Zwischen Kannibalen-Horror und Bau-Simulator: Ein Trip in den Wald, der Narben hinterlässt
Sons of the Forest ist der ambitionierte Nachfolger eines Survival-Meilensteins. Doch während die Technik glänzt, bleibt die spielerische Tiefe in der Wildnis manchmal auf der Strecke.
Wenn man nach dem Absturz des Hubschraubers in Sons of the Forest zum ersten Mal den Blick über die schneebedeckten Gipfel und die dichten, im Wind wiegenden Baumwipfel schweifen lässt, vergisst man schnell, dass man hier eigentlich nur überleben will. Endnight Games hat mit dem Nachfolger zu The Forest ein technisches Brett abgeliefert, das viele AAA-Produktionen alt aussehen lässt. Doch nach über 50 Stunden im Wald stellt sich die Frage: Ist es mehr als nur eine hübsche Kulisse für Kannibalen-Gemetzel?
Die Welt, die lebt (und dich fressen will)
Das Herzstück von Sons of the Forest ist zweifellos die Insel selbst. Sie ist nicht nur eine Ansammlung von Assets, sondern ein Ökosystem. Die KI der Gegner ist das Highlight des Spiels: Kannibalen beobachten dich aus der Ferne, sie testen deine Verteidigung, sie trauern um ihre gefallenen Kameraden. Es gibt Momente, in denen man sich nicht wie der Jäger, sondern wie ein Eindringling fühlt. Das ist Survival-Horror in seiner reinsten Form.
Besonders hervorzuheben ist Kelvin. Der taube Soldat, der dich von Anfang an begleitet, ist ein Geniestreich. Er ist kein bloßer NPC, der im Weg steht; er ist ein Werkzeug, ein Helfer und – seien wir ehrlich – ein Freund, den man nicht verlieren möchte. Wenn er Holz für deine Hütte hackt, während du versuchst, die Umgebung zu sichern, entsteht eine Bindung, die in diesem Genre ihresgleichen sucht.
Bauen, bis der Arzt kommt
Das neue Bausystem ist ein Segen. Wer in anderen Survival-Spielen nur auf „Platzieren“ drückt, wird hier staunen. Jeder Baumstamm wird physisch bewegt, gespalten und platziert. Es ist fummelig, ja, aber es fühlt sich „echt“ an. Wenn man nach Stunden harter Arbeit seine erste befestigte Basis fertiggestellt hat, ist der Stolz greifbar. Die Integration von Fallen und Verteidigungsanlagen ist so intuitiv, dass man sich fast schon auf die nächste Angriffswelle der Mutanten freut.
Wo das Spiel den Faden verliert
Doch wo Licht ist, ist auch Schatten. Und hier muss ich als Journalist kritisch werden: Die Story. Sons of the Forest wirft den Spieler in ein Mysterium, das sich im Laufe der Zeit in eine Mischung aus Sci-Fi-Horror und technologischem Wirrwarr verwandelt. Das Problem? Es wird kaum erzählt. Wer keine Lust hat, jedes Dokument zu lesen oder sich durch kryptische Höhlensysteme zu kämpfen, wird das Ende erreichen und sich fragen: „Was zur Hölle habe ich da gerade getan?“
Das Endgame ist zudem der größte Schwachpunkt. Während die erste Hälfte des Spiels ein langsamer, beklemmender Überlebenskampf ist, mutiert das letzte Drittel zu einer linearen Baller-Orgie in sterilen Bunkern. Das nimmt dem Spiel genau die Stärke, die es am Anfang so besonders gemacht hat: die Freiheit und die Angst vor dem Unbekannten. Die Höhlen sind zwar visuell beeindruckend, fühlen sich aber nach dem zehnten Mal repetitiv an. Man rennt durch Gänge, sammelt Schlüsselkarten und hofft, dass man nicht in einem der engen Tunnel von einer Gruppe Mutanten in die Enge getrieben wird.
Fazit: Ein ungeschliffener Diamant
Sons of the Forest ist kein perfektes Spiel. Es ist ein Spiel der Extreme. Es bietet die wohl beste Survival-Atmosphäre, die man derzeit für Geld kaufen kann, scheitert aber daran, eine kohärente Geschichte zu erzählen oder das Pacing bis zum Ende hochzuhalten.
Für Fans des ersten Teils ist es ein Pflichtkauf. Wer jedoch eine tiefgründige Story erwartet, wird enttäuscht sein. Das Spiel glänzt dann, wenn man es als das betrachtet, was es ist: Ein Sandbox-Abenteuer, in dem man mit Freunden (oder Kelvin) baut, überlebt und ab und zu mal einen Kannibalen mit einer Axt begrüßt. Es ist ein Spiel, das man nicht wegen der Story spielt, sondern wegen der Geschichten, die man während des Spielens selbst schreibt. Und genau das macht es – trotz seiner Ecken und Kanten – zu einem der wichtigsten Indie-Titel des Jahres 2024.
Wer den Wald betritt, sollte sich nicht auf die Story verlassen, sondern auf seine Axt. Denn die ist das Einzige, was auf dieser Insel wirklich zählt.
+ PRO
- +Atemberaubende Grafik und eine der atmosphärischsten Spielwelten der letzten Jahre
- +Das neue Bausystem ist intuitiv, haptisch und macht süchtig
- +Kelvin und Virginia bringen als KI-Begleiter eine völlig neue Dynamik ins Genre
- CONTRA
- -Die Story bleibt kryptisch bis hin zur Bedeutungslosigkeit
- -Das Endgame fühlt sich im Vergleich zum starken Start gehetzt und leer an
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