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Zwischen Outback-Charme und technischem Känguru-Sprung: Broken Roads im Test
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Zwischen Outback-Charme und technischem Känguru-Sprung: Broken Roads im Test

Ein ambitioniertes postapokalyptisches RPG, das mit einem einzigartigen Moralsystem lockt, aber an seiner eigenen technischen Unzulänglichkeit und einem holprigen Pacing fast zerbricht.

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Tommes Parzl
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Wenn man an postapokalyptische Rollenspiele denkt, wandern die Gedanken meist sofort in die verstrahlten Einöden der USA – zu Fallout oder Wasteland. Das australische Studio Drop Bear Bytes wollte mit Broken Roads genau hier ansetzen, aber den Fokus auf den fünften Kontinent legen. Das Ergebnis ist ein Spiel, das mich beim Spielen zerrissen hat: Einerseits liebe ich die Vision und den Mut, abseits ausgetretener Pfade zu wandeln, andererseits habe ich selten ein RPG gespielt, das sich so sehr gegen seinen eigenen Spieler wehrt.

Ein moralischer Kompass mit Ecken und Kanten

Das Herzstück von Broken Roads ist zweifellos das Moralsystem. Anstatt der klassischen Gut-Böse-Skala oder eines simplen Karma-Systems nutzt das Spiel ein komplexes Koordinatensystem, das auf philosophischen Strömungen wie Utilitarismus, Machiavellismus oder Nihilismus basiert. Das ist brillant. In einer Quest, in der es um die Verteilung knapper Ressourcen geht, entscheidet nicht nur meine Antwort, sondern meine gesamte bisherige Weltanschauung, welche Optionen mir überhaupt offenstehen. Das sorgt für einen enormen Wiederspielwert und macht die Entscheidungen deutlich gewichtiger als in vielen anderen Genre-Vertretern.

Auch die Welt an sich ist ein Highlight. Das australische Outback ist als Schauplatz für eine Apokalypse erfrischend. Die Hitze, die Isolation und die spezifische Kultur, die Drop Bear Bytes hier eingefangen hat, fühlen sich authentisch an. Man spürt, dass die Entwickler ihre Heimat lieben. Die Dialoge sind exzellent geschrieben, oft trocken, manchmal zynisch und immer passend zur rauen Umgebung. Wer gerne liest und in eine Welt eintaucht, wird hier viele Stunden Freude haben.

Wenn die Technik den Spielspaß ausbremst

Doch hier endet das Lob leider abrupt, denn Broken Roads leidet unter massiven Kinderkrankheiten. Zum Zeitpunkt meines Tests war das Spiel von Bugs geplagt, die über bloße Schönheitsfehler hinausgingen. Quest-Marker verschwanden, Dialoge hingen in Endlosschleifen fest und die Performance – besonders in den Städten – brach auf meinem System regelmäßig ein. In einem Genre, das von Immersion lebt, ist es tödlich, wenn man alle 30 Minuten das Spiel neu starten muss, weil ein Skript nicht triggert.

Auch das Kampfsystem ist ein wunder Punkt. Als rundenbasiertes Taktik-RPG tritt Broken Roads in die Fußstapfen von Giganten. Doch während Spiele wie Baldur’s Gate 3 oder Wasteland 3 ein flüssiges, taktisches Gefühl vermitteln, wirkt das Geschehen hier hölzern. Die Animationen sind steif, die Treffer-Feedback-Effekte kaum spürbar und die KI der Gegner agiert oft so erratisch, dass man sich fragt, ob sie den Kampf überhaupt gewinnen will oder nur auf den nächsten Bug wartet. Die Kämpfe fühlen sich oft wie eine lästige Pflichtaufgabe an, die man hinter sich bringen muss, um endlich wieder in die spannenden Dialoge einzutauchen.

Pacing-Probleme im Niemandsland

Ein weiteres Problem ist das Pacing. Broken Roads nimmt sich viel Zeit für den Aufbau, was anfangs charmant ist, aber nach zehn Stunden fast in Langeweile umschlägt. Die Laufwege sind lang, die Reise-Mechaniken zwischen den Orten fühlen sich oft wie ein künstlicher Zeitstrecker an. Man verbringt viel Zeit damit, durch leere Areale zu wandern, nur um dann in eine Quest zu stolpern, die nach zwei Minuten wieder vorbei ist. Es fehlt der rote Faden, der den Spieler bei der Stange hält, wenn die Welt gerade mal nicht durch ihre Atmosphäre glänzt.

Fazit: Ein Rohdiamant im Wüstensand

Broken Roads ist ein Spiel für Puristen. Wer über technische Mängel hinwegsehen kann und ein RPG sucht, das ihn intellektuell fordert und moralisch in die Enge treibt, wird hier trotz aller Widerstände eine wertvolle Erfahrung machen. Die philosophische Tiefe und das Setting sind einzigartig und heben das Spiel aus der Masse hervor.

Doch für den “normalen” Spieler, der ein poliertes, flüssiges Erlebnis erwartet, ist Broken Roads derzeit nur schwer zu empfehlen. Es ist ein ambitioniertes Projekt eines kleinen Teams, dem man die Leidenschaft an jeder Ecke anmerkt – aber leider auch die fehlende Manpower für das notwendige Feintuning. Wenn Drop Bear Bytes in den kommenden Monaten mit Patches nachlegt und die gröbsten technischen Schnitzer ausbügelt, könnte aus diesem Rohdiamanten ein echter Geheimtipp werden. Aktuell bleibt es jedoch ein frustrierendes, wenn auch faszinierendes Abenteuer im australischen Nirgendwo. Wer warten kann, sollte es tun – das Spiel wird es euch mit einer stabileren Erfahrung danken.

6.5
/10
OKAY

+ PRO

  • +Tiefgründiges, philosophisch angehauchtes Moralsystem („Moral Compass“)
  • +Authentisches, unverbrauchtes Setting im australischen Outback
  • +Starke, handgeschriebene Dialoge und interessante Fraktionen

- CONTRA

  • -Zahlreiche Bugs und Performance-Einbrüche zum Release
  • -Zähes Pacing und teils frustrierendes Quest-Design
  • -Kampfsystem wirkt im Vergleich zu Genre-Größen wie Pillars of Eternity hölzern

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