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Zwischen Nebel und Neuanfang: Warum Enshrouded das Genre neu definiert, aber noch im Dunst feststeckt
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Zwischen Nebel und Neuanfang: Warum Enshrouded das Genre neu definiert, aber noch im Dunst feststeckt

Enshrouded mischt Survival-Mechaniken mit einem ausgeklügelten Voxel-Bausystem und einem Hauch von Action-RPG. Ein ambitionierter Genremix, der trotz technischer Stolpersteine eine gefährlich süchtig machende Welt erschafft.

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Tommes Parzl
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Wenn man das erste Mal in die Welt von Embervale tritt, fühlt es sich vertraut an. Wir haben das alles schon einmal gesehen: Ein verfallenes Königreich, eine mysteriöse, tödliche Plage – hier „der Nebel“ genannt – und ein namenloser Held, der die Welt retten soll. Doch während viele Survival-Titel in der generischen Belanglosigkeit versinken, schafft es das deutsche Entwicklerstudio Keen Games, mit Enshrouded eine eigene Identität zu finden, die weit über das bloße „Holz hacken und Stein klopfen“ hinausgeht.

Bauen, wie man will

Das Herzstück von Enshrouded ist zweifellos das Voxel-Bausystem. Wer sich an Minecraft oder Valheim erinnert fühlt, wird hier eines Besseren belehrt. Die Freiheit, die man beim Bauen genießt, ist schlichtweg beeindruckend. Man kann nicht nur vorgefertigte Module platzieren, sondern das Gelände und die Architektur bis auf den letzten Block bearbeiten. Ich habe Stunden damit verbracht, eine Festung in eine Klippe zu graben, statt sie nur darauf zu setzen. Es ist ein Paradies für Architekten, das den Survival-Aspekt um eine kreative Ebene erweitert, die man in dieser Qualität selten findet.

Der Nebel als taktisches Element

Die namensgebende „Shroud“ ist nicht nur ein optischer Filter, sondern ein zentrales Gameplay-Element. Sie ist ein tödlicher Nebel, der das Land verschlingt. Das Spiel setzt hier ein Zeitlimit: Wer zu lange im Nebel bleibt, stirbt. Das klingt auf dem Papier frustrierend, entpuppt sich aber als genialer Motivator. Jede Expedition in die tieferen, nebligen Zonen fühlt sich wie ein kleiner Raubzug an. Man plant seine Route, sucht nach sicheren Pfaden und hofft, rechtzeitig den Ausgang zu finden. Dieses Risiko-Belohnungs-Prinzip verleiht dem Spiel eine Dringlichkeit, die anderen Survival-Titeln oft fehlt.

Wo das Licht ist, ist auch Schatten

Doch wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten – und damit meine ich nicht nur den Nebel. Enshrouded ist ein Early-Access-Titel, und das merkt man an einigen Ecken und Enden. Während die Grafik mit ihrem stimmungsvollen Artstyle überzeugt, leidet die Performance unter Last. In dicht bewaldeten Gebieten oder bei aufwendigen Bauprojekten sacken die Frameraten spürbar ab. Auch das Kampfsystem, das sich sichtlich an modernen Action-RPGs orientiert, wirkt noch etwas hölzern. Die Hitboxen sind nicht immer präzise, und das Ausweichmanöver fühlt sich manchmal eher wie ein rutschiges Gleiten an als wie eine taktische Kampfhandlung.

Ein weiterer Kritikpunkt ist die Spielwelt. Embervale ist zwar wunderschön gestaltet, aber abseits der markierten Orte und der Dungeons fehlt es oft an organischem Leben. Man wandert durch weite Täler, in denen man sich wünscht, auf mehr zufällige Ereignisse oder eine lebendigere Fauna zu stoßen. Die Welt fühlt sich ein wenig wie eine Kulisse an – hübsch anzusehen, aber manchmal etwas statisch.

Ein Fortschrittssystem, das süchtig macht

Was mich jedoch immer wieder zurückkehrt, ist der Skill-Baum. Er ist riesig und erlaubt es, den eigenen Charakter sehr spezifisch anzupassen – vom flinken Waldläufer bis zum mächtigen Kampfmagier. Die Kombination aus RPG-Progression und dem Sammeln von Ressourcen, um die eigenen NPCs freizuschalten, die wiederum neue Rezepte liefern, erzeugt diesen klassischen „Nur noch eine Quest“-Loop. Man fühlt sich nie wirklich festgefahren, da man immer ein Ziel vor Augen hat: Die nächste Stufe des Altars, das nächste Upgrade für die Ausrüstung.

Fazit

Enshrouded ist kein perfektes Spiel. Es hat technische Macken, ein noch nicht ganz ausgereiftes Kampfsystem und eine Welt, die noch etwas mehr „Seele“ vertragen könnte. Aber: Es ist eines der ambitioniertesten Survival-Adventures der letzten Jahre. Die Entwickler haben ein Fundament gelegt, das durch das Voxel-System und das packende Nebel-Konzept aus der Masse heraussticht.

Wer bereit ist, über die ein oder andere Kinderkrankheit hinwegzusehen, findet hier ein Spiel, das einen für hunderte Stunden in seinen Bann ziehen kann. Es ist ein Rohdiamant, der zwar noch geschliffen werden muss, aber schon jetzt heller leuchtet als die meisten fertigen AAA-Produktionen in diesem Genre. Für Fans von Valheim oder Zelda: Breath of the Wild ist Enshrouded ein absoluter Pflichtkauf – vorausgesetzt, man hat eine gewisse Frusttoleranz für Early-Access-Wehwehchen. Ich für meinen Teil werde heute Abend weiter an meiner Klippen-Festung arbeiten. Der Nebel wartet schließlich nicht.

8.2
/10
GROSSARTIG

+ PRO

  • +Einzigartiges Voxel-Bausystem, das maximale kreative Freiheit bietet.
  • +Das „Shroud“-Konzept sorgt für spannende, zeitlich begrenzte Expeditionen.
  • +Ein motivierendes Fortschrittssystem durch den Skill-Baum und die NPC-Quests.

- CONTRA

  • -Die Spielwelt wirkt in den Außenbezirken teils noch etwas leblos und generisch.
  • -Performance-Einbrüche und Clipping-Fehler trüben das Erlebnis in dichten Gebieten.
  • -Das Kampfsystem fühlt sich im Vergleich zu Souls-likes noch etwas hölzern an.

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