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Wahnsinn im Mehrspieler-Modus: Warum The Outlast Trials mehr als nur ein Jump-Scare-Simulator ist
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Wahnsinn im Mehrspieler-Modus: Warum The Outlast Trials mehr als nur ein Jump-Scare-Simulator ist

Red Barrels verlässt mit The Outlast Trials die Pfade des reinen Singleplayer-Horrors und schickt uns in ein blutiges, kooperatives Experiment. Wir haben getestet, ob der psychologische Terror auch mit Freunden funktioniert.

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Tommes Parzl
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Wenn man an Outlast denkt, hat man sofort das Bild einer dunklen Nervenheilanstalt, eine wackelige Kamera mit Nachtsichtmodus und das panische Gefühl im Kopf, dass man absolut wehrlos ist. Mit The Outlast Trials hat Entwickler Red Barrels das bewährte Rezept in den Mixer geworfen und eine ordentliche Portion Koop-Chaos hinzugefügt. Das Ergebnis ist ein Spiel, das mich zwiegespalten zurücklässt – aber auf eine verdammt unterhaltsame Weise.

Das Setting ist gewohnt makaber: Wir befinden uns im Kalten Krieg, in einer Einrichtung der Murkoff Corporation. Wir sind keine Journalisten mehr, sondern „Testobjekte“, die in einer Art sadistischem Escape-Room-Szenario ums Überleben kämpfen müssen. Das Spielprinzip ist simpel: Erfülle Aufgaben (wie das Zerstören von Beweisen oder das Manipulieren von Stromkreisen), entkomme dem Areal und überlebe dabei die grotesken „Ex-Menschen“, die dich jagen.

Was The Outlast Trials sofort richtig macht, ist die Atmosphäre. Das Sounddesign ist schlichtweg meisterhaft. Wenn man in einem dunklen Korridor nur das Schlurfen eines Gegners hört, während das eigene Herz durch das haptische Feedback des Controllers fast aus der Brust springt, dann weiß man: Red Barrels hat es nicht verlernt. Die visuelle Gestaltung der Gegner – von der elektrisierten „Mother Gooseberry“ bis hin zu den schleichenden Schatten – ist verstörend und bleibt im Gedächtnis.

Der größte Umschwung ist natürlich der Koop-Fokus. Während man Outlast früher allein genoss, ist Trials für bis zu vier Spieler ausgelegt. Und hier liegt der erste kritische Punkt: Horror verliert oft an Wirkung, wenn man mit Freunden im Discord sitzt und über den letzten Fehltritt lacht. Doch The Outlast Trials schafft es erstaunlich gut, diesen Effekt zu kompensieren. Wenn man sich in einem Schrank verstecken muss, während der Kumpel direkt vor der Tür entdeckt wird und schreiend wegläuft, entsteht eine ganz eigene, fast schon komische Form von Panik.

Das neue „Rig“-System, bei dem man sich zwischen aktiven Fähigkeiten wie Blendgranaten, Heilung oder Röntgenblick entscheiden kann, bringt eine taktische Komponente ins Spiel, die ich so nicht erwartet hätte. Es ist kein reiner „Lauf weg“-Simulator mehr; man kann sich nun wehren, wenn auch nur kurzzeitig.

Doch wo Licht ist, ist auch Schatten. Die KI der Gegner ist ein zweischneidiges Schwert. In einem Moment wirken sie wie unaufhaltsame Jäger, die einen durch halbe Level verfolgen, im nächsten Moment bleiben sie an einer Tür hängen oder laufen stumpf gegen eine Wand, während man direkt daneben steht. Das bricht die Immersion massiv. Wenn der „große, böse Schlächter“ plötzlich seine Intelligenz verliert, verfliegt der Horror schneller, als man „Murkoff“ sagen kann.

Auch der Grind ist ein Thema, das man ansprechen muss. Das Spiel basiert auf einem Fortschrittssystem, bei dem man immer wieder dieselben Missionen spielt, um Währung für Upgrades oder kosmetische Items zu sammeln. Nach etwa 15 Stunden stellt sich eine gewisse Routine ein. Die „Trials“ fühlen sich dann nicht mehr wie ein psychologischer Albtraum an, sondern wie eine Abarbeitung von Checklisten. Hier hätte ich mir mehr dynamische Elemente gewünscht, die den Spielverlauf unvorhersehbarer machen.

Trotz dieser Schwächen ist The Outlast Trials ein beeindruckendes Indie-Projekt. Es ist mutig, eine etablierte Horror-Marke in Richtung „Live-Service-Lite“ zu schieben, ohne dabei den Kern der Serie komplett zu verraten. Es ist kein perfektes Spiel – die KI-Aussetzer und die repetitive Struktur verhindern eine höhere Wertung –, aber es ist eines der intensivsten Koop-Erlebnisse, die ich in den letzten Jahren spielen durfte.

Wer den Nervenkitzel sucht und bereit ist, über die eine oder andere technische Macke hinwegzusehen, wird hier bestens bedient. Es ist ein Spiel, das man am besten spät nachts mit Freunden spielt, wenn man bereit ist, sich gegenseitig für den schnellen Erfolg an die Monster zu verraten. Denn am Ende des Tages ist das, was The Outlast Trials wirklich ausmacht, nicht der Horror vor den Monstern, sondern das Misstrauen gegenüber den eigenen Mitspielern. Und genau das ist die Essenz von Red Barrels’ sadistischem Design.

8.2
/10
GROSSARTIG

+ PRO

  • +Exzellentes Sounddesign, das für ständige Paranoia sorgt.
  • +Kreative und abwechslungsreiche Level-Designs mit hohem Wiederspielwert.
  • +Das neue „Rig“-System bietet taktische Tiefe im Koop-Modus.

- CONTRA

  • -Die KI der Gegner schwankt zwischen genial und frustrierend dumm.
  • -Langzeitmotivation leidet unter dem repetitiven Grind der Missionen.

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