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Eriksholm: Ein atmosphärisches Meisterwerk mit Ecken und Kanten
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Eriksholm: Ein atmosphärisches Meisterwerk mit Ecken und Kanten

Eriksholm: The Stolen Dream entführt uns in eine düstere, industrielle Welt voller Geheimnisse. Ein taktisches Schleich-Abenteuer, das spielerisch überzeugt, aber technisch noch etwas Feinschliff vertragen könnte.

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Tommes Parzl
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SPIEL Eriksholm: The Stolen Dream
ENTWICKLER River End Games
PUBLISHER Nordcurrent
RELEASE 15. Juli 2025
PLATTFORMEN: PC | PS5 | Xbox Series X|S

Wenn man die ersten Schritte durch die nebligen, kopfsteingepflasterten Gassen von Eriksholm macht, spürt man sofort: Hier hat jemand ein Händchen für Atmosphäre. Das Entwicklerteam hinter Eriksholm: The Stolen Dream hat eine Welt erschaffen, die sich wie eine Mischung aus viktorianischem Steampunk und einem düsteren Märchen anfühlt. Als Gaming-Journalist bei EndeNews.de habe ich in den letzten Jahren viele Strategie-Titel gesehen, die sich in ihrer Komplexität verloren haben. Eriksholm hingegen geht einen anderen Weg – und das ist auch gut so.

Die Kunst des Versteckens

Das Spielprinzip ist schnell erklärt, aber schwer zu meistern: Ihr seid in einer Stadt gefangen, die von einer repressiven Macht kontrolliert wird. Anstatt mit roher Gewalt vorzugehen, verlangt das Spiel von euch, die Schatten zu nutzen. Das Stealth-System ist das Herzstück des Spiels. Man muss Geräusche abwägen, Sichtkegel der Wachen studieren und die Umgebung manipulieren. Ein geworfener Stein, um eine Wache abzulenken, oder das gezielte Ausschalten einer Lichtquelle – die taktischen Möglichkeiten sind vielfältig und fühlen sich belohnend an.

Besonders hervorzuheben ist das Level-Design. Die Karten sind keine simplen Korridore, sondern verwinkelte Areale, die vertikales Denken erfordern. Wer nur auf dem Boden bleibt, wird schnell entdeckt. Das Erklimmen von Dächern oder das Nutzen von Lüftungsschächten ist oft der Schlüssel zum Erfolg. Hier zeigt sich die Stärke des Spiels: Es gibt selten den „einen“ richtigen Weg. Wenn man nach zehn Minuten Tüfteln endlich unbemerkt am Ziel angekommen ist, stellt sich dieses wohlige Gefühl von „Ich habe das System ausgetrickst“ ein, das ein gutes Strategiespiel ausmacht.

Wo Licht ist, ist auch Schatten

Doch wo viel Licht ist, da ist auch Schatten – und das meine ich in diesem Fall nicht nur metaphorisch. Während das Art-Design absolut erstklassig ist, offenbart die Technik bei genauerem Hinsehen einige Schwächen. Die KI der Wachen ist zwar in den meisten Fällen kompetent, leistet sich aber hin und wieder Aussetzer. Da läuft ein Wachmann stur gegen eine Wand, während ich zwei Meter neben ihm aus dem Schatten trete, oder er bemerkt mich trotz direkter Sichtlinie nicht. Das reißt einen leider immer wieder aus der ansonsten so dichten Immersion.

Auch die Steuerung ist ein zweischneidiges Schwert. Auf dem PC mit Maus und Tastatur geht das Platzieren von Befehlen gut von der Hand, aber in hektischen Momenten – wenn man schnell reagieren muss, weil ein Plan schiefgelaufen ist – wirkt die Steuerung etwas schwammig. Die Spielfigur reagiert manchmal einen Tick zu träge, was in einem Spiel, das Präzision erfordert, frustrierend sein kann. Ich habe mehr als einmal den Controller (oder die Maus) verflucht, weil ein Klick nicht so präzise registriert wurde, wie ich es mir in einer kritischen Situation gewünscht hätte.

Eine Geschichte ohne Worte

Was Eriksholm jedoch von vielen Genre-Kollegen abhebt, ist das Storytelling. Das Spiel verzichtet weitgehend auf lange Zwischensequenzen oder endlose Dialogboxen. Die Geschichte wird durch die Umgebung, kleine Notizen und das Verhalten der NPCs erzählt. Man spürt die Unterdrückung, man riecht förmlich den Ruß der Fabriken. Es ist eine melancholische, fast schon poetische Erfahrung, die einen trotz der spielerischen Frustmomente immer wieder zurückkehren lässt.

Ein weiterer Punkt, den man kritisch hinterfragen muss, ist der Wiederspielwert. Sobald man die Mechaniken durchschaut hat und die Kampagne beendet ist, gibt es wenig Anreiz, die Stadt erneut zu besuchen. Es fehlen alternative Pfade oder ein „New Game Plus“-Modus, der das Spielgeschehen grundlegend verändern würde. Für ein Spiel, das sich als taktisches Schwergewicht positioniert, ist das ein wenig schade.

Fazit

Eriksholm: The Stolen Dream ist kein perfektes Spiel. Es hat seine technischen Macken, eine KI, die manchmal Urlaub macht, und eine Steuerung, die in Stresssituationen an ihre Grenzen stößt. Doch all das verblasst, wenn man sich auf die Atmosphäre einlässt. Es ist ein Spiel für Strategen, die Geduld mitbringen und die Herausforderung suchen, nicht durch rohe Gewalt, sondern durch Köpfchen zu gewinnen.

Wer Spiele wie Desperados III oder Shadow Tactics liebt, wird auch hier seinen Spaß haben. Eriksholm ist ein atmosphärisches Juwel, das zwar noch ein wenig Politur vertragen könnte, aber bereits jetzt zeigt, dass das Genre der Stealth-Strategie noch lange nicht tot ist. Eine klare Empfehlung für alle, die gerne im Schatten agieren und eine Welt voller Details zu schätzen wissen. Für den nächsten Patch wünsche ich mir lediglich ein wenig mehr KI-Konsistenz – dann wäre das Spiel ein absoluter Pflichtkauf für jeden Strategie-Fan.

7.8
/10
GUT

+ PRO

  • +Herausragendes, düsteres Art-Design mit viel Liebe zum Detail
  • +Tiefgründiges Stealth-Gameplay, das kreative Lösungswege belohnt
  • +Packende Erzählweise, die ohne unnötige Exposition auskommt

- CONTRA

  • -Gelegentliche KI-Aussetzer bei den Wachen
  • -Steuerung in hektischen Momenten etwas schwammig
  • -Begrenzter Wiederspielwert nach Abschluss der Kampagne

FAZIT

Ein atmosphärisches Stealth-Taktik-Abenteuer mit großartigem Art-Design, dessen KI-Aussetzer und begrenzter Wiederspielwert etwas bremsen.

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