Wahnsinn in Sepia: Wenn Lovecraft auf den Retro-Shooter-Wahnsinn trifft
Forgive Me Father 2 setzt den blutigen Feldzug gegen den kosmischen Horror fort und verfeinert die Comic-Optik, kämpft aber mit dem Erbe seines Vorgängers.
Es gibt diese Spiele, bei denen man schon nach wenigen Minuten weiß, worauf man sich einlässt. Forgive Me Father 2 ist so ein Titel. Wer den Vorgänger gespielt hat, kennt die Formel: Man nehme eine ordentliche Portion H.P. Lovecraft, mische sie mit dem Spielgefühl eines DOOM der 90er Jahre und überziehe das Ganze mit einem markanten, handgezeichneten Comic-Filter. Doch reicht es 2024 aus, einfach nur „mehr vom Gleichen“ zu liefern?
Der Wahnsinn hat eine neue Textur
Schon beim ersten Start fällt auf: Die Entwickler von Byte Barrel haben an den richtigen Schrauben gedreht. Die Optik ist noch immer das Aushängeschild des Spiels. Die 2D-Sprites in 3D-Umgebungen wirken dank der verbesserten Beleuchtung und der dynamischen Schatten deutlich plastischer als noch im Erstling. Wenn man in einem dunklen Korridor steht und das Mündungsfeuer der Schrotflinte die grotesken Fratzen der Kultisten für einen Sekundenbruchteil in grelles Licht taucht, dann ist das atmosphärisches Storytelling pur – ganz ohne Zwischensequenzen.
Das Gunplay fühlt sich nun endlich „erwachsen“ an. Die Waffen haben spürbar mehr Wumms. Besonders der Revolver und die Schrotflinte vermitteln ein Gewicht, das im ersten Teil noch etwas vermisst wurde. Jedes Trefferfeedback ist ein kleines Fest für Fans von Retro-Shootern. Man spürt förmlich, wie die Projektile in die fleischigen Körper der Gegner einschlagen.
Wenn die Routine den Horror frisst
Wo Forgive Me Father 2 jedoch ins Straucheln gerät, ist das Leveldesign. Während die ersten Areale noch mit cleveren Abkürzungen und einer dichten, beklemmenden Architektur überzeugen, verliert das Spiel nach etwa drei Stunden an Fahrt. Die Level fühlen sich zunehmend wie „Arena-Schläuche“ an: Tür zu, Gegnerwelle, Tür auf, weiter.
Hier zeigt sich die Schwäche des Indie-Budgets. Die KI der Gegner ist leider nicht besonders helle. Oftmals stürmen die Kultisten und Tentakel-Monster stumpf auf den Spieler zu. Das funktioniert zwar in den ersten Leveln hervorragend, um das Chaos-Gefühl eines Blood oder Duke Nukem 3D einzufangen, nutzt sich aber auf Dauer ab. Wenn man zum zehnten Mal in einem Raum steht und darauf wartet, dass die nächste Welle aus den Spawnpunkten bricht, schleicht sich eine gewisse Monotonie ein. Man wünscht sich hier mehr vertikale Komplexität oder Rätsel, die den Spielfluss sinnvoll unterbrechen, statt ihn nur durch Gegnerhorden zu stoppen.
Wahnsinn als Spielmechanik
Ein interessantes Feature ist das Wahnsinnssystem. Je mehr man metzelt, desto mehr verliert der Protagonist den Verstand. Das verändert nicht nur die visuelle Darstellung der Welt – Farben werden greller, die Umgebung verzerrt sich –, sondern schaltet auch mächtige Fähigkeiten frei. Das ist ein zweischneidiges Schwert: Einerseits motiviert es dazu, aggressiv zu spielen, andererseits macht es den Spieler in kritischen Momenten fast unbesiegbar, was den ohnehin schon nicht allzu hohen Schwierigkeitsgrad weiter senkt. Wer eine echte Herausforderung sucht, sollte direkt auf der höchsten Stufe starten, sonst spaziert man durch die Lovecraft-Hölle wie durch einen Sonntagsspaziergang.
Fazit: Ein solider Trip in den Abgrund
Forgive Me Father 2 ist kein Meilenstein des Genres, aber ein verdammt unterhaltsamer Retro-Shooter. Es ist ein Spiel, das seine Identität gefunden hat und diese konsequent durchzieht. Die Entwickler haben die Kritikpunkte des ersten Teils – vor allem beim Waffen-Handling – ernst genommen und verbessert.
Wer auf der Suche nach einem Spiel ist, das man am Wochenende mit einem kühlen Getränk und ausgeschaltetem Gehirn genießen kann, um ein paar Dutzend Tentakel-Monster zu zerlegen, der ist hier genau richtig. Wer jedoch eine tiefgründige Story oder innovatives Leveldesign erwartet, könnte enttäuscht werden. Es ist ein ehrlicher, blutiger und atmosphärisch dichter Shooter, der genau weiß, was er sein will. Und manchmal ist das absolut ausreichend.
Für Fans des Genres ist es eine klare Empfehlung – auch wenn man vielleicht auf einen Sale warten sollte, um die etwas kurze Spielzeit im Verhältnis zum Preis zu rechtfertigen. Forgive Me Father 2 ist ein Trip, den man einmal gemacht haben sollte, auch wenn man danach vielleicht eine Pause vom Wahnsinn braucht.
+ PRO
- +Einzigartiger, handgezeichneter Comic-Stil, der auch 2024 noch absolut frisch wirkt.
- +Das neue Waffen-Feedback ist deutlich wuchtiger und befriedigender als im ersten Teil.
- +Die Atmosphäre ist durch das verbesserte Licht- und Schatten-System noch bedrückender.
- CONTRA
- -Das Leveldesign verfällt in der zweiten Spielhälfte in repetitive Muster.
- -Die KI der Gegner ist oft vorhersehbar und verlässt sich zu sehr auf schiere Masse.
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