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Ein nostalgischer Trip in die 90er – Mit ein paar modernen Schlaglöchern
Reviews

Ein nostalgischer Trip in die 90er – Mit ein paar modernen Schlaglöchern

Tempest Rising will das Erbe von Command & Conquer antreten und liefert klassische Echtzeit-Strategie, die sich zwischen Hommage und verpasster Chance bewegt.

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FatimaEzzahra Zouhoum
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SPIEL Tempest Rising
ENTWICKLER Slipgate Ironworks
PUBLISHER 3D Realms / Knights Peak
RELEASE 24. April 2025
PLATTFORMEN: PC

Wenn man die Augen schließt und das Geräusch von ratternden Kettenfahrzeugen und das ikonische „Einheit bereit“ hört, fühlt man sich sofort zurückversetzt in das Jahr 1995. Tempest Rising ist ein Spiel, das seine Inspiration nicht nur auf der Zunge trägt, sondern sie wie ein stolzes Banner vor sich herträgt. Entwickelt als Liebeserklärung an die goldene Ära der Echtzeit-Strategie (RTS), stellt sich die Frage: Brauchen wir 2025 noch ein Spiel, das sich so starr an die Regeln von vor 30 Jahren hält?

Das Gefühl von damals, die Technik von heute

Die Prämisse von Tempest Rising ist simpel: Zwei Supermächte und eine mysteriöse dritte Fraktion kämpfen um die Kontrolle über die namensgebende Ressource „Tempest“. Das Spielprinzip ist klassisch – Basisbau, Ressourcenmanagement und das Überrennen des Gegners mit einer massiven Armee. Wer Command & Conquer oder StarCraft geliebt hat, wird sich hier in Sekunden heimisch fühlen.

Die Grafik ist dabei eine gelungene Mischung. Die Einheitenmodelle sind detailliert, die Explosionen wirken wuchtig und die Umgebungen erzählen durch ihre Zerstörbarkeit eine eigene Geschichte. Besonders die Zwischensequenzen, die mit viel Liebe zum Detail produziert wurden, fangen diesen speziellen B-Movie-Charme ein, den wir alle so vermisst haben.

Wenn die KI den Dienst quittiert

Doch wo viel Licht ist, fällt auch Schatten. Das größte Manko von Tempest Rising ist die Wegfindungs-KI. In einer Zeit, in der wir komplexe Pfadalgorithmen gewohnt sind, wirkt es fast schon anachronistisch, wenn sich die eigenen Panzer an einer Ecke eines Gebäudes festbeißen oder in einer Engstelle wie betrunkene Touristen gegenseitig blockieren. In hitzigen Gefechten, in denen jede Sekunde zählt, kann ein solcher Bug über Sieg oder Niederlage entscheiden – und das sorgt für echten Frust.

Auch das Balancing der Kampagne ist nicht immer glücklich gewählt. Während die ersten Missionen eine angenehme Lernkurve bieten, ziehen einige Einsätze in der Mitte des Spiels den Schwierigkeitsgrad so massiv an, dass man sich gezwungen sieht, „Cheese-Taktiken“ anzuwenden, anstatt strategisch kreativ zu agieren. Wenn die KI plötzlich mit einer unendlich scheinenden Ressourcenzufuhr ganze Armeen aus dem Nichts spawnt, fühlt sich das weniger nach taktischer Herausforderung und mehr nach unfairem Spieldesign an.

Die Fraktionen: Ein Lichtblick

Was Tempest Rising jedoch vor dem Mittelmaß rettet, ist das Design der drei Fraktionen. Jede Seite spielt sich spürbar anders. Während die GDF auf konventionelle, robuste Militärtechnik setzt, wirken die Tempest-Dynastie-Einheiten fast schon wie aus einem Albtraum entsprungen – hochgradig mobil, aber fragil. Die dritte Fraktion bringt dann noch einmal eine völlig neue Dynamik ins Spiel, die ich hier nicht spoilern möchte, die aber für frischen Wind sorgt, wenn man die ersten beiden Kampagnen abgeschlossen hat.

Das Ressourcenmanagement ist angenehm entschlackt. Es gibt keine komplizierten Produktionsketten, sondern den Fokus auf das Wesentliche: Sammeln, Bauen, Zerstören. Das ist erfrischend direkt und erinnert uns daran, warum wir das Genre ursprünglich so geliebt haben. Es ist ein „Pick-up-and-play“-Erlebnis, das man heute in der komplexen Welt der Grand-Strategy-Titel oft vermisst.

Fazit: Ein Pflichtkauf für Nostalgiker?

Tempest Rising ist kein perfektes Spiel. Es ist ein Spiel, das seine Ecken und Kanten stolz präsentiert. Wer eine Revolution des RTS-Genres erwartet, wird enttäuscht werden. Wer aber Lust auf eine moderne Interpretation der klassischen „Basisbau-und-Panzer-Schlacht“-Formel hat, kommt voll auf seine Kosten.

Es ist ein ehrliches Spiel. Es versucht nicht, ein E-Sport-Gigant zu sein oder das Rad neu zu erfinden. Es will einfach nur Spaß machen – und das gelingt ihm in den meisten Momenten auch. Die technischen Schwächen bei der Wegfindung und das teils unfaire Balancing verhindern eine höhere Wertung, aber für Fans des Genres ist Tempest Rising ein willkommener Gast in einer Zeit, in der Echtzeit-Strategie leider viel zu selten geworden ist.

Wer über die kleinen Macken hinwegsehen kann und den Geist der 90er im modernen Gewand sucht, sollte zugreifen. Für alle anderen ist es immer noch ein grundsolider Strategie-Snack für zwischendurch. Wir bei EndeNews.de hoffen, dass die Entwickler mit kommenden Patches noch an der KI-Schraube drehen – dann könnte aus dem „guten“ Spiel ein echter Klassiker werden.

7.2
/10
GUT

+ PRO

  • +Authentisches, knackiges Gameplay im Stile der 90er-Jahre-Klassiker
  • +Wuchtige Soundkulisse und atmosphärische Zwischensequenzen
  • +Drei grundverschiedene Fraktionen mit hohem Wiederspielwert

- CONTRA

  • -KI-Aussetzer bei der Wegfindung in engen Kartenabschnitten
  • -Teilweise frustrierende Schwierigkeitsspitzen in der Kampagne

FAZIT

Eine liebevoll gestaltete RTS-Hommage an die 90er-Klassiker mit drei starken Fraktionen, die aber Wegfindungs- und Balancing-Schwächen mitschleppt.

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