht ist, ist auch Schatten. Und bei Content Warning ist dieser Schatten oft ein technischer Bug. Das Spiel ist, gelinde gesagt, eine Baustelle. Während der Early-Access-Phase stolperte ich über zahlreiche Clipping-Fehler, bei denen Monster durch Wände glitten oder meine Kamera plötzlich im Boden feststeckte. In einem Spiel, in dem jede Sekunde zählt, um den „viralen Hit“ zu landen, ist das frustrierend. Wenn die Aufnahme abbricht, weil das Spiel abstürzt, ist der gesamte Run für die Katz.

Ein weiterer Kritikpunkt ist die Langzeitmotivation. Das Spielprinzip ist brillant, aber nach etwa fünf bis zehn Stunden hat man das Gefühl, alles gesehen zu haben. Die Monster-Variationen sind zwar herrlich schräg, wiederholen sich aber schnell. Auch die Upgrades für die Ausrüstung fühlen sich eher wie ein nettes Gimmick an, als wie eine echte Progression, die das Spielgefühl grundlegend verändert. Man wünscht sich mehr Tiefe, mehr komplexe Umgebungen und vielleicht ein paar mehr Möglichkeiten, den Content zu „editieren“ oder zu präsentieren.

Die Steuerung ist ein weiteres Thema, das für hitzige Diskussionen im Team sorgt. Sie ist bewusst etwas hakelig und „schwerfällig“ gestaltet, was in ruhigen Momenten zur Atmosphäre beiträgt, in Paniksituationen aber oft in den digitalen Tod führt. Manchmal fühlt es sich an, als würde man gegen die Steuerung kämpfen, statt gegen die Monster. Ob das nun ein bewusster Design-Kniff ist, um den Stress zu erhöhen, oder einfach nur unsauberes Polishing, bleibt offen – nervig ist es in beiden Fällen.

Dennoch: Content Warning schafft etwas, das viele AAA-Produktionen vermissen lassen. Es erzeugt echte, ungestellte Momente. Es gibt keine Skripte, keine vorgefertigten Zwischensequenzen. Wenn wir nach einem katastrophalen Run zurück an die Oberfläche kommen, die Kamera an den PC anschließen und uns das Video gemeinsam ansehen, ist das der eigentliche Kern des Spiels. Wir lachen über unsere eigene Dummheit, über die schlechten Kameraeinstellungen und darüber, wie wir uns gegenseitig für ein paar Klicks geopfert haben.

Fazit: Content Warning ist kein Spiel für Perfektionisten. Es ist ein Spiel für Leute, die mit Freunden lachen wollen, die Chaos lieben und die bereit sind, über technische Macken hinwegzusehen. Es ist eine satirische Perle, die den Wahnsinn der Content-Creator-Kultur perfekt einfängt. Wenn Landfall Games in den kommenden Monaten noch an der Stabilität schraubt und den Content-Pool erweitert, könnte aus diesem kleinen Indie-Hit ein echter Dauerbrenner werden. Aktuell ist es ein fantastischer Zeitvertreib für zwischendurch, der trotz seiner Ecken und Kanten mehr Persönlichkeit besitzt als so mancher Hochglanz-Blockbuster. Wer den Humor von Lethal Company mag, wird hier seine helle Freude haben – solange die Kamera läuft.

8.2
/10
GROSSARTIG

+ PRO

  • +Geniales Konzept, das den Zeitgeist perfekt einfängt
  • +Absurde, urkomische Momente durch Voice-Chat-Integration
  • +Hoher Wiederspielwert durch unvorhersehbare Physik-Engine

- CONTRA

  • -Technisch stellenweise sehr instabil und fehleranfällig
  • -Content-Umfang nach wenigen Stunden erschöpft
  • -Frustrierende Steuerung in hektischen Situationen

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