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Auf dem Rücken der Giganten: Warum The Wandering Village mehr als nur ein schönes Gesicht ist
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Auf dem Rücken der Giganten: Warum The Wandering Village mehr als nur ein schönes Gesicht ist

In einer Welt, in der giftige Sporen alles Leben vernichten, bauen wir unsere Siedlung auf dem Rücken eines riesigen, wandernden Wesens. Ein atmosphärisches Aufbauspiel mit Tiefgang und moralischen Dilemmata.

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Dennis Adam
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SPIEL The Wandering Village
ENTWICKLER Stray Fawn Studio
PUBLISHER Stray Fawn Studio
RELEASE 26. September 2024
PLATTFORMEN: PC | Switch | PS5 | Xbox Series X|S

Es gibt Spiele, die man startet, weil man ein komplexes Wirtschaftssystem sucht, und es gibt Spiele, die man startet, weil man sich in eine Atmosphäre verlieben will. The Wandering Village schafft den seltenen Spagat, beides zu sein. Als ich das erste Mal sah, wie mein kleines Dorf auf dem Rücken eines gigantischen, sechsbeinigen Wesens namens „Onbu“ durch eine postapokalyptische Wüste stapfte, war ich sofort gefesselt. Doch hinter der malerischen Fassade verbirgt sich ein knallhartes Überlebensspiel, das keine Fehler verzeiht.

Das Spielprinzip ist so simpel wie genial: Wir leiten eine Gruppe von Überlebenden, die auf dem Rücken eines wandernden Giganten Zuflucht gefunden haben. Während wir unsere Siedlung ausbauen, müssen wir gleichzeitig das Wohlbefinden unseres „Gastgebers“ im Auge behalten. Hier beginnt das moralische Dilemma, das The Wandering Village von anderen Genrevertretern abhebt. Soll ich dem Onbu Parasiten entziehen, um meine Bevölkerung zu schützen, auch wenn es das Tier schwächt? Soll ich Blut aus seinem Rücken zapfen, um meine Farmen zu bewässern, obwohl es ihn quält? Das Spiel zwingt uns ständig in die Rolle eines Parasiten, der gleichzeitig der einzige Beschützer seines Wirtes ist.

Grafisch ist der Titel ein absolutes Highlight. Der handgezeichnete Stil wirkt wie ein lebendig gewordenes Bilderbuch, das jedoch durch die düsteren, giftigen Sporenwolken, die regelmäßig über die Karte ziehen, einen wunderbaren Kontrast erhält. Wenn die Musik anschwillt und der Onbu durch einen Sandsturm stampft, während meine Leute hektisch versuchen, die Ernte vor den Sporen zu schützen, entsteht eine Dichte, die man in diesem Genre selten findet.

Doch wo Licht ist, ist auch Schatten. Nachdem die erste Euphorie verflogen ist, offenbart das Spiel seine mechanischen Schwächen. Das Mikromanagement kann im Mid-Game zur echten Geduldsprobe werden. Die KI der Dorfbewohner ist zwar bemüht, aber oft nicht besonders intelligent. Es kommt häufig vor, dass meine Arbeiter weite Wege zurücklegen, um Ressourcen zu transportieren, während direkt neben dem Lagerhaus ein dringenderes Problem ignoriert wird. Hier fehlt es an einer intuitiven Priorisierungs-Logik, die man bei einem ausgereiften Strategietitel erwarten würde. Man verbringt zu viel Zeit damit, den Leuten bei der Arbeit zuzusehen, anstatt strategische Entscheidungen zu treffen.

Ein weiterer Kritikpunkt ist die Progression. Während der Anfang durch das Entdecken neuer Technologien und das langsame Wachstum der Siedlung motiviert, flacht die Kurve nach etwa 15 Stunden ab. Die Herausforderungen wiederholen sich: Sporensturm, Parasitenbefall, Ernteausfall. Zwar gibt es verschiedene Biome, die unterschiedliche Strategien erfordern, aber das grundlegende Spielgefühl bleibt sehr ähnlich. Wer hunderte Stunden in Anno oder Factorio versenkt hat, wird hier vielleicht den letzten „Kick“ vermissen, der einen dazu zwingt, das gesamte System noch einmal komplett umzukrempeln.

Dennoch: The Wandering Village ist kein Spiel, das man nach einer Stunde beiseitelegt. Es ist ein Spiel, das man „spürt“. Wenn mein Onbu nach einer langen Reise erschöpft stehen bleibt und ich ihm mit einer speziellen Nahrung helfen muss, damit er weiterzieht, fühle ich eine echte Verantwortung. Es ist diese emotionale Komponente, die über die kleinen KI-Aussetzer und das repetitive Gameplay hinwegtröstet.

Für wen ist dieses Spiel also geeignet? Wer ein entspanntes, aber dennoch forderndes Aufbauspiel mit einem einzigartigen Setting sucht, wird hier absolut glücklich. Wer jedoch eine hochkomplexe Wirtschaftssimulation mit perfekter KI erwartet, könnte enttäuscht werden. The Wandering Village ist kein perfektes Spiel, aber es ist ein Spiel mit einer Seele – und in der heutigen Gaming-Landschaft ist das oft mehr wert als ein fehlerfreier Code.

Abschließend lässt sich sagen: Die Entwickler von Stray Fawn Studio haben ein Werk geschaffen, das im Gedächtnis bleibt. Es ist eine mahnende Parabel über das Zusammenleben von Mensch und Natur, verpackt in ein charmantes Strategie-Gewand. Trotz der Ecken und Kanten ist es eine klare Empfehlung für alle, die das Genre lieben und bereit sind, sich auf ein Abenteuer einzulassen, das nicht nur den Verstand, sondern auch das Herz fordert. Ich werde meinen Onbu jedenfalls noch eine Weile begleiten – auch wenn er manchmal ein sturer Brocken ist.

8.2
/10
GROSSARTIG

+ PRO

  • +Einzigartiges Setting mit einer tiefen emotionalen Bindung zum „Onbu“
  • +Wunderschöner, handgezeichneter Grafikstil
  • +Komplexes Ressourcenmanagement, das ständige Anpassung erfordert

- CONTRA

  • -Das Mid-Game leidet unter repetitivem Mikromanagement
  • -Die KI der Dorfbewohner agiert in komplexen Situationen oft ineffizient
  • -Der Umfang könnte für Hardcore-Strategen nach 20 Stunden etwas dünn werden

FAZIT

Ein atmosphärisches Aufbauspiel mit einzigartigem Setting und moralischen Dilemmata, dessen Mid-Game allerdings unter repetitivem Mikromanagement leidet.

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