Der ewige Wandel: Warum Civilization VII das Genre neu erfindet, aber seine Seele sucht
Sid Meier’s Civilization VII bricht radikal mit alten Traditionen und führt ein neues Zeitalter-System ein. Ein mutiger Schritt, der spielerisch überzeugt, aber beim historischen Gefühl zu spalten weiß.
Es ist ein gewagtes Unterfangen, ein Monument der Spielegeschichte wie Civilization grundlegend zu verändern. Seit Jahrzehnten folgen wir dem immer gleichen Pfad: Wir gründen eine Stadt, erforschen das Rad, bauen ein Weltwunder und führen unsere Nation von der Steinzeit bis in die Sterne. Mit Civilization VII hat Firaxis diesen Pfad nun mit einer Abrissbirne bearbeitet. Das Ergebnis ist ein Spiel, das sich mutig, frisch und manchmal schmerzhaft anders anfühlt.
Die größte Neuerung, die sofort ins Auge sticht, ist das Zeitalter-System. Statt einer einzigen, durchgehenden Reise wählt man nun zu Beginn jedes neuen Zeitalters eine neue Zivilisation aus. Wer als Ägypter startet, kann in der Antike zu den Songhai wechseln und später vielleicht als technologische Supermacht in die Moderne starten. Auf dem Papier klingt das nach einem genialen Balancing-Tool, das den berüchtigten „Snowball-Effekt“ der Vorgänger aushebelt. In der Praxis ist das Gefühl jedoch zwiespältig. Wenn ich nach 100 Runden plötzlich meine kulturelle Identität ablegen muss, um eine neue Zivilisation zu wählen, fühlt sich das weniger wie ein organisches Wachstum an, sondern eher wie ein Neustart in einem neuen Spiel. Für Puristen, die ihre Nation von Anfang bis Ende begleiten wollen, ist das ein harter Bruch mit der Tradition.
Dennoch muss man Firaxis zugutehalten, dass dieses System das Spieltempo massiv verbessert hat. Civilization VII fühlt sich weniger wie eine zähe Simulation und mehr wie ein taktisches Brettspiel an. Die Entscheidungen, die man trifft, haben unmittelbare Auswirkungen auf das kommende Zeitalter. Man spielt nicht mehr gegen die Zeit, sondern arbeitet auf den nächsten großen Umbruch hin. Das nimmt den Leerlauf aus der Mitte des Spiels, in der man bei Civ VI oft nur noch auf „Runde beenden“ klickte, während die Forschungspunkte im Hintergrund hochzählten.
Grafisch ist der Titel ein absoluter Leckerbissen. Die Städte wirken nun lebendiger, die Umgebung reagiert dynamischer auf die Bebauung, und die Animationen der Anführer – die nun unabhängig von der Zivilisation gewählt werden können – sind auf einem neuen Niveau. Dass man nun etwa als Hatschepsut eine technokratische Zivilisation führen kann, öffnet Türen für kuriose „Was-wäre-wenn“-Szenarien, die den Wiederspielwert enorm steigern.
Wo das Spiel jedoch schwächelt, ist die KI und die Benutzeroberfläche. Trotz der Versprechen einer „intelligenteren“ KI agieren die Computergegner in diplomatischen Belangen oft sprunghaft. Man schließt ein Bündnis, nur um zwei Runden später wegen einer trivialen Grenzstreitigkeit den Krieg erklärt zu bekommen, ohne dass die KI einen strategischen Vorteil daraus ziehen könnte. Zudem ist das UI an vielen Stellen überladen. Während man in den Menüs für die Stadtverwaltung wühlt, verliert man oft den Überblick über die globalen Auswirkungen. Hier hätte etwas mehr Reduktion dem Spielfluss gutgetan.
Ein weiterer Kritikpunkt ist die „Seele“ des Spiels. Durch den ständigen Wechsel der Zivilisationen geht das Gefühl der Verbundenheit verloren. In Civilization IV oder V war man stolz darauf, seine Nation durch die Jahrhunderte zu führen. In Civ VII bin ich eher ein „Manager der Geschichte“, der ständig das Personal austauscht. Das ist effizient, das ist spielerisch brillant, aber es ist weniger emotional.
Ist Civilization VII also ein schlechtes Spiel? Mitnichten. Es ist ein exzellentes Strategiespiel, das den Mut hat, sich von den Fesseln der Vergangenheit zu lösen. Es ist ein Spiel für Strategen, die Mechaniken und Synergien lieben, statt für Geschichtsliebhaber, die eine epische Saga erleben wollen. Wer sich auf das neue System einlässt, wird mit einem der taktisch tiefgründigsten Titel belohnt, die Firaxis je veröffentlicht hat. Wer jedoch das klassische „Nur noch eine Runde“-Gefühl der alten Schule sucht, wird sich erst einmal an den neuen Rhythmus gewöhnen müssen.
Am Ende bleibt Civilization VII ein Meilenstein, der zeigt, dass selbst die größten Klassiker sich neu erfinden müssen, um relevant zu bleiben. Es ist nicht perfekt, es ist manchmal frustrierend, aber es ist zweifellos das mutigste Civilization seit langer Zeit. Ein Pflichtkauf für Strategie-Fans, aber mit einer kleinen Warnung für Nostalgiker: Die Geschichte, die ihr hier schreibt, ist nicht mehr eure eigene – sie gehört dem Zeitalter.
+ PRO
- +Das neue Zeitalter-System sorgt für ein deutlich höheres Spieltempo.
- +Die Trennung von Anführer und Zivilisation erlaubt kreative, historisch skurrile Kombinationen.
- +Visuell beeindruckende Städte, die sich organisch in die Landschaft einfügen.
- CONTRA
- -Der Verlust der Identität über die gesamte Spieldauer hinweg fühlt sich für Veteranen befremdlich an.
- -Das Interface wirkt in manchen Menüs überladen und weniger intuitiv als beim Vorgänger.
- -Die KI zeigt in diplomatischen Verhandlungen weiterhin Schwächen bei der langfristigen Planung.
FAZIT
Ein mutig neu gedachtes 4X-Erlebnis mit frischem Zeitalter-System, das spielerisch überzeugt, Puristen aber durch den Identitätsverlust über die Spieldauer vor den Kopf stößt.
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